Zugegeben: Eine seltsame Verknüpfung: Weihnachten-Gott-schwanger und dazu das Titelbild dieser Ausgabe des Gemeindebriefes. Es provoziert, es lädt geradezu ein zum Protest. Allerdings genau darin liegt eine Chance, die Chance, neu über Weihnachten nachzudenken.
Adventszeit, Weihnachten. Für die einen: Zeit der alten Bräuche und liebevollen Heimlichkeiten – für die anderen: Zeit der Atemlosigkeit, der Hektik – für dritte: Höhepunkt der Resignation im Jahreslauf – was soll denn der ganze Zauber? Lebkuchen und Marzipan und Kerzenschein halten doch unsere Welt nicht mehr zusammen.
Und für uns? Wie füllen wir, wie leben wir diese vier Wochen und schließlich auch das Weihnachtsfest selbst? Das ist meine Frage.
Und wenn von altersher die Zeit vor Weihnachten eine Zeit des Hoffens und Erwartens war, dann steckt in meiner Frage verhüllt die andere: Worauf hoffen wir? Gibt es noch eine Hoffnung? Mit Gott schwanger gehen?
Was wir brauchen ist Nüchternheit. Warum? – Weil wir sonst mit unserer Art Weihnachten zu feiern nichts anderes tun, als die Realität zu vernebeln. Für ein paar schöne Stunden im Jahr die Sorgen und Nöte vergessen. Nicht, dass ich all das mir selbst und anderen nicht gönnen würde oder gar mutwillig zerstören will, was unsere geschundene Welt lebenswert und schön macht. Nein, sondern weil dadurch dieses große Fest der Christenheit für mich so schrecklich klein gemacht, ja, geradezu verniedlicht wird.
Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte – nicht in unsere: in die Geschichte des Volkes Israel:
Am Tiefpunkt der Geschichte Israels: Die Einheit des Staates ist verloren,
Israel und Juda sind zwei getrennte Teilstaaten, Jerusalem ist von den
Babyloniern zerstört, die Bewohner sind von den Siegern verschleppt und
leben im Exil, in Juda regiert ein Vasall von Babylons Gnaden, die Regierenden sind verantwortungslos, sind korrupte Rechtsbrecher – an diesem Tiefpunkt der Geschichte steht der Prophet Jeremia auf und sagt:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird:
"Der Herr unserer Gerechtigkeit". (Jeremia 23, 5-6)
Das sind absurde Worte. Für diese Hoffnung gibt es in der Realität der Zeitgenossen aber auch nicht den geringsten Anknüpfungspunkt. Dennoch wird sie ausgesprochen, und sie geht seitdem mit durch alle Geschichte – in der Geschichte der Hoffnungslosen sitzt sie fest als ein Stachel, der die kritische Anfrage an korrupte oder leichtfertige oder ungerechte Herrschende zu aller Zeit wach hält – zugleich als die Anfrage, aus der wir uns selbst nie herausstehlen können. Aber es genügt nicht, die alte Hoffnung Jeremias, sein "Siehe, es wird die Zeit kommen" einfach zu wiederholen, beschwörend in unsere Hoffnungslosigkeit hineinzurufen. Nein, wir müssen genauer hinsehen.
Dann muss man sagen: Jeremias Verheißung ist noch immer nicht erfüllt. Die Erfüllung steht noch aus. Es ist zu einfach, Jesus kurzerhand als Erfüllung der alten Verheißung einzusetzen – woran doch Jeremia nie hat denken können und was doch kein Jude bis heute mitdenken kann. Aber wir können sagen: Jesus gehört in die Geschichte jener Verheißung hinein – als der Scheiternde. Und dass diese Verheißung heute nicht nur von Juden wachgehalten wird, sondern in christlichen Gottesdiensten ebenso, dass gehört in die Geschichte Jesu hinein – in die Geschichte dessen, dessen Rolle mit seinem Tod nicht ausgespielt war. So verknüpft sich Verheißungsgeschichte und Jesusgeschichte, Geschichte von Juden und Christen. Darum ist die alte Verheißung nicht tot: Jeremia formuliert also noch immer unabgegoltene Hoffnung. Er malt gegen die Wirklichkeit seiner wie unserer Welt Bilder an die Wand, an die mit Blut und Verderben und Unrecht verschmierte Wand. Welche Bilder?
Bilder, die sagen: Gerechtigkeit ist keine Phantasie, sondern ihre Zeit kommt; dass ihr sicher wohnen werdet, ist ein erfüllbarer Traum; alles wird neu werden, nie da gewesen, und ihr werdet etwas erfahren, mit einem Satz des Juden Ernst Bloch, der seine Bibel kannte, etwas erfahren, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".
Das ist Jeremias Vision, die bis heute unerfüllte, und "Gott" ist das Hoffnungswort, "Gott", der vor uns ist und nicht hinter uns, ist das Bürgewort für diese unabgegoltene Hoffnung.
Zugegeben: das passt nicht zur gewohnten Adventsstimmung. Es sei
denn...., dass all unser Feiern zu Advent und Weihnachten Zeichen wird
für die größere Hoffnung der Hoffnungslosen, die da sagt:
Nein – keines der gängigen Hoffnungsangebote tröstet mich; nein –
keinen Augenblick bin ich bereit, mich durch unwahre Verniedlichung der
Bedrohungen täuschen zu lassen; nein – an Frieden durch Gewalt glaube
ich nicht. Das ist: Hoffnung als Widerspruch gegen so viel Täuschung
und Selbsttäuschung. Das ist: unbescheidene Hoffnung. Das ist: Hoffnung
als Protest.
In diesem Sinne wünsche ich ihnen und ihren Familien eine lebendige Adventszeit und ein hoffnungsfrohes Weihnachtsfest!
Ihr
Ulrich Knödler
(Pfarrer in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)