Im Jahr 2004 bestand unsere Lutherkirche 90 Jahre, und in den vorherigen Gemeindebriefen war unter der Überschrift "90 Jahre Luki" berichtet worden
Derartige geschichtliche Betrachtungen betreiben wir - nicht, weil wir uns aus der Vergangenheit definieren würden oder sie als die "gute alte Zeit" ansehen würden, - nicht, weil sich nichts ändern dürfte, - nicht, weil aus der Geschichte Allgemeingültiges gelernt werden würde, sondern wir befassen uns mit der Vergangenheit, um die Entwicklung zur heutigen Situation zu verstehen und mit dieser Kenntnis und unserem gemeinsamen Fundament die Zukunft zu gestalten.
Unsere Lutherkirche ist eine der evangelischen Kirchen Offenbachs, und daher ist die Frage nach der Zukunft der Lutherkirche, etwa "Die Lutherkirche nach 2005 ?", als Teil mit enthalten in der Frage nach der Zukunft der Offenbacher evangelischen Kirchengemeinden; und hierfür kündigen sich tiefgreifende Veränderungen und bevorstehende Umbrüche an.
Die Zeit zwischen 1850 und 1970 hatte zur Vergrößerung unserer Stadt geführt, durch Industrialisierung und Landflucht sowie durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Wie in dem Beitrag "Der Stammbaum der evangelischen Gemeinden Offenbachs" geschildert, wurden in den neuen Stadtteilen dementsprechend auch evangelische Kirchengemeinden neu gegründet; Beweggrund dafür war die Einstellung, dass die Kirche dass man vermeiden wollte, große Bezirksgemeinden zu bilden, die sich vielleicht über mehrere Stadtteile erstreckt hätten; auch wohnten ja in den neu gebildeten Gemeindebezirken jeweils genügend viele Evangelische.
Nun ist das Wachstum der Stadt Offenbach seit drei Jahrzehnten abgeschlossen, und in der Zwischenzeit wirken sich die danach eingetretenen sozialen Veränderungen insbesondere auch auf die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung aus: einerseits entstand eine gewisse "Stadtflucht", indem das Umland unseres Ballungsraums als Wohngebiet für die jüngere Generation erschlossen wurde, so dass solche Familien in unseren Stadtgemeinden nun seltener geworden sind; andererseits erfolgte ein verstärkter Zuzug von Mitbürgern nichtdeutscher Herkunft in den weniger nachgefragten älteren Wohnungsbestand im Stadtbereich, und nur wenige dieser neu Zugezogenen sind evangelisch.
Durch diese spezielle örtliche Situation wurde der landesweite Rückgang der Mitgliederzahl unserer Kirche im gesamten Offenbacher Stadtgebiet massiv verstärkt. Dies hat Auswirkungen auf die Ausstattung unserer Gemeinden mit Personal, Geld- und Sachmitteln, die zu wichtigen Teilen aus den Kirchensteuer-Einnahmen unserer Landeskirche finanziert wird und sich an der Zahl der Gemeindeglieder orientiert: In allen evangelischen Kirchengemeinden unserer Stadt wurden in den zurückliegenden Jahren Personalstellen eingespart, und manche frühere Angebote mussten verändert oder eingeschränkt, zum Teil auch eingestellt werden.
Im Rückblick auf unsere eigene Gemeinde sind uns Beispiele für diese Veränderungen vertraut: so wurde in früherer Zeit die Jugendarbeit durch Diakone, Gemeindehelferinnen oder Gemeinde-Pädagogen hauptamtlich betreut, was nun schon lange nicht mehr möglich ist und nur teilweise durch ehrenamtliche Mitarbeiter ersetzt werden konnte; hatte unsere Gemeinde bei ihrer Gründung im Jahr 1956 zwei Pfarrstellen und zwei zugehörige volle Sekretariatsstellen, so verfügen wir gegenwärtig noch über 1,5 Pfarrstellen und eine halbe Sekretärinnenstelle; auch unsere jeweilige Küsterin ist nun schon seit geraumer Zeit nur noch mit einer halben Stelle angestellt, was eine wöchentliche Arbeitszeit von 19,25 Stunden bedeutet.
In mehreren Offenbacher Gemeinden mit geringerer Mitgliederzahl hat diese Entwicklung bereits dazu geführt, dass für die dortige Gemeinde gegenwärtig jeweils nur eine halbe Pfarrstelle zur Verfügung steht. Weitere Pfarrstellen oder Pfarrstellen-Teile in Offenbach sind bereits als künftig wegfallend vorgesehen.
