Was kommt nach Roland?

Interview mit dem Offenbacher Oberbürgermeister Horst Schneider

Gemeindebrief (GB): Herr Oberbürgermeister, was geschieht auf dem MAN-Roland Gelände (Christian-Pleß-Straße/Senefelderstraße) und was kann ein Oberbürgermeister tun, um Einfluss zu nehmen? Es war zu lesen, dass eines Ihrer großen Ziele die Förderung der Wohnqualität in der Stadt ist.

Horst Schneider:
Da ist dieses Gelände ein klassisches Beispiel. Das ist Privatbesitz, gehört zu der Holding der MAN in München, war ja mal ein "Faber und Schleicher" - Gelände. Man kann da wunderbar die Offenbacher Industriegeschichte nachstellen. Im Zuge von Konzentrationsprozessen und Internationalisierung von Kapital und dem Umbau von Rechtsformen von einer privaten Gesellschaft hin zu einer börsennotierten Aktiengesellschaft kann man gut sehen, was das für Auswirkungen auf die Struktur einer Stadt hat. Das ist planungsrechtlich Gewerbegebiet, mitten in einem Wohngebiet, das wir in den fünfziger Jahren gebaut haben. Da sieht man auch wie Stadtpolitik sich kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen untergeordnet hat und möglicherweise auch Fehlentscheidungen getroffen hat. Aber gut, das ist Geschichte. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir die Balance finden zwischen wirtschaftlichen Interessen, die der Grundstückseigentümer hat und dem, was wir stadtstrukturell dort wollen. Da ist unser kleiner aber in dieser Frage nicht ganz unbedeutender Hebel das Planungsrecht. Wir haben die Möglichkeit durch politische Entscheidungen dafür zu sorgen: Daraus wird ein Mischgebiet, wird ein kleines Wohngebiet, bleibt Gewerbegebiet. Wir haben da eine Verhandlungsposition und müssen nicht jeden Unsinn mitmachen. Ich habe das jetzt mal zugespitzt umschrieben. Es gab ja schon viele Gesprächsrunden auch mit dem Grundstückseigentümer und die wissen natürlich auch was da in Zukunft in einer solchen innerstädtischen Lage vermarktbar ist. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Dort großflächig einen Einzelhandel zu machen, ginge ganz schnell. Aber das werden wir nicht mitmachen. Das wissen die auch.

GB: Großflächiger Einzelhandel würde das ein weiteres "Ringcenter" bedeuten?

Horst Schneider:
Da rennen die uns ja….das ist ja ein weiterer Hinweis auf kurzfristige ökonomische Prozesse, die in der Republik ablaufen, dass uns die Vertreter von Lidl, Aldi, Rewe die Bude einrennen. Da findet ja ein richtiger Verdrängungswettbewerb statt. Kannibalisierung könnte man auch sagen.

GB: Kannibalisierung des Marktes?

Horst Schneider:
Ja, so sehe ich das. Denn der Markt wird ja nicht größer. Da wird kurzfristig Geld reingepumpt, da stellen die da einen Schuhkarton hin, machen tausend Parkplätze hin…
Kurzfristig könnte das durchaus im Interesse der Stadt liegen. Die Kaufkraftbindung könnte gesteigert werden. Das Ringcenter brummt. Die Leute fahren nicht mehr raus zum Einkaufen. Also könnte man kurzfristig sagen: Gut, wir machen noch so ein Ding. Aber da gibt es gar kein Vertun, das ist unser langer Hebel, das werden wir nicht zulassen. Also wird des ein Mischgebiet geben aus Wohnen und nicht störendem Gewerbe. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn da ein bisschen Kultur dabei wäre, möglichst viele Grünflächen. Stadtplanerisch kann man sich da wunderbare Dinge ausmalen wie man so ein so großes Quartier, das sind glaube ich 27 ha, wie man die stadtstrukturell wunderbar gestaltet und damit Wohnqualität und Aufenthaltsqualität in so einem Viertel steigern kann. Es muss sich natürlich auch am Ende rechnen. Das ist der spannende Aushandlungsprozess, der vor uns liegt mit dem Grundstückseigentümer, mit potentiellen Investoren, mit Absprache des Denkmalschutzes zu einer Lösung zu kommen. Da bin ich gedämpft optimistisch, dass das mit Ablauf dieser Dekade gelingen wird. Das wird noch nicht alles bebaut sein, aber planungsrechtlich das voranzubringen, da bin ich doch gedämpft optimistisch. (…) Es gibt einen Trend fürs innerstädtische Wohnen. Das zeigen immer mehr die Berichte aus der Immobilienbranche, dass immer mehr Menschen in den Kernstädten wohnen wollen. (…) Gerade ältere Menschen mit besserem Einkommen merken, das ist zwar ganz nett in Götzenhain oder im Vogelsberg aber wie ist das, wenn ich mal nicht mehr Auto fahren kann? (…) Die Pendlerpauschale ist rasiert, Eigenheimzulage ist weg, die Benzinpreise steigen…(…) Ich bin sicher, dass dieser Trend zunehmen wird. Dazu kommt, dass Offenbach eine junge Stadt ist. D.h. in der nächsten Zeit werden auch immer mehr junge Menschen auf den Wohnungsmarkt kommen (…).
Wir brauchen in den Kernstädten einen sozialen Ausgleich, das ist die Generationsaufgabe, die wir haben.

