"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" – dieses Gefühl "bewohnt" im Frühjahr gerne mein Inneres. Das Jahr ist noch jung, die kurzen, dunklen Tage ziehen sich zunehmend zurück, die Schwere des Winters macht der Leichtigkeit der wärmer und lichter werdenden Tage Platz. Und vor allem: der Magnolienbaum vor meinem Fenster wird Knospen tragen und von einem frischen grünen Blätterflaum eingekleidet sein.
Es liegt ein Zauber und ein Geheimnis in diesem Neuanfang der Natur, in diesem Vorgang des Reifens und Werdens, in diesem Entfalten, aber doch nicht "fertig" sein.
Junge, jugendliche Menschen sind auch in einem Prozess der Reife – Pubertät nennt sich das landläufig. Körperlich, geistig und seelisch verändern sie sich so intensiv wie in kaum einem anderen Lebensabschnitt. Ganz besonders reift auch die Persönlichkeit eines Menschen in seiner Jugendzeit. Werte und Ziele, Sinngebung, Beziehungsfähigkeit und Moral – die in den Kinderjahren bereits vorgelebt wurden, erhalten in der Jugend ihre Überprüfung, Zustimmung, Nachahmung oder Ablehnung. Vorbilder sind für das eigene Verhalten und abzuwägende Lebensziele und -pläne ungemein wichtig.
Ein jugendlicher Mensch ist im Wachsen und Werden hin zu einem erwachsenen, eigenständigen Menschen hin. Eine Lebensphase, in der die Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter für viele zentrale Bedeutung hat. Kirchliche Jugendarbeit kann da einiges bieten und bewirken: einen Raum, wo sich Jugendliche an einem verlässlichen Ort treffen können, eine Zeit, in der christliche und gesellschaftliche Werte zur Sprache kommen, und die Chance, dass Mitarbeiter durch ihre Art und ihre Tätigkeit als Vorbilder wirken.
Klagen lässt sich schnell über zu wenig junge Menschen in der Kirchengemeinde und zu viele alte Menschen in der Gesellschaft allgemein. Nützen wird es nicht viel. Jugendliche haben "heute" ein breites Spektrum an Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten, und ihren Interessen und Hobbys nachzugehen. Insofern ist kirchliche Jugendarbeit auch nur ein Angebot auf dem "Markt der Möglichkeiten" und muss sich behaupten. Jedoch hat sie eine große Gestaltungsfreiheit vom Workshop bis zur Discoparty, von Jugendzentren und Jugendkirchen bis hin zur Arbeit an Schulen und in Ferienzeiten.
Kirchliche Jugendarbeit hat das Ziel junge Menschen darin zu begleiten, stabile, beziehungsfähige und verantwortungsvolle Persönlichkeiten zu werden. Ihre ureigenste Aufgabe aber ist es: den jugendlichen Menschen darin zu unterstützen, eine eigene Beziehung zu Gott zu finden, darin zu reifen und aus einem religiösen christlichen Halt heraus, eine reife, starke und selbstbewusste Persönlichkeit zu werden. Dies umfasst seine spirituellen, ethischen, sozialen und intellektuellen Anlagen und Entscheidungen.
Allerdings hält "das Reifen und Werden" eines Menschen zu einem gewissen Maße und wünschenswerter Weise das ganze Leben an. Und so wünsche ich uns allen - auch den "jugendlichen Älteren" -, dass wir uns in unserem Denken und Glauben ebenso noch formen lassen. Uns von einer religiösen oder moralischen Erkenntnis zu einer veränderten Einsicht bewegen und von einem bewegenden Erlebnis "verzaubern" und verändern lassen. Dass wir ein wenig mehr zu dem Mensch werden, den Gott uns mit der Menschwerdung seines Sohnes Jesu Christi als die Zeiten überdauerndes Vorbild geschickt und geschenkt hat. Dass wir in uns fester und zu gleich freier werden – in Gott geborgen und zugleich zum Aufbruch bereit, geheiligt und doch der Welt zugewandt.
Eine gute "Reife-Zeit" und wache Sinne für Sich und Mensch und Natur in diesem Frühjahr wünscht Ihnen
Ihre
Helga Weber
(Pfarrvikarin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)