lange Zeit war das Wort "Mission" ein "rotes Tuch" für mich. Bilder steigen in mir auf von riesigen Missionsveranstaltungen, eindringlichen "Jesus liebt dich" Predigten, gehalten von noch eindringlicheren, wortstarken Predigern, mahnende Aufrufe zur Umkehr zu schreiten und sein Leben Jesus zu übergeben, entschiedenste und überzeugteste Christinnen und Christen mit ebensolchem Exklusivanspruch und -auftreten sehe ich da vor mir und schrecken mich bis heute ab. Kann ich ein Datum nennen, an dem ich Schuld beladen mein Leben Jesus übergeben habe und von da an glücklich und befreit gelebt habe? Nein.
Mein Leben als Christin und mein Verständnis von Christsein ist ein anderes. Ein Grundgefühl der Gottbezogenheit trägt mich. In dieser Beziehung fühle ich mich verwurzelt, getragen, aber auch verantwortlich ähnlich wie in meinen menschlichen Beziehungen. Zu Gott zu gehören heißt für mich ständig von Gott und über Gott zu lernen und von Gott angesprochen und wieder aufgerichtet zu werden. Mein Kopf braucht die Erkenntnis und mein Herz den Trost. Daraus entsteht Geborgenheit und Mut für mein Leben und hoffentlich Einsicht und Weisheit für mein Handeln. Jesus ist Gottes Sohn für mich, aber auch ein Mensch, an dessen Lebensführung ich meine Werte, meine Moral und mein Gewissen formen und prüfen kann. Der heilige Geist ist die Kraft, das Wundersame, die Fügung, die ich im Lebenerfahre und die mich gerade im Rückblick zum Staunen und Danken anhält.
So bin ich Christ und so lebe ich mein Leben mit allen Schwächen, allem Unmut, allem Hochmut und Kleinmut. Wäre ich nicht in einer evangelischen Familie mit durchschnittlicher Kirchennähe, aber prägenden Begegnungen mit selbstkritischen Christen und einem gewissen Gepäck alltäglich gelebter Spiritualität aufgewachsen – wer weiß, wo ich mich heute einordnen würde.
Ähnlich verstehe ich bislang auch Mission. Mission ist für mich die Begegnung mit dem christlichen Glauben im Leben fürs Leben. Dass heißt die Begegnung mit den Geschichten der Bibel, der Rückhalt an Moral und Werten über die christlich-jüdische Religion, theologische Impulse und spirituelle Nahrung, Vorbilder und Wegbereiter der christlichen Botschaft, die Rückbindung unserer Lebensfragen an das Evangelium und die Gestaltung unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens im Dialog mit Kernaussagen biblischer Weisheit.
Für unverzichtbar und kostbar halte ich hier den Religionsunterricht an allen Schulformen, das Angebot an konfessionellen Kindergärten, das Netz an diakonischen Einrichtungen, die Welt der Medien, die Begleitung bei einschneidenden biographischen Wendepunkten (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung), die Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit in den Gemeinden und immer wieder der Versuch die Menschen in die Kirchen zu locken und unsere Gottesdienste zu reformieren.
Bei allen Überlegungen und möglichem "Missionseifer" aber gilt: wir können den Glauben nicht machen, es ist Gottes Geist, der sich da bewegt: "Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort, hinaus in unse-re Welt." Das ist eine wohltuende Freiheit für uns Christen, die uns vor Anmaßung schützt und uns zu einem angemessenen Umgang mit dem wertvollen Gut der christlichen Botschaft verhelfen kann.
Das wünsche ich Ihnen und mir.
Ihre
Helga Weber, Oktober 2005
(Pfarrvikarin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)