Angedacht

"Karfreitag - Ende gut. Alles gut?"

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

stellen Sie sich einmal vor, die Inschrift über dem Todeskreuz Jesu damals vor über 2000 Jahren wäre gewesen: "Ende gut. Alles gut". Wie makaber. Wie sarkastisch. Nun gut: vielleicht hat der Titel "König der Juden", als es dann zu spät und Jesus tot war, ganz ähnlich geklungen. Polemisch. Makaber. Voller Hohn.

"Ende gut. Alles gut." Möchten Sie das am Ende Ihres Lebens als Grabinschrift haben? Passt das als abschließendes Motto zu Ihrem Leben? Ist dieser Ausspruch erstrebenswert?

"Ende gut. Alles gut." Ist das alles, was wir als Christen nach unserem Erdenleben von Gott als Trost erwarten dürfen? Wenn es ein abschließendes, bewertendes Gespräch zwischen Gott und mir über mein Leben einmal geben wird (was wir traditionell Gericht nennen), über das Für und Wider, das Gelungene und Misslungene, das Gute und Schlechte in meinem Leben – finde ich das als Absolution dann angemessen: Ende gut, alles gut? "Ist ja gut, alles nicht so schlimm" verbirgt sich hinter diesem Satz. Was aber ist mit meiner Schuld und Sünde? Alles nicht so schlimm? Wenn am Ende alles gut ist – so oder so, dann ist ja eigentlich auch alles egal.

Ende gut, alles gut? Und dazu das Bild. Ein Fuß. Ein Nagel. Ein Schmerz. Nein! Schmerzen! Qual! Tod! Soll das ein gutes Ende sein? Ein Ende ja, aber gut? Mein Gott, nein!

Karfreitag ist das Ende alles Guten. Karfreitag ist das Ende alles Gutgemeinten, Gutgedachten, Gutgesprochenen. Karfreitag ist keine "Gute-Nachtgeschichte". Es ist die Nachtgeschichte der Finstersten aller Nächte. Es ist das Ende der Welt. Es ist das Ende nicht nur eines Lebens, sondern aller Lebenshoffnung! Und so bleibt nichts, aber gar nichts, an dem noch ein gutes Haar wäre.

Alles aus. Alles zu Ende. Jesus am Kreuz und Gott am Ende. Was so vielversprechend angefangen hatte, hat ein furchtbares Ende genommen. Ein Schrei. Dann Schweigen. Stille. Totenstille. Grabestiefe. Finsternis.

Da kommt er nicht mehr raus. Da kommt keiner mehr raus. Das war’s.

Würde ich nur über Karfreitag schreiben, dann wäre mein Text hier zu Ende. Ich hätte nichts mehr zu sagen. Ich wäre am Ende.

Aber es kam anders.

Es kam nicht besser als gedacht. Es wurde auch nicht wieder gut. Es hatte auch niemand noch mal Glück gehabt.

Es kam ein neues Leben. Ein neuer Gott. Eine neue Welt. Es kam die Liebe. Nicht irgendeine. Es kam die Liebe, die uns Menschen liebt, wie sonst nichts auf der Welt.

Es kam: Gott mit uns bis ans Ende aller Zeiten. Es kam: Gott mit uns trotz allem, was wir tun und anderen Menschen antun, trotz allem, was uns drückt und mehr noch, wo wir andere niederdrücken. Trotz allem, was wir uns zu Schulden kommen lassen und anderen aufschultern.

Nichts. Nichts gibt es mehr, das uns von Gott trennen kann. Gott selbst ist in den Tod gegangen und hat mit der Todeserde all unsere Schuld und Schande und all unseren Schmerz verschlungen. Gott war tot. In seinem Sohn. An unserer Statt - für uns.

Doch Gott hat sich selbst übertroffen. Gott ist neu geworden. Gott ist gnädig und liebend, barmherzig und treu wie niemals zuvor. Gott ist lebendig. Und bleibt es. Das ist Jesu Auferstehung. Das ist der Sieg aller Liebe über den Tod. Das ist Ostern.

Und deshalb gibt es kein Ende mehr, dem Gott nicht gewachsen wär’.

Eine gesegnete Passionszeit und eine frohmachende Osterzeit wünscht Ihnen Ihre

Helga Weber, Febuar 2005
Pfarrvikarin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)