GB: Wir beurteilen Sie die Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Offenbach?

Horst Schneider:
Ich deute das positiv. Alle demographischen Prognosen, die ich kenne, weisen Offenbach als die einzige Stadt in Hessen aus, die Zuwachs hat. (…) Durch die hohe Geburtenrate unserer Migranten sind wir eine junge Stadt und haben Zuwachs auch durch den allgemeinen Zuzug von qualifizierten Menschen im Rhein-Main-Gebiet, weil es hier Arbeitsplätze gibt für qualifizierte Leute. Und diese beiden Trends zusammen, die muss man für den Wohnstandort Offenbach nutzen. Und bei den Migrantenkindern müssen wir jeden Cent, den wir haben in Bildung investieren, damit sich an der Stelle der Teufelskreis nicht schließt, sondern diese Migrantenkinder eine echte Chance haben, ihr eigenes Leben durch einen Arbeitsplatz zu organisieren. (…) All jene können doch dann wunderbar bei ihnen um die Ecke wohnen oder zuziehen.

GB: Würden Sie soweit gehen, dass das, was hier in dieser Stadtgesellschaft Offenbach ausgehandelt wird, mit allen Konflikten und Schwierigkeiten, die post-deutsche Zukunftsgesellschaft ist?

Horst Schneider:
Ja, davon bin ich absolut überzeugt. Weil… die Entscheidung gefallen ist, fast 50 Prozent aller Offenbacherinnen und Offenbacher haben Migrationshintergründe. Wer da erzählt man könnte das zurückdrehen…oder die Legende, früher wäre alles so heimelig gewesen, das ist doch alles Legende…Offenbach ist traditionell als Industrie- und Arbeiterstadt immer eine arme Stadt gewesen mit einem hohen Anteil an Hilfsarbeitern. Wir hatten nach dem Krieg einen Hilfsarbeiteranteil von über 40 Prozent jetzt sind das 5 Prozent. Wer da erzählt, das war früher alles so toll (…)

Hier kommen halt viele Kulturen und Religionen zusammen und das muss neu ausgehandelt werden. Wo sind da die Grenzen, was ist da der große gemeinsame Wertekanon, den man gegenseitig akzeptieren muss, ohne die eigene Identität aufzugeben. (…) Ich finde, das funktioniert in Offenbach: Hier hat kein Auto gebrannt!

GB: Gott sei Dank!

Horst Schneider:
Gott sei Dank! Die Grundentscheidung, dass man das zusammen machen muss, die ist gefallen. (…)

GB: Haben Sie Verständnis für Menschen, die dabei müde werden? Wissen sie, was das manchmal für ein Kampf und Krampf ist?

Horst Schneider:
Ich war 25 Jahre Lehrer in Gesamtschulen (…) Ich weiß, was der tägliche Kampf heißt. Ich kenne die Müdigkeit, die man spürt, das Sisyphos-Syndrom. (…)Ich habe für jede Erzieherin, Lehrer, Lehrerin, die oft alleingelassen werden, Verständnis. (…) Generell gilt hier: Flüchten oder standhalten! Da tun wir alles! (…) Ich bin dafür, Erzieherinnen besser zu bezahlen. (…)

GB: Wie wollen Sie junge Familien mit gutem Einkommen auf das jetzige MAN-Gelände mitten in die Einflugschneise locken?

Horst Schneider:
Ich lebe direkt unter der Einflugschneise. Wir kämpfen…es ist eine Last, die wir zu tragen haben. Da kann ich für Sie und für mich keine großen Sachen versprechen. Das werden wir weiter aushalten müssen, bis der nächste technologische Sprung und auch andere Anflugverfahren …da ist ja noch nicht alles ausgereizt…Wir werden ja ein Stück geknechtet, es wird versucht, uns weich zu machen, um auch noch für spätere Verhandlungen was nachschieben zu können. Es gibt da Möglichkeiten (…). Der entscheidende Punkt ist, dass über Offenbach nicht noch mehr Lärm ausgeschüttet wird. Das ist unser politischer und juristischer Kampf gegen die Nord-West-Bahn. Weil dann sie und ich und die zukünftigen MAN-Bewohner noch mehr eingekeilt sind zwischen den beiden bestehenden Landebahnen und einer dritten noch. (…) Man wird Verbesserungen erreichen!

GB: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie den jungen Familien sagen, 2010 wird auf dem MAN-Gelände mit der Umgestaltung angefangen und da entstehen schicke großräumige Stadtwohnungen, es wird kleine Läden und Restaurants geben, innen viel Grün mit Brunnen vielleicht, da werden, wir wollen bescheiden bleiben, 30 Prozent evangelische Christen hinziehen….

Horst Schneider:
(lacht),…das wünsche ich Ihrer Gemeinde, ja…

GB: Und die Luthergemeinde wird mit ihrem attraktiven neuen Kindergarten und dem imposanten burgähnlichen Gebäude eine Rolle spielen: Kulturell, kirchenmusikalisch, sich multikulturell noch mehr öffnen, sonst können wir gar nicht überleben. Und diese Menschen werden dort hinkommen und alle sind froh!

Horst Schneider:
Na, ja, das Paradies auf Erden, das hat ja immer so….Aber so in der Richtung stelle ich mir das schon vor.

GB: Danke für ihre kostbare Zeit!

Das Interview führten Holger Senft und Ulrich Knödler