Die neue Kirchenvorsteherin: Anjali Pujari

Porträtaufnahme von Anjali Pujari.

Anjali Pujari

Gemeindebrief:
Anjali, du wurdest in der letzten Kirchvorstandsitzung zur neuen Kirchenvorsteherin unserer Luthergemeinde gewählt. Zu meiner Freude hast du dich sehr spontan zur Kandidatur entschieden ...

Anjali Pujari:
Ja, ich hatte mir schön länger überlegt mich in einer Kirchengemeinde zu engagieren. Ich fühle mich in der evangelischen Kirche insgesamt sehr wohl, das ist so meine geistliche Heimat und ich habe mir das lange vorher überlegt und ich konnte mir dann gut vorstellen: Wenn ich einmal sesshaft werde, mich in einem Kirchenvorstand zu engagieren.

Gemeindebrief:
Und wie ich weiß, bist du ja auch familiär "vorbelastet".

Anjali Pujari:
Ja, ich habe durch meine Schwester und meinen Schwager, die beide Pfarrer in Rüdesheim sind einen ständigen theologischen Austausch und kenne auch das Leben eines Pfarrhauses und die Probleme, die da entstehen aber auch die Freuden und so fühle ich mich der Kirche einfach auch ein bisschen mehr verbunden.

Gemeindebrief:
Hast du auch Theologie studiert?

Anjali Pujari:
Ja, ich wollte auch mal Pfarrerin werden, aber plötzlich hatte ich nach dem Grundstudium das Gefühl: Mein Glaube ist abhanden gekommen. Ich habe dann Geschichte und Deutsch studiert und erst während des Studiums habe ich wieder in die Kirche zurückgefunden.

Gemeindebrief:
Und nun bist du Stadtarchivarin der Stadt Offenbach geworden und nicht Pfarrerin. Bereust du das?

Anjali Pujari:
Nein, ich bedaure das in keiner Weise! Ich weiß, das war die richtige Entscheidung, ich habe mich für den richtigen Beruf entschieden, ein Beruf der auch mit Kultur, Sprachen und Menschen zu tun hat aber einen Beruf, wo man nicht ständig reflektieren muss, was der Glaube bedeutet. - Ich bin froh mich nicht ständig rechtfertigen zu müssen, wenn mir der Glaube mal abhanden kommt.

Gemeindebrief:
Dein Weg zum christlichen Glauben ist außergewöhnlich.

Anjali Pujari:
Ja, es ist nicht die typische Biographie: Meine Mutter ist zwar evangelisch aber mein Vater ist gläubiger Hindu, er ist Inder. Insofern bin ich mit zwei Religionen aufgewachsen. - Ich bin dann zusammen mit meiner Schwester in eine Wormser Kirchengemeinde rein gekommen und dort gab es einen sehr prägnanten Pfarrer, eine Persönlichkeit, die mich sehr geprägt hat. Durch ihn habe ich begonnen mich mit Glaubensfragen zu beschäftigen und irgendwann fragte dieser Pfarrer meine Schwester und mich, ob wir uns nicht taufen lassen wollen. Wir haben uns das dann überlegt und gesagt: Ja, das möchten wir gerne und ich habe mich dann zusammen mit meiner Schwester in der Osternacht 1992 in der Bergkirche in Worms taufen lassen.

Gemeindebrief:
Wie alt warst du zu diesem Zeitpunkt?

Anjali Pujari:
Ich war 18 und meine Schwester 17 Jahre.

Gemeindebrief:
Was hat euer Vater zu eurer Taufe gesagt?

Anjali Pujari:
Mein Vater war ziemlich enttäuscht. Er war nicht begeistert.

Gemeindebrief:
Das war eine bewusste Entscheidung einer jungen 18-jährigen Frau.

Anjali Pujari:
Ja, das war eine sehr bewusste Entscheidung!

Gemeindebrief:
Wir leben in einer Stadt, in der Menschen unterschiedlichster Nationalität, Kultur und Religion leben. Könntest du dir vorstellen am Profil unserer Luthergemeinde mitzuarbeiten, was den interkulturellen und interreligiösen Dialog angeht?

Anjali Pujari:
Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen! Ich habe das ja zuhause immer erlebt: Es gibt zwei Religionen, man kann das immer verbinden und deshalb würde ich meinen Glauben nie als den einzigen Weg darstellen. Es gibt für mich zwar keine Beliebigkeit, wir müssen m.E. den Hinduismus, den Islam, das Judentum als Wege anerkennen, die einfach auch ihre Gültigkeit haben. Diese Offenheit empfinde ich in meinem Glauben als eine wichtige Grundlage.

Gemeindebrief:
Du blickst seit einem knappen Jahr auf unser Gemeindeleben, du singst in unserer Kantorei, - wie beurteilst du unser Gemeindeleben?

Anjali Pujari:
Die meisten Leute, die hier sind, erlebe ich als sehr offen und herzlich und ich habe den Eindruck, dass es insgesamt gut läuft, und dass diese Gemeinde insgesamt eher offen und liberal geprägt ist, was meinem Verständnis von Glauben ziemlich nahe kommt und ich glaube das ist auch das Entscheidende, warum ich mich hier so wohl fühle.

Gemeindebrief:
Es werden immer weniger, die die Angebote der Luthergemeinde wahrnehmen. Was sagt die neue Kirchenvorsteherin dazu?

Anjali Pujari:
Es lohnt sich immer für die Leute, die hier her kommen! Und wahrscheinlich müssen wir Kräfte bündeln und Synergieeffekte herstellen.

Gemeindebrief:
Danke für das Gespräch! Und Gottes Segen für das neue Amt.

Anjali Pujari:
Danke! Ich freue mich auf meine neue Aufgabe.

Das Interview führte Ulrich Knödler.