Erfahrungen aus Südafrika

Vielleicht kennen mich einige Gemeindeglieder der Luthergemeinde noch, ich war in meiner Kindheit und Jugend in die Kirchenmusik der Gemeinde durch Kinder- und Jugendchor, Kantorei, Orffkreis und Blockflöten- und Klavierunterricht bei Herrn Weyrich eingebunden.

Seit über einem Jahr bin ich in Südafrika. Mich hat es hierher verschlagen, weil ich nach dem Bestehen meines 2. juristischen Staatsexamens in Stuttgart einen internationalen Titel, den "Master of Laws" erwerben wollte. Ich graduiere im Dezember 2004 und plane für die Zeit ab Januar 2005, meinen Doktortitel in Jura zu machen. Südafrika ist ein Land der Kontraste: Subtropisches Klima am Indischen Ozean, die Halbwüste der Karoo im Nordwesten, Savanne im Nordosten und europäisch anmutende Weingegend am Kap. In eben diese Weingegend hat es mich verschlagen: Stellenbosch, 30 km entfernt von traumhaften Stränden und 50 km nordöstlich von Kapstadt, inmitten von Weinfeldern und umgeben von den wunderschönen Jonkershoek Bergen. Stellenbosch ist, gegründet 1679, nach Kapstadt die zweitälteste Stadt Südafrikas.

Diese Stadt, wie übrigens ganz Südafrika, welches ich ausgiebig bereist habe, weckt in mir gemischte Gefühle.

Auf der einen Seite ist Stellenbosch ein traumhaftes kleines Städtchen. Es ist geprägt von der Universität, die Stadt hat 50.000 Einwohner, es gibt 15.000 Studenten. Stellenbosch wird die Eichenstadt genannt und außer vielen Bäumen trägt viel Grün dazu bei, diese Stadt so schön zu machen. Die weißen Weinfarmen, die die Stadt umgeben sind entzückend und die vielen alten viktorianischen Häuschen geben Stellenbosch dieses spezielle Flair, für die es Einwohner wie Touristen lieben. Es gibt viele Wanderwege in den vielen Bergen und Naturreservaten, die direkt an Stellenbosch angrenzen. Die Stellenbosch Weinregion ist die älteste Weinregion der südlichen Hemisphäre und für ihre Weine nicht nur bei Weinexperten, sondern auch beim "einfachen Studenten" sehr geschätzt.

Stellenbosch ist ein sehr traditionelles Städtchen und typisch Afrikaans, d.h. in der Stadt selbst wohnen größtenteils afrikaanssprechende "Weiße". Wenn man bedenkt, dass nur 10 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung "weiß" ist, 75 Prozent "schwarz", 9 Prozent "farbig" und 3 Prozent indischer Abstammung ist, ist die Zusammensetzung der Bevölkerung Stellenboschs doppelt erstaunlich. Nicht aber, berücksichtigt man die Geschichte Stellenboschs und die Vorreiterrolle der Universität als eine der Eliteuniversitäten und des "Harvard Afrikas" in der Apartheitszeit.

Die andere Seite Stellenboschs ist, dass, während viel "Weiße" in den wunderschönen viktorianischen Häusern leben, die meisten "Schwarzen" in Stellenbosch im Township Kayamandi wohnen. Kayamandi liegt am Stadtrand, in Gehdistanz vom Industriegebiet und recht weit von der Innenstadt Stellenboschs. Der Name bedeutet so viel wie "schönes Zuhause", was dem neutralen Betrachter beim Anblick der Baracken und Wellblechhütten nicht als erster Name für diese Siedlung einfällt.

Kayamandi wurde in den frühen 50er Jahren gegründet, seine Grösse beträgt ein bisschen mehr als 1 km². 1988 lebten hier ca. 4.000 Menschen, wie viele es heute sind, ist nicht bekannt. Schätzungen liegen zwischen 18.000 und 20.000. Im Jahre 2000 lebten 62 % der Einwohner Kayamandis in Baracken und Wellblechhütten, 23% in einem Fertighaus, in dem jede Familie ca. 6 m² Platz hat. Noch immer ist auch die Versorgung der Einwohner mit fließendem Wasser und ausreichend Toiletten nicht gesichert.

