Das Jahr hat seinen Rhythmus: Jahreszeiten, Ferienzeiten, Geburtstage, Straßen-, Stadt-, Vereins- Kirchen und Gemeindefeste. Sportereignisse. Anlässe, auf die wir uns jährlich oder all paar jährlich vorbereiten und freuen. Anlässe, auf die wir uns in der Regel verlassen können. Das macht dann unsere Vorfreude aus, dass es besondere Tage sind, aber nicht völlig unbekannt. Das Jahr hat seinen Rhythmus. Und dadurch hat auch unser Leben einen Rhythmus. Alltag und Fest, Pflicht und Kür, Anstrengung und Erholung. Arbeit und Urlaub.
Der Sommer gilt bei vielen von uns als die Urlaubszeit. Bedingt durch die langen Schulferien und durch das (hoffentlich) sonnige und warme Wetter. Auch ein Ortswechsel gehört zum Urlaub dazu und tut uns gut. Ob wir uns nun von der Weite des Meeres oder der Größe der Berge die Sinne berauschen und die Seele erneuern lassen.
Von Gott wissen wir, dass Er sich auch eine "Auszeit" nahm: der siebte Schöpfungstag ist sein Ruhetag, sein Urlaubstag. Und diesen Sabbattag hat Gott auch den Menschen ans Herz gelegt.
Noch nie aber habe ich mich gefragt: wo Gott denn nun seinen freien Tag oder gar seinen Urlaub verbringt? Zwar spricht die Bibel ab und an vom fernen Gott, aber dann hat Gott sich meist aus Zorn über die Menschen zurückgezogen. Luther hat den verborgenen Gott vom offenbaren Gott unterschieden und den Gläubigen geraten sich an den nahen, den liebenden Gott zu halten und die verborgene, dunkle Seite auf sich beruhen zu lassen. In der jüdischen Theologie gibt es eine Theorie, wonach sich Gott ohne hin fast gänzlich aus der Welt zurückgezogen hat und den Menschen so ihre Verantwortung für diesen ihren Planeten zuweist. All das hieß aber, wenn Gott von uns Menschen mal wieder genug hat, dann macht Er sich auf und davon. Sieht so Gottes Urlaubsplanung aus? "Reif für die Insel" - und tschüß!??
Wo macht Gott Urlaub? Die spontane Antwort meines Mannes (der sich im Fußballfieber der Weltmeisterschaft befindet) war: "Im Stadion".
Wer weiß. Fußball hat viel mit Religion zu tun - angefangen dabei, dass der wirkliche Fan an seine Mannschaft glaubt, in Siegen und Niederlagen zu ihr hält, mitleidet und mitjubelt und vor allem: die Hoffnung nie verliert. Fußball ist nicht nur ein Spiel. Es ist ein "Spiel des Lebens". Und dem Leben mit seinem Höhen und Tiefen sehr verwandt. Und doch: Fußball ist nicht der Ernst des Lebens! Hoffentlich nicht. Bis in die letzten Nuancen von Krankheit und Trennung, Verlust und Tod hinein. Da bleibt noch ein Unterschied zwischen Spiel und Leben.
So gesehen: Warum sollte Gott nicht im Stadion Urlaub machen? Sich von der ernsten Not der Menschen erholen und von ihrem Spiel begeistern lassen? Das Schwere einmal gegen das Leichte eintauschen? Ihre Lasten und Laster gegen ihre Gaben und Talente?
Ich glaube, Gott weiß wohl, was Ihm gut tut, und holt sich an Erholung, was, wie und wo Er es braucht. Gott holt sich seine Ruhe - trotzdem müssen wir Ihn nicht in Ruhe lassen. Gott zieht sich auch zurück - trotzdem bleibt Er für uns erreichbar. Gott bleibt Gott. Und Mensch bleibt Mensch. Im Urlaub. Zu Hause. Oder unterwegs. Mensch, was für ein Glück für uns.
Eine erholsame und gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihre
Helga Weber, Juli 2006
(Pfarrvikarin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)