"Sie müssen die Leute mit dem Lasso wieder einfangen!"

Interview mit Hans-Georg Ruppel, dem Offenbacher Stadtarchivar

Gemeindebrief:
Herr Ruppel, wann waren Sie das letzte Mal in der Lutherkirche?

Foto: © Holger Senft

Hans-Georg Ruppel

Ruppel:
Das letzte Mal in der Lutherkirche, das kann ich insofern nicht sagen, weil ich nicht mehr genau weiß, wann ich für die Damen mittwochs einen Vortrag gehalten habe. Moment, das müsste im März gewesen sein. Ich habe mir meine letzte Einladung in die Lutherkirche verdient, weil ich Weihnachten vergangenen Jahres gefragt habe, ob ich Sylvester mit auf den Turm darf. Dafür würde ich dann auch den Damen wieder einen Vortrag halten.

Gemeindebrief:
Es kommt also schon öfter vor, dass Sie in der Lutherkirche sind und Vorträge halten?

Ruppel:
Ja, das mache ich dann für die Senioren. Da ist dann auch die Frau Keil. Die backt mir manchmal auch einen Kuchen. Es gibt also eine Verbindung. Zumal ich ja auch Schäfchen der Lutherkirche bin. Oder ein Schaf. Durch private Kontakte bin ich aber meistens in der Stadtkirche.

Gemeindebrief:
Das heißt, da ist schon eine Beziehung zur Lutherkirche da.

Ruppel:
Ich bin durch meine Arbeit mit Vorträgen bei sehr vielen Kirchengemeinden tätig.

Gemeindebrief:
Zu Ihnen als Stadtarchivar kommen ja sehr viele Leute mit ganz unterschiedlichen Anliegen und Fragen. Das heißt, dass Sie sich sowohl in lokalgeschichtlichen Ereignissen, als auch in deutscher Geschichte generell (und nicht nur in deutscher) gut auskennen müssen. Wie eng hängt die Verbindung von Lokal- und Globalgeschichte für Sie zusammen?

Ruppel:
Nehmen wir zum Beispiel die 1848er Revolution. Da werde ich häufig mit der Frage konfrontiert: wie ist Offenbach da berührt worden? Dass wir hier einen späteren Offenbacher Ehrenbürger hatten, der im Frankfurter Vorparlament gesessen hat, weiß zum Beispiel kein Mensch. Das streift viele Themen. Das hat erstens etwas mit Europa zu tun, das hat zum Zweiten was mit 1848 zu tun, und das hat drittens was damit zu tun, dass das Haus in Offenbach, in dem er gewohnt hat, leider abgerissen worden ist.

Gemeindebrief:
Kennen Sie den Namen noch?

Foto: © Holger Senft

Hans-Georg Ruppel

Ruppel:
Lorenz Diefenbach. Der hat dort gewohnt, wo früher mal das Café Schulte gewesen ist ... Alle Offenbacher kennen das Café Schulte. Und in diesem Haus hat er gewohnt. So um 1848 rum. Es wäre für mich wichtig gewesen, da eine Tafel anzubringen.
Einfacher ist es natürlich, das Haus abzubrechen und so ein etwas kühles Wohn- und Geschäftshaus dran zu bauen. Rein historisch betrachtet muss ich da natürlich sagen: das hat was mit der Paulskirche zu tun, und und und ...
Oder die Geschichte des Offenbacher Weihnachtsmarkts hat natürlich auch damit zu tun: wann kommt so was? Und wann kommt der erste Weihnachtsbaum nach Offenbach? Und das ist halt schon eine gewisse Verzahnung mit überregionalen Themen. Und wenn sie dann sagen: in Offenbach haben wir dann und dann die Straßenbahn gehabt. Oder dann ein Hallenbad. Das fünfte im damaligen deutschen Reich. Das Stadtbad, das auch abgerissen worden ist. Oder das Krematorium. Auch das dritte oder vierte auf dem Gebiet des deutschen Reiches. So was hat natürlich Wechselwirkungen. Das ist einmal für Offenbach wichtig und dann wird’s auch im anderen Zusammenhang bedeutend, wenn sie als Historiker sagen, in Gotha hat’s das erste gegeben. Dann kann man sagen: Gut, wir sind hier in Offenbach also mit in der Reihe ganz vorne. Führend. Oder das Krankenhaus. Das Hospital. Das wurde auch abgebrochen. Das ist eben auch eine ganz interessante Geschichte. Das Hospital wurde 1858 tatsächlich als Hospital eingeweiht – deswegen heißt ja auch die Hospitalstraße so, das weiß ja heute auch kein Mensch mehr. Und darum heißt ja auch die Bahnhofstraße so. Weil da jetzt ein Parkdeck steht. Das war früher die Lokalbahn. Und viele Leute sagen: ich weiß gar nicht, was die Offenbacher haben – da gibt’s keinen Bahnhof. Und das Hospital, 1858 gebaut, hat dann hygienischen Anforderungen nicht mehr genügt und wird dann 1894 durch das Stadtkrankenhaus ersetzt. Da brauchte man also dann kein Hospital mehr dort und hat ein modernes weiter draußen am Starkenburgring gebaut. Und dann wird das Hospital plötzlich in eine Mädchenberufsschule umfunktioniert und ist die Vorläuferin der heutigen Käthe-Kollwitz-Schule gewesen. Und das nachzuvollziehen, zum Beispiel die Geschichte eines Gebäudes, die verschiedenen Nutzungen und so weiter, das ist auch meine Aufgabe. Das ist anstrengend, weil so viel davon abhängt.