Ebenso war in der zurückliegenden Zeit schon das evangelische Rüst- und Freizeitenheim "Martin-Luther-Haus" auf der Rosenhöhe aufgegeben worden; es hatte dem Evangelischen Gemeindeverband Offenbach gehört, und dort waren auch übergemeindliche Veranstaltungen wie die Senioren-Stadtranderholung und über Jahrzehnte die Kinder-Stadtranderholung während der Sommerferien durchgeführt worden.
Darüber hinaus erhöht jetzt unsere Landeskirche gemäß Beschluss der Landessynode aus Einsparungsgründen bei den Bau- und Personalkosten nach und nach den Eigenanteil der Gemeinden; dieser Teil ist dann nicht aus Kirchensteuermitteln sondern aus den Spendenmitteln der einzelnen Gemeinde abzudecken. Damit sollen also regelmäßige Ausgaben für Personal und Bau-Unterhaltung in zunehmendem Maße aus unregelmäßigen Einnahmen bezahlt werden.
Bei der Altersstruktur unserer Offenbacher Stadtgemeinden ist ein weiterer Rückgang der Mitgliederzahlen absehbar, so dass man jetzt davon ausgehen muss, dass auf Dauer nicht mehr die bisherigen 14 Bezirksgemeinden in unserer Stadt als selbständige Kirchengemeinden bestehen bleiben können; es sind dies gegenwärtig die Erlösergemeinde in Offenbach-Waldheim, die evangelische Kirchengemeinde Offenbach-Bieber, die Friedenskirchengemeinde, die Gustav-Adolf-Gemeinde in Offenbach-Bürgel, die Johannesgemeinde, die Lauterborngemeinde, die Lukasgemeinde in Offenbach-Tempelsee, die Luthergemeinde, die Markusgemeinde, die Matthäusgemeinde, die Paul-Gerhardt-Gemeinde, die Schloßgemeinde in Offenbach-Rumpenheim, die Schloßkirchengemeinde und die Stadtkirchengemeinde. Die evangelischen Christen Offenbachs werden sich zukünftig wohl in eine wesentlich geringere Zahl von Kirchengemeindengliedern müssen.
Hierzu werden in den derzeitigen Offenbacher Gemeinden Überlegungen anzustellen sein, etwa zu Fragen nach themenbezogener Zusammenarbeit in gegenseitiger Ergänzung, oder über die Zusammenlegung benachbarter Gemeinden - der es ist auch die Möglichkeit zu bedenken, ob eine vollständige Neu-Einteilung der Offenbacher Gemeindebezirke längerfristig hilfreich sein könnte.
Derartige Änderungen wären sicherlich ein wesentlich schwerwiegenderer Eingriff in gewachsene Strukturen als in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts; damals konnte Wachstum verteilt werden, jetzt müssen Einschränkungen gemeinsam getragen werden. Die frühere Umgliederung kann dabei nicht einfach rückgängig gemacht werden. Die damals "jungen" Gemeinden sind inzwischen etabliert; sie haben ihre Identität und ihr Selbstverständnis gefunden. In jeder Offenbacher Gemeinde bildet die Kerngemeinde eine eigene Gemeinschaft, und sie ist beispielsweise auf das jeweilige Kirchengebäude bezogen, wo das Gemeindeleben nun seit mehr als 30 Jahren stattfindet; die dabei eingeübten und vertrauten Gewohnheiten bieten Sicherheit und Geborgenheit.
Längerfristig werden jedoch im Zusammenhang mit einer neuen Struktur manche Gemeindegebäude aufgegeben werden müssen, weil sie nicht mehr unterhalten werden können. Dies ist sehr schwierig und für die unmittelbar Betroffenen höchst schmerzhaft, wie zum Beispiel im benachbarten Frankfurt der Konflikt um das Gebäude der dortigen Matthäuskirche an der Friedrich-Ebert-Anlage zwischen Hauptbahnhof und Messegelände zeigt. Bei solchen Entscheidungen ist dann gegenseitiges Ernstnehmen und solidarisches Handeln erforderlich, in der Verantwortung für das gemeinsame Anliegen der evangelischen Kirche in Offenbach.
Einige erste Versuche zur zwischengemeindlichen Zusammenarbeit waren in den zurückliegenden Jahren unterschiedlich erfolgreich. Mit der Gefahr finanzieller Austrocknung entsteht nun die aktuelle Notwendigkeit, Strukturveränderungen in naher Zukunft vorzunehmen.
Ein Konzept, das auf breiter Basis Konsens findet, muss noch erarbeitet werden.
Karl Hainer