"Mission heißt: Bezeugen aus welcher Hoffnung wir leben."

Interview mit Anja Harzke, Pfarrerin für "Mission und Ökumene" und "Gesellschaftliche Verantwortung" in Offenbach

"Mission heißt: Bezeugen aus welcher Hoffnung wir leben." Das sagt die Pfarrerin für "Mission und Ökumene" und "Gesellschaftliche Verantwortung" Anja Harzke im Gespräch mit Ulrich Knödler. Im Folgenden veröffentlichen wir einen kleinen Ausschnitt aus diesem Interview.

Gemeindebrief:
Anja, Du bist Pfarrerin für die ganze Evangelische Kirche in Offenbach. Wie geht das?

Anja Harzke:
Mm, wie das geht? - Im Zuge der Dekanatsstrukturreform hat sich die Kirche überlegt, dass die Dekanate mehr Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume bekommen und so wurden Profilstellen eingerichtet und jedes Dekanat kann sich überlegen, wo es sein Profil stärken will. Offenbach hat sich für zwei Bereiche entschieden, für "Mission und Ökumene" und für "Gesellschaftliche Verantwortung". Da wir nur noch so wenige Evangelische haben, sind das hier in Offenbach nur noch jeweils viertel Stellen.

Gemeindebrief:
Das heißt, Du bist für ganz Offenbach zuständig, hast insgesamt eine halbe Stelle und bist zugleich für zwei Aufgabengebiete zuständig.

Anja Harzke:
Ganz genau!

Gemeindebrief:
Oftmals werden diese Profilstellen ja kritisiert, als "Überflieger-Stellen". Die Arbeit müssen die nor-malen Gemeindepfarrer machen und die "Überflieger"...

Anja Harzke:
Ich komme ja aus Rumpenheim, bin mit Veit Dinkelacker verheiratet und habe dort ja die schöne Rolle der Pfarrfrau und bin dadurch sehr nah am Gemeindeleben... Außerdem war ich ja auch einmal "normale" Gemeindepfarrerin. Ich verstehe diese Profilstellen auch so, dass man zuarbeitet für die Gemeindepfarrer/innen, sozusagen auch eine Art Dienstleisterin ist... Das muss zusammengehen! (...) Die Kollegen/ innen kommen in der Regel ja zu so speziellen Sachen gar nicht mehr, so hoffe ich, dass meine Arbeit auch ankommt, als Hilfestellung... hahaha... Natürlich mache ich auch eigene Sachen und Projekte.

Gemeindebrief:
Einer deiner Arbeitschwerpunkte interessiert mich besonders. – Nicht nur die Luthergemeinde ist eine schrumpfende Gemeinde. Was bedeutet Mission in einer schrumpfenden Kirche in Offenbach?

Anja Harzke:
(...) Das Wort Mission ist ein sehr beladenes und ein sehr missbrauchtes. Deshalb haben viele Leute mit diesem Wort Schwierigkeiten. Mission wird aufgrund der Geschichte oft mit Kolonialisierung gleichgesetzt, was ja auch oft so war, also in dem Sinne von "wir tragen zu den armen, kleinen Negerlein einmal das Evangelium" aber auch unsere "überlegene" Lebensweise. Das ist es auch, was, wenn man die Leute auf der Straße fragt, sofort kommt: Mission ist ein Kampfbegriff. Nichts desto trotz müssen wir als Kirchen und Pfarrerinnen und Pfarrer dafür etwas tun, damit dieses Wort Mission wieder anders gefüllt wird. (...) Mission heißt genau das, was wir hier tun, - bezeugen aus welcher Hoffnung wir leben, wir haben eine gute Botschaft und die sollen wir in unserer Gemeindearbeit nach draußen tragen. Mission heißt also die ganz normale Gemeindearbeit, egal, wo ich meine Schwerpunkte lege. Mission heißt aber auch gleichzeitig Dialog mit anderen. Also zu gucken wer unse-re Nachbarn sind, gerade wir hier in Offenbach leben nicht auf der "Insel der Glückseligen" mit nur evangelischen christlichen Gemeinden. Mission heißt gleichzeitig auch Partnerschaften mit Gemeinden in der sogenannten "Dritten Welt". – Das alles gehört zum heutigen Missionsbegriff, das ist aber vielen Leuten nicht so klar. Die denken, da kommt jetzt einer mit so einem großen Kreuz und haut das uns jetzt über den Schädel.

Gemeindebrief:
Das heißt "Mission" heißt heute nicht mehr: Menschen für die Sache Jesu gewinnen?

Anja Harzke:
Doch, aber nicht mehr in dieser Ausschließlichkeit! Natürlich freuen wir uns als Kirchen über Menschen, die sagen: Jawohl, das ist eine tolle Sache! Ich habe jetzt erkannt, dass Glaube lohnend ist und dass die Kirche das gut vertritt. Das passiert ja auch immer wieder und da freuen wir uns. – Aber in dieser Ausschließlichkeit nicht. Da hat sich ja auch viel in der Theologie und unter den Konfessionen getan. Wir sagen heute, wir leben nicht umgeben von lauter "Heiden", sondern es sind Menschen verschiedener Konfessionen und denen können wir schlecht absprechen, dass sie auch einen christlichen Glauben haben. Und wir leben zusammen mit Leuten anderer Glaubensrichtungen und auch da ist ja die Theologie und das 2. Vatikanum und der Ökumenische Rat der Kirchen seit ca. vierzig Jahren so weit zu sagen: Wir können und wollen nicht leugnen, dass man auch in den anderen Religionen Spuren Gottes finden kann. – Wir wollen zu einem Miteinander kommen und sagen: O.K., sie haben einen anderen Weg gefunden. Was wir lernen müssen, ist, von unserem Glauben auch zu reden. Wenn ich meine Identität in meinem Glauben habe, dann brauche ich keine Angst zu haben vor anderen Glaubensrichtungen und Religionen. Ich muss sprachfähig werden und muss das "bezeugen" können, was mir wichtig ist an meinem Glauben.