Was auch vorgekommen ist: Da habe ich einmal furchtbaren Ärger mit jemandem bekommen, der für einen Verein ein Jubiläum feiern wollte. Und ich hab gesagt: das geht nicht, Ihre Daten sind falsch! Da habe ich also Ärger gekriegt. Weil dieser Mann das aber unbedingt wollte und genau wusste, wenn die beim späteren, eigentlichen Termin feiern, ist er nicht mehr aktiv tätig, dann erlebt er das also in dieser Funktion nicht mehr. Da kann er sich also auch nicht hinstellen und eine große Rede halten. Da hab ich gesagt: Lieber Herr Sowieso, das geht leider nicht! Sie können von mir aus machen, was Sie wollen, aber ich kann da keine gutachterliche Äußerung abgeben, dass das so ist, wie Sie das gerne hätten. Teilweise geht das dann bis ins Politische hinein. Da gibt’s dann auch Dinge, die persönlich dann gewollt werden, die kann ich dann aber nicht mittragen.

Gemeindebrief:
Wenn man Leute in Offenbach auf Ihre Tätigkeit anspricht, dann hört man immer wieder, dass neben Ihrer fachlichen Qualität besonders auch Ihre menschliche Seite sehr geschätzt wird. Das scheint für Sie auch ein wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit zu sein.

Ruppel:
Viele Dinge kann man auch gar nicht anders vermitteln. Ich sag’s mal umgekehrt. Wenn man sich über einen langen Zeitraum viele ereignisgeschichtliche Hintergründe erarbeitet, dann bekommen historische Daten plötzlich ein Gesicht. Sowie die ein Gesicht bekommen, muss ich das den Leuten auch vermitteln. Das ist halt ganz wichtig: sehr viel persönliches Wissen. Und vor allen Dingen: Sie müssen umgekehrt natürlich auch die verschiedenen Leute sehen. Sie müssen auf sehr verschiedene Niveaus eingehen. Bei irgendwelchen Historikern, die ich durch Offenbach führe, ist es etwas anderes, als wenn ich mit dem Kindergarten hier durchgehe. Das lernt man dann mit der Zeit. Und da ist es eben ganz wichtig, dass man sich sagt: Die Leute, wenn die zu mir kommen, dann haben sie ein bestimmtes Anliegen und haben auch ein Recht darauf, dass man auf sie eingeht und sich mit diesen Problemen auch beschäftigt. Ich kann natürlich das auch ganz anders machen und sagen: Das haben wir nicht. Oder: Gehen Sie zu dem, ich hab’ jetzt gerade keine Zeit. Aber das ist nicht meine Sache. Es gibt natürlich auch Situationen, wo es einfach nicht geht. Aber ich versuch’ halt, das individuell so zu gestalten, dass jeder, der sagt: Das ist ganz wichtig für mich, dass ich dem auch helfe. Jeder, der das Archiv verlässt, der muss das Gefühl haben: Der Herr Ruppel hat mir alles gesagt, was er weiß. Es darf nicht so sein, dass die Leute dann an der Tür sagen: Er hat mir zwar was gesagt, aber das war bestimmt nicht alles, er hat bestimmt noch was, aber das sagt er mir nicht. Das darf nicht sein.

