Angedacht

Den Blick öffnen Liebe Leser,

"Wenn du fromm bist, dann kannst du den Blick frei erheben." (1. Mose 4,7)

Dieses Wort stammt aus der uralten Geschichte von Kain und Abel und handelt von der Frömmigkeit und ihrem Gegenstück. Darüber will ich nachdenken.

Fromm zu sein ist nicht jedermanns Sache, jedenfalls dann nicht, wenn wir an eine bestimmte Sorte von Frommen denken, an die Frömmler, die sonntags mit gesenktem Blick zur Kirche gehen und werktags mit Scheuklappen durch die Welt stolpern - so als würde einem die Frömmigkeit die Aussicht auf die Wirklichkeit verstellen und einen vom wirklichen Leben fernhalten. Je mehr einer sich der Frömmigkeit verschreibt, umso eingeschränkter wäre dann sein Gesichtsfeld. Wer die Frömmigkeit für sich entdecken, wer ihr in ihren vielfältigen lebendigen Gestalten begegnen will, der muss sich eine andere Sichtweise angewöhnen, er muss den Kopf heben, hinauf zum Himmel, und den Blick öffnen, hinaus in die Weite.

Der freie Blick des Glaubens meint aber nicht nur die Fähigkeit, sein Auge über das weite Feld der Frömmigkeit schweifen zu lassen. Wenn du fromm bist, dann kannst du deinen Blick frei erheben - das meint zugleich auch eine religiöse Grundeinstellung, die alle Frömmigkeitsformen untereinander verbindet, eine religiöse Leitperspektive, in der sich die vielfältigen Strahlen der Wirklichkeitssicht bündeln.

Von der Frömmigkeit und ihrem Gegenstück, von der freien Sicht und vom verblendeten Blick, handelt die kleine Szene aus der biblischen Urgeschichte. Sie spielt draußen in der Weite der Prärie, zwischen Himmel und Erde, dort, wo sich der Blick frei entfalten kann; wenn er sich nicht selbst begrenzt. Kain und Abel stehen an ihren Altären. Beide tun dasselbe; sie feiern Gottesdienst. Aber ihre Augen sehen nicht das gleiche. Abels Augen gleiten an der dichten Rauchsäule entlang, die gradlinig in die Höhe steigt, bis sich der Blick in der Weite des Himmels verliert. Kain ist kurzsichtig. Er sieht nur, wie die dünnen Schwaden seines Brandopfers zur Seite wegziehen - so malen Kinder die Szene noch heute. "Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick" "Warum ergrimmst du?" fragt Gott, so, als wären wir bei Don Camillo in der Kirche. "Warum senkst du deinen Blick? Wenn du fromm wärst, dann könntest du deinen Blick frei erheben. Dann könntest du die Linie sehen, die Erde und Himmel miteinander verbindet; aber der Weitblick ist wohl nicht so deine Sache. Du siehst nur die Dunkelheit in deinem Herzen." Die Geschichte vom unfreien Blick - wir wissen es - nimmt ein schlimmes Ende. "Gehen wir aufs Feld", sagt Kain zu seinem Bruder. Und als sie auf dem Feld waren, erhob er seine Hand und schlug seinen Bruder tot.

Vom "Werteverlust" ist in unseren Tagen die Rede, von einer grenzenlosen Beliebigkeit, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährden kann. Was gilt und was nicht gilt, kann nicht allein durch Gesetze geregelt werden. Darüber sind sich alle einig: Werte sind unerlässlich für das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft.

Wo werden Werte gelernt, eingeübt, erprobt? - In der Familie, in der Kindertagesstätte, in der Schule, im Verein, in einer Partei, in der Gewerkschaft und schließlich in den Kirchen, in unserer Kirche, in unserer Gemeinde? -

Ja, überall da, jede Gruppierung auf ihre Art und Weise und es gibt wohl keinen der genannten Bereiche, in denen es nicht "kriseln" würde. In den Familien, in den Vereinen, in den Parteien, in den Gewerkschaften, ja, auch in unserer Kirche und Gemeinde nicht: Der Gottesdienstbesuch ist bescheiden, die Konzerte sind schlecht besucht, Gemeindeveranstaltungen werden kaum wahrgenommen.
Da ergrimmen manche sehr und senken finster ihren Blick.

Wer die Frömmigkeit, von der ich hier rede für sich neu entdecken will, wer ihr in ihren vielfältigen lebendigen Gestalten begegnen will, der muss sich eine andere Sichtweise angewöhnen, er muss den Kopf heben, hinauf zum Himmel, und den Blick öffnen, hinaus in die Weite, bis zu der Linie, an der sich Himmel und Erde berühren. - Was wir dann sehen?

Wir sehen Kinder in unserer Gemeinde, die biblische Geschichten hören, gemeinsam singen und beten und Kindergottesdienst feiern. In diesen Geschichten, in den Liedern und Gebeten geht es um genau die Werte, die eine Gesellschaft wie unsere lebens- und liebenswert macht.

Wir sehen unsere Kindertagestätte mit ihren religionspädagogischen Angeboten: Gottesdienste, Gebete, Lieder, die der "Herzensbildung" von Kindern dienen ohne dabei die Gefühle und die Frömmigkeit Andersgläubiger herabzusetzen. Im Gegenteil: Kinder lernen voneinander und erweitern ihren Horizont, sie öffnen ihren Blick.

Wir sehen Menschen in unseren sonntäglichen Gottesdiensten, die auf biblische Texte und deren Relevanz für unseren Alltag hören, die beten und singen, Gott loben und sich vergewissern, was sie glauben.

Wir sehen Ehrenamtliche ihre Frömmigkeit leben, indem sie zweimal die Woche (dienstags und donnerstags, 15.30 Uhr - 17.00 Uhr) Kindern bei den Hausaufgaben helfen, sie auf Prüfungen vorbereiten etc

Wir sehen und hören Menschen in unserer Kantorei zur Ehre Gottes singen.

Wir sehen Menschen, die jeden Mittwoch um 7.00 Uhr in der Kirche eine Morgenandacht feiern und so mit einem spirituellen Impuls mitten in der Woche Kraft für den Alltag schöpfen.

Vielleicht hatte Jesus die Geschichte vom bösen Blick im Kopf, als er seinen Zuhörern eine Lektion über die Anatomie der Frömmigkeit erteilte:
"Das Auge ist das Licht des Körpers. Wenn dein Auge lauter ist, dann wird dein ganzer Körper licht sein. Wenn dein Auge aber böse ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Denn wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein." (Matth. 6, 22)

Gott möge uns vor Kurzsichtigkeit bewahren und vor dem bösen Blick und uns die Kraft geben die Frömmigkeit des freien Blicks in unserer Gemeinde weiter zu pflegen, trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten.

Es grüßt sie herzlich Ihr Gemeindepfarrer

Ulrich Knödler
(Pfarrer in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)