Jugend auf halber Treppe

Besuch im Jugendkeller der Lutherkirche

Will man in der Lutherkirche auf Spuren von Jugendlichen treffen, muss man nicht ratlos vor verschmierten Portaltüren stehen und ins Grübeln kommen. Es geht auch anders. Viel freundlicher und vor allem viel wohnlicher. Man folgt einfach dem Seiteneingang Richtung Küche, begibt sich ein paar Stufen hinab in den Keller – Licht nicht vergessen! – lässt die schwere Luftschutzkellertür unberücksichtigt und folgt dem Weg, bis man in einen neuen Raum kommt.

Jugendkeller: zwei Sofas über Eck davor ein kleiner Tisch