Südafrika hat nach 10 Jahren Freiheit durch seine Vergangenheit bedingt, in der die Apartheitsregierung die "Rassen" fein säuberlich "klassifiziert" und getrennt und die "nicht-weiße" Bevölkerung von ausreichender Bildung, politischer Mitbestimmung und wirtschaftlicher Teilhabe zumeist ausgeschlossen hat, noch immer viele Probleme wie z.B. mit mangelhafter Ausbildung der breiten Masse, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, HIV/Aids, den riesigen Townships. Die ökonomische Macht im Land liegt noch immer weitgehend in "weißen" Händen.

An der Universität Stellenbosch gibt es trotz ernsthafter Bemühungen der Leitung, mehr "schwarze" Studenten zu immatrikulieren, noch immer zu wenig "nichtweiße" Studenten. Die meisten "schwarzen" Studenten in Stellenbosch sind internationale Studenten aus ganz Afrika.

Ein großes Problem für mich in Stellenbosch ist, dass man oft in den Köpfen der Einwohner "Apartheid" noch immer zu spüren bekommt. Abgesehen von den ökonomischen Unterschieden und den Unterschieden in den Lebensbedingungen, gibt es noch immer auffallende Abneigungen der Menschen verschiedener Hautfarben gegeneinander. Besucht man die Mensa der Universität, fällt auf, dass "Schwarze" meist mit "Schwarzen" essen, "Farbige" mit "Farbigen" und "Weiße" mit "Weißen". Auf dem Campus laufen meist auch die "Hautfarben" säuberlich getrennt. Durchbrochen wird dieses Bild ein wenig von den internationalen Studenten aller Hautfarben, die diese "Rassentrennung" nicht gewöhnt sind und sich größtenteils einfach hemmungslos mit Menschen anderer Kulturen unterhalten und anfreunden.

Ich bin mir bewusst, dass es auch Südafrikaner gibt, die sich am "Rassenbewusstsein" stören und versuchen, etwas dagegen zu tun. Das Land braucht aber noch mehr Menschen, die so denken. Es geht darum, dem Einzelnen klarzumachen, dass mehr getan werden muss, um Südafrika wirklich zu einer Regenbogennation zu machen, in der alle Hautfarben ohne Vorurteile zusammenleben. Viele Vorurteile und Ängste entstehen durch Unkenntnis. Die Verantwortung eines jeden einzelnen liegt darin, sich weiterzubilden, sich selbst über fremde Kulturen zu informieren, offen zu sein für andere Weltanschauungen und Lebensweisen und ein Stück für sein eigenes Leben daraus zu ziehen und es dadurch noch ein bisschen reicher zu machen. Vielleicht kann man sich ein Beispiel an kleinen Kindern nehmen, die nicht auf die Idee kommen, zwischen Hautfarben zu unterscheiden, sondern so etwas wie "farbenblind" sind. Südafrika ist ein traumhaft schönes Land und Stellenbosch ist eine wunderschöne Stadt. Südafrika hat das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben seiner Einwohner verdient.

Ich wünsche der Luthergemeinde, dass sie ein Ort von und für Menschen ist, die offen aufeinander zugehen und keine Angst vor dem Fremden und vor neuen Erfahrungen haben. Nur auf diese Art ist es möglich, in einer Stadt mit so vielen verschiedenen Kulturen, wie Offenbach es ist, friedlich, freundschaftlich und zufrieden miteinander zu leben.

Isabel Haamel

Anmerkung:

Mir ist es ein Anliegen, an dieser Stelle klarzustellen, dass ich mich von der Annahme, es gäbe mehr als eine menschliche Rasse, ausdrücklich distanziere. Zudem widerstrebt es mir, in meinem Artikel zwischen "schwarz", "weiß", "farbig" und "indisch" zu unterscheiden. Ich muss dies leider der Einfachheit halber tun, um meine Eindrücke verständlich zu machen. Das setzen in Anführungszeichen soll dies verdeutlichen.