Aus der Redaktion: Das Titelbild - Pro und Contra

Dass sich unser Gemeindebrief in der letzten Zeit verändert hat, ist nicht unbemerkt geblieben. Er hat sich von einem reinen Mitteilungsblatt zu einem wichtigen Gesprächsforum in unserem Gemeindeleben entwickelt. Es wird nicht mehr nur mitgeteilt, sondern es werden Themen besprochen, diskutiert und kommentiert. Dabei ist es unser Ziel nicht nur den "aktiven" oder "inneren" Teil unserer Gemeindeglieder zu erreichen, sondern mit einer Auflage von 2200 Stück und einem erheblichen finanziellen Aufwand geht es uns gerade auch um diejenigen, die mit unserem Gemeindeleben nur sehr distanziert zu tun haben. Dabei geht es oft um Sekunden. Und zwar genau um die Sekunden, die man benötigt, um den Gemeindebrief aus dem Briefkasten zu nehmen, einen kurzen Blick auf sein Äußeres zu werfen, um ihn dann zusammen mit Werbezetteln in der Papiertonne zu entsorgen. - Ungelesen, natürlich.

Unsere Hoffnung ist, dass unsere Titel, auch der, für den wir uns dieses mal entschieden haben, dazu führen, dass immer mehr unserer Gemeindeglieder sich in diesen wenigen Sekunden dafür entscheiden, doch einmal reinzuschauen, wegwerfen kann man ihn ja immer noch. Das ist ein hoher Anspruch und führt immer wieder zu heftigen Diskussionen innerhalb der Redaktion. Wir sind überaus lebendig und merken, wie sich das in das Innere unseres Gemeindelebens überträgt. Der Gemeindebrief ist plötzlich im Gespräch: Wann hat sich denn schon mal jemand über den Titel eines Gemeindebriefes aufgeregt? Ein reines Mitteilungsblatt soll auch nicht aufregen, sondern einen relativ kleinen Kreis informieren.

Dennoch gibt es hier Grenzen, auch was die Diskussionen in der Redaktion angehen. Wir machen das in dieser Ausgabe einmal transparent, indem wir sehr pointiert die Pro und Contra Position zum aktuellen Titel veröffentlichen. Sie, liebe Leser, sind herzlich eingeladen sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Schreiben sie uns, mailen sie, nehmen sie über unsere Homepage Kontakt mit uns auf: Es geht immerhin um Weihnachten!

Ulrich Knödler

Pro

Eine nackte Männerwampe, dazu die Botschaft "Mit Gott schwanger gehen". Klar, der neue Titel lässt unsere Erwartungen ins Leere laufen: so wurde Weihnachten hier noch nicht dargestellt. Ein breites Grinsen wird man sich bei diesem Anblick nur schwer verkneifen können. Zugleich aber verunsichert die Kombination aus Bild und Text: ist der "schwangere" Mann nicht irgendwie respektlos? Zumal auch von Weihnachten die Rede ist? Das sei ferne! Ich erkenne im Titel einen anderen Mechanismus: weder Weihnachten noch Gott werden hier lächerlich gemacht.

Vielmehr stellt der Titel unser Bild von Weihnachten in Frage. Unsere Erwartung, wie man Weihnachten gefälligst darzustellen hat, wird kritisch hinterfragt, weil es sich bei dem Bild um eine Überspitzung handelt. Indem statt Maria oder einer "gängigen" Krippenszene ein Männerbauch dargestellt wird, heben Text und Bild die historische Distanz von 2000 Jahren auf. Die Schwangerschaft kann plötzlich uns "passieren". Sogar Männern. Text und Bild sagen mir folgendes: Gott ist kein theoretisches Konstrukt und keine Liebes- Metapher – er ist erfahrbar. Gott kann uns begegnen, uns berühren, unser Leben verändern. Menschen können von Gott berührt werden und sie können etwas zur Welt bringen – oder diese Geburt "unterdrücken". Es ist möglich, sich von Gott berühren zu lassen und dadurch als Gefäß zu fungieren.

Ein prominentes Beispiel für eine solche "Männerschwangerschaft": Zwischen seinem Bekehrungserlebnis in Damaskus, als Gott sich dem Christenverfolger Saulus in den Weg stellt, und dessen ersten Reisen als christlicher Missionar (jetzt als Paulus) liegen 12 Jahre. Eine lange Zeit, in der Saulus mit Gott schwanger gegangen ist. Gott will (und kann) die historische Distanz überwinden und uns persönlich begegnen. Das ist die Weihnachtsgeschichte. Und so verstanden finde ich den Titel sehr gut.

Holger Senft

Contra

1. Ich finde den Titel blöd. Der Ausdruck "mit etwas schwanger gehen" bedeutet nicht: "schwanger sein", sondern "sich etwas überlegen, über etwas nachgrübeln." Ein Kopf wäre vielleicht passender.

2. Gott wird Mensch, das ist etwas so Großartiges und Einmaliges, das gibt es nur im Christentum. Gott schlüpft in unsere Haut, um uns ganz nahe zu gar nicht mehr ermessen, uns ist alles nicht mehr wichtig. Die Einmaligkeit des Weihnachtsgeschehens opfern wir um eines billigen Gags willen. "Gebt unserem Gott die Ehre" - so nicht!

3. Die Provokation und die grenzenlose Vereinfachung von Weihnachten und Christi Geburt, finde ich absolut nicht originell, sondern ziemlich "ausgetreten". Warum muss man Menschen, für die Weihnachten auch eine feierliche und vielleicht sogar "heilige" Dimension hat, leichtfertig verärgern oder gar kränken? Soll das etwa ein "Stein des Anstoßes" sein? Aber dazu ist es zu billig und simpel.

4. Letztlich ist die Umsetzung auch kein besonderes Marketing-Argument: sie ist hässlich und zwar in einem ästhetischen Sinn.

Wilfried Haamel