Gemeindebrief:
In meiner Wahrnehmung können das sehr wenige Menschen. Würdest Du sagen "Mission" hat gerade heute sehr viel mit "Bildung" zu tun?

Anja Harzke:
Ja. Und nicht nur heute. Das ist ja einer der Ur-Aufträge der christlichen Kirche und wurde auch schon immer sehr stark wahrgenommen. (...) Ich meine heute geht es um Sprachbefähigung und das beginnt schon im Evangelischen Kindergarten, wo ja schon ganz tolle Arbeit gemacht wird. Bei manchen Kindergärten denke ich, das können wir noch ein bisschen verbessern. Da erlebe ich oft eine ganz große Scheu: "Aaaach, ich als ganz normales kleines Wesen soll jetzt was zum Glauben sagen? – Das macht unser Pfarrer!" Diese Einstellung ist auch nicht begrenzt auf Kindergärten. (...) Da gilt es aber mal die Scheu abzulegen und zu sagen, was ist mir wichtig an diesem Glauben und das kann ja ein ganz einfacher Satz sein, wie zum Beispiel: "Durch die Nächstenliebe erlebe ich Gott." Oder "Mir ist wichtig die Liebe Gottes weiterzugeben." Punkt. Das dann im Kindergarten, in der Schule, im Konfirmandenunterricht altersgemäß umzusetzen, das ist ja alles Bildungsarbeit.

Gemeindebrief:
"Müssen wir wachsen?" – Noch mal zurück zu unserer Ausgangsfrage. Wie gehst du als Pfarrerin für Mission um mit einer schrumpfenden Kirche in Offenbach?

Anja Harzke:
Ja, das ist natürlich nicht einfach. Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann muss man schon schlucken... Ich denke einfach, wir müssen uns mit Tatsachen auch ein Stück weit abfinden. Ganz platt gesagt, auf die Frage "Müssen wir wachsen?" ist zu antworten: Von der Quantität her müssen wir uns das abschminken, wenn ich das mal so sagen darf. – Ich denke es ist auch eine Sache von Qualität. Ich halte überhaupt nichts davon sich ständig die Zahlen vorzuhalten. Es ist eine demographische Geschichte, d.h. es ist nicht unsere schlechte Arbeit, die dazu führt, dass Menschen in Scharen austreten. Ich denke, die Arbeit in den Gemeinden ist in der Regel gut und Menschen treten auch nicht in Scharen deswegen aus. Es ist eine Überalterung, die Menschen sterben weg oder sie ziehen weg und dann haben wir eben in den Innenstädten eine ganz andere Situation, als in Rumpenheim oder Waldheim oder in Oberhessen. Und die Botschaft ist ja keine andere und von daher ist es doch nicht die schlechte Arbeit oder die schlechte Botschaft, die wir haben. – Wir müssen uns hier in Offenbach einfach überlegen, wie wir Gemeinden zusammenführen, ich sage mal, da führt kein Weg dran vorbei. Und dann müssen Schwerpunkte und Profile herausgearbeitet werden, wie z. B. das ist die Jugendkirche, das ist die Diakoniegeschichte und dort treffen sich die Älteren mit vielfältigen Angeboten. – Das ist der Weg der Zukunft, wir können uns nicht davor verschließen und können nicht so tun als müssten wir uns jetzt noch mehr totarbeiten und meinen, dann kämen die Menschen in Heerscharen.

Wenn hier so und so viel Muslime leben, ist das eine Tatsache, und die werden keine Christen, ich glaube das ist eigentlich jedem klar! Und da geht es einfach um ein gutes Zusammenleben. – Dieses klein, klein, jeder für sich, - ich weiß da sind einige anderer Meinung - aber das ist nicht die Kirche der Zukunft! Wir müssen auch an den modernen urbanen Menschen denken, der guckt, wo sind attraktive Plätze, Orte, Kirchen und wo werden meine Bedürfnisse am Besten befriedigt und da geht der hin. – Wir wissen aus Statistiken, dass es nicht mehr dieses Kontinuierliche hat und da macht es einfach mehr Sinn zu sagen, hey, es gehen zwei oder drei Gemeinden zusammen und dann haben wir im Gottesdienst eben nicht 10 sondern 50 Menschen, dann macht es auch allen, die gemeinsam feiern, mehr Spaß! Wenn wir wachsen können, dann in der Qualität. Quantitatives Wachstum ist eine Illusion.

Gemeindebrief:
Anja Harzke, Pfarrerin für Mission und Ökumene und Gesellschaftliche Verantwortung, vielen Dank für das Gespräch!