Editorial

Liebe Leser,

ob der Engel auf unserem Titelbild wohl bemerkt hat, dass sein Feuer längst erloschen ist? Jedenfalls singt er tapfer weiter; mit geschlossenen Augen. Vielleicht besinnt er sich ganz auf seinen Gesang. Die andachtsvolle Haltung und die Konzentration auf ein geistliches Lied gelingen ihm jedenfalls noch prächtig. Alles in langen Jahren eingeübt. Was aber, wenn er schon länger bemerkt hat, dass irgendwas nicht stimmt?

Vielleicht traut er sich nicht recht, die Augen aufzumachen und nachzusehen? Womöglich ist ja seine Angst vor der Erkenntnis zu groß, dass von seinem Glauben nur noch Rituale übrig geblieben sind und sich der "geistliche Rest" verflüchtigt hat? Augen zu und durch? – aber wohin? Oder entscheidet am Ende eben doch nur die soziale Praxis? Können wir vielleicht sogar ganz auf das "geistliche Brimborium" verzichten? Das Bild lässt viele Lesarten zu.

In unserer neuen Ausgabe des Gemeindebriefs stellen wir uns der Frage nach gelebter Frömmigkeit. Aus welchen Quellen speist sich unser Glaube? Sind Gebet, Fürbitte und Andacht noch Teil unseres Lebensalltags oder sind sie so langsam daraus verschwunden?

Wie steht es bei Ihnen mit so "alten Glaubenstugenden" wie Gebet, tägliche Bibellese, Andacht und Gottesdienstbesuch? Halten Sie noch Fürbitte für Menschen, die Ihnen nahe stehen? Beten Sie für die Regierung oder Ihre Gemeinde? "Sind wir noch fromm?", fragen wir in unserer Ausgabe. Vielleicht ist Ihnen schon die Frage anstößig, weil sie zu sehr ins Private reicht. Aber ist Glaube wirklich Privatsache? Vielleicht stört Sie aber auch nur das Wörtchen "fromm", weil Sie dabei sofort an frömmelnde Doppelmoral denken, die "fromme Helene" von Wilhelm Busch etwa.

Aber: Kommt Glaube ohne – auch eingeübten – Gottesbezug auf die Dauer aus? Langt es, wenn er sich in sozialer Praxis erschöpft? Wir haben drei Menschen aus unserer Gemeinde befragt, wie sie zum Glauben gekommen sind und was Ihnen ihre Frömmigkeit bedeutet. Was sie geantwortet haben, finden Sie in dieser Ausgabe.

Darunter auch ein Interview mit unserer neuen Kirchenvorsteherin Anjali Pujari, die Ihnen als neue Stadtarchivarin vielleicht schon ein Begriff ist. Frau Pujari rückt als Nachfolgerin für die nach langen Jahren scheidende Dagmar Winter ins Amt. Auf beide Ereignisse gehen wir würdigend ein.

Viel Inspiration und Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Ihr Redaktionsmitglied

Holger Senft