Zuletzt zieht der stämmige Mann mit dem Vollbart eine weiße Kappe auf seinen Kopf, besinnt sich kurz und singt auf arabisch laut vernehmlich eine Koransure. Und das im gut gefüllten Saal der Luthergemeinde. Was war passiert?
Der Imam der Melvana-Moschee war als Gast zu Besuch in unsere Gemeinde gekommen und hatte ganz zuletzt mit seinem Gesang eine Veranstaltung beendet, die am 27. September 2005 im Rahmen der Interkulturellen Wochen auch in der Lutherkirche Station gemacht hatte: "Das Erzählcafé". Moderiert von Pfarrer Ulrich Knödler fand ein etwa zweistündiges Gespräch auf der Bühne im Saal statt, zu dem die zwei Vorsitzenden der Il-Fath-Moschee aus der Waldstrasse und Herrn Rafud, Vorsitzender des Ausländerbeirats gekommen waren.
Dass sich die "zwei Gotteshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft" (Pfr. Knödler) noch ein wenig fremd sind, spürte man allenthalben. Entsprechend vorsichtig, aber zugleich auch mit einer gesunden Portion Neugier, stellte Pfarrer Knödler den drei Gästen Fragen, etwa zur Geschichte der marokkanisch-islamischen Gemeinde in Offenbach, ihrem noch recht neuen Moscheebau und zu den Inhalten der Predigten beim Freitagsgebet.
Hoch konzentriert verfolgten die anwesenden Gäste das Gespräch auf der Bühne und viele äußerten hinterher, dass sie den Besuch und das Gespräch als angenehm empfunden hätten, denn so habe man "aus erster Hand" etwas über die noch fremden Nachbarn erfahren können, die sowohl eine andere Nationalität als auch eine andere Religion hier in Offenbach repräsentieren.
Zu lernen gab es für die Besucher der Veranstaltung einiges. So berichteten die beiden Moschee-Vorsitzenden, dass sie ihr Gebäude in der Waldstraße nicht als eine wirkliche Moschee betrachten, sondern lediglich als Gebetsraum und sie äußerten den Wunsch, einmal einen "repräsentativen" Moscheebau bekommen zu können, der in aller Öffentlichkeit präsent ist. Im Dialog mit den beiden Vorsitzenden erfuhren die Anwesenden auch, was "Il-Fath"-Moschee überhaupt bedeutet. Mohamed Eljazid erklärte, es heiße "offene" bzw. "geöffnete" Moschee und das sei auch als praktische Öffnung ihrer Gemeinde, die etwa 450 Mitglieder umfasst, für andere Menschen zu verstehen. Er betonte, dass die Moschee für Offenbacher Muslime aller Nationalitäten offen sei, dass zu bestimmten Zeiten aber auch Christen kommen könnten. Ein besonderer Schwerpunkt der islamisch-marokkanischen Gemeinde liege auf der Arbeit mit jungen Menschen. Die Moschee, in der sich zugleich auch ein Kulturzentrum befindet, plane zurzeit einen Raum mit Sportgeräten, damit sich die Jugendlichen nicht "auf der Straße" herumtreiben müssten.
Im zweiten Gesprächsteil wurden dann Publikumsfragen gestellt. Hier ging es vor allem um das Geschlechterverhältnis in der islamischen Gemeinde und um die Frage, weshalb Frauen und Männer getrennt beten müssen. Überhaupt wurden nun verstärkt Fragen gestellt, die eher die Unterschiede zur christlichen Identität betrafen. Herr Rafud meinte dazu: "Abgrenzung sehe ich so nicht. Jeder hat seine religiöse Identität, aber wir überlegen, was können wir zur Integration beitragen?".
Den Faden griff Pfarrer Knödler dankbar auf und beendete das Gespräch mit einer Abschlussfrage an die beiden Vorsitzenden: "Wie können wir unsere Nachbarschaft weiter pflegen?". Zur Antwort gaben sie, dass die marokkanisch-islamische Gemeinde Frieden mit den Nachbarn halten wolle und sprachen eine Einladung zur "Iftar" aus, dem abendlichen Fastenbrechen im Rhammadan.
Holger Senft