Da hab’ ich also immer so gearbeitet, dass die Leute eine Rundumversorgung bekommen, was das Archiv betrifft oder was ihre Fragestellung anbelangt. Sie müssen dann notfalls auch mit einem Zettel rausgehen, da steht drauf: Rufen sie den noch mal an, bestellen sie dem einen schönen Gruß von mir oder gehen sie noch mal da hin oder dort hin. So versuche ich zu arbeiten.

Ich mach’s ja nicht, weil’s gut ankommen soll. Es ist einfach Grundbedingung für ein anständiges Arbeiten hier. Weil ja zum Teil die Leute eben doch nicht so wissen: Wo holt der denn das alles her? Plötzlich hat der da ein Buch unterm Arm und zeigt da drauf, und dann kommt da irgendwas raus, was meinetwegen auch rechtliche Wertigkeit hat. Wenn jemand kommt und sagt: Ich möchte gerne wissen, wie alt meine Firma ist, wir wollen Hundertjähriges feiern. Dann muss ich einfach sagen: Da steht’s. Nicht nur, weil ich es im Hinterkopf habe, sondern, weil ich es auf Grund von Aktennachweisen habe. Und wenn ich dies eben nicht entwickeln kann, dann muss ich sagen: Also gehen sie dort hin, da könnte Ihnen geholfen werden. Es kommt natürlich auch oft auf die Tagesform an, wie beim Sport.

Gemeindebrief:
Neben Ihrem professionellen Anspruch, den Sie ja formuliert haben, der ja auch immer mit rüberkommt, hat man aber immer auch den Eindruck, dass Sie die Person selbst sehen, die zu Ihnen kommt.

Ruppel:
Ja natürlich. Wenn jemand kommt und etwas über seine Firma wissen will, muss ich mich ja unter Umständen auch in diese Zeit versetzen. Was könnte da dahinter sein, wenn ein Geschäftsmann kommt und sagt: Wir sind soundso alt und wollen feiern. Dann sage ich: Bedenken Sie bitte das und jenes. Oder ich muss, wenn da Familienforschung ist, auch die ganze wirtschaftliche und soziale Komponente betrachten. Wenn einer aus dem hinteren Odenwald nach Offenbach kommt, dann muss ich mir zumindest vorstellen können: Warum kommt der her und wo wohnt er? Und wie wohnt er? Warum hat er, meinetwegen, sieben Kinder und die Frau ist ganz plötzlich gestorben, warum heiratet der dann die Schwester von der Frau? Ja, ist ganz einfach, weil die am nächsten war. Der kann mit sieben Kindern jetzt nicht auch noch auf Brautschau gehen im 19. Jahrhundert. Oder sagen: Ich setz’ jetzt eine Heiratsannonce in die Zeitung. Die nächste Person ist es dann geworden, wenn denn eine da ist und wenn das also auch passt. Das ist oft vorgekommen. Oder auch aus der Nachbarschaft jemand. Aber so Dinge müssen Sie halt auch vermitteln. Dann wird den Leuten auch klarer, warum so etwas zustande kommt. Oder dass erst mal eine Versorgung der Kinder da sein muss. Der Mann konnte keine sieben Kinder aufziehen. Der musste gleich wieder heiraten.

Gemeindebrief:
Ich meinte aber auch, dass Sie zu dem Fragesteller, der mit einem Anliegen zu Ihnen kommt, sehr menschenfreundlich sind.

Ruppel:
Das ist halt mein Naturell (lacht). Das kommt aber auch… Na gut, das ist halt auch individuell verschieden.

Gemeindebrief:
Sie haben vorhin gesagt, Sie sind ein Schaf der Luthergemeinde. Welche Rolle spielt denn für Sie der Glaube?

Ruppel:
Ich bin gläubig. Ich mache mir Gedanken. Ich beschäftige mich mit dem Leben, ich beschäftige mich auch mit dem Tod. Weil der mir in gewissem Sinne auch immer so präsent ist, wenn ich auf dem Friedhof bin und dort Führungen mache.

Ich freue mich morgens über den "Zuspruch am Morgen" im Radio. Das ist ganz wichtig für mich. Ich höre ab und zu auch hr1, die streuen immer mal so ein paar Impulse ein. Das ist ganz kurz nur. Die kommen nie zu einer bestimmten Zeit. Wenn sie das hören, das ist für mich ganz toll eigentlich. Da kann man natürlich abschalten, aber man hört doch automatisch rein, denn man weiß: Der Impuls dauert nicht lang und dann geht’s mit Musik weiter. Und da ist doch immer was dabei, wo man denkt: stimmt. Wie gesagt, ich bete. Ich habe viele Kontakte. Auch zu Rabbinern. Und wenn ich unterwegs bin, gehe ich gerne auch mal in eine Kirche. Damit bin ich groß geworden. Zum Thema Kirche hätte ich viel zu sagen. Ich wüsste schon einiges, was man meiner Ansicht nach ändern müsste. Kirche ist mir heute viel zu passiv und auf sich selbst bezogen.

Gemeindebrief:
An der Kirche fehlt Ihnen die missionarische Ausrichtung?

Ruppel:
Ja. Da komm ich allein auch schon beruflich her. Und das ist jetzt kein leeres Wort, wenn ich das so sage. Sie können nicht die Leute mit irgendwelchen Gemeindebriefen erreichen. Heute muss die Kirche wirklich ein bisschen aktiver sein. Es reicht auch nicht, wenn sie sagen, wir haben jetzt wieder ein schönes Konzert, oder eine schöne Ausstellung. Das gehört natürlich dazu, aber damit vermittele ich doch keine Inhalte. Damit vermitteln sie Inhalte von irgendwelchen Komponisten, sag’ ich jetzt mal. Sie müssen schon etwas tun. Aber da passiert viel zu wenig. Das kann nicht angehen. Sie müssen die Leute mit dem Lasso wieder einfangen.

Zum Beispiel das Stichwort Pfarrer. Pfarrer, das sind Seelsorger! Die sollen sich um die Seelen sorgen. Ich komm’ da von der Begrifflichkeit ein bisschen her. Und das ärgert mich. Ich kenne da einige schlechte Beispiele. Ich kenne aus meinem privaten Umfeld Gemeinden, da gibt’s keine Pfarrer. Die Pfarrstellen dort werden alle von Pfarrern im Ruhestand betreut. Die können das nicht mehr vermitteln. Die müssen die Leute kennen. Ich erwarte einfach, dass die Pfarrer wie so ein Hund um die Schafherde herumstreichen. Und dass die Leute eben das Gefühl haben: der macht was, der kümmert sich um uns. Das geht vor allem bei der Jugend los. Wenn ich die Konfirmandenzahlen sehe, wird’s mir schlecht. Und es kann nicht sein, dass nur alte Leute in der Kirche sind, wenn sie merken, dass das Zipperlein jetzt schlechter wird und dann sagen: Ja, da war doch noch einer, der hat uns neulich mal geholfen. Also jetzt nicht der Pfarrer, sondern der da oben. Das kann doch nicht sein. Da bin ich sehr rabiat. Sie können Kirche auch nicht vermitteln durch einen Aushang und durch einen Gemeindebrief und durch eine schön bemalte Fassade. Das ist dann alles nur Fassade.

Vielleicht bin ich da ja auch, ich sag mal, positiv verbogen durch die Juden und die französisch reformierte Kirche. Wenn sich bei denen zehn Mündige versammeln, können sie auch im Schwimmbad einen Gottesdienst abhalten. Und eben die französisch reformierte Gemeinde, die doch stark vom Kalvinismus geprägt ist und die also eindrücklich das Gemeindeprinzip noch hochhält. Die haben eben ihre Diakone, die haben ihre Armenpfleger, die haben eben noch einen Hauch von System. Und da ist für mich noch ein bisschen Leben drin. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Gemeindebrief:
Sie sind da sehr ungehalten.

Ruppel:
Sehr. Ich sag’s auch.

Gemeindebrief:
Herr Ruppel, das war ein gutes Schlusswort. Der ungehaltene Stadtarchivar mit einem protestantischen Hintergrund. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Holger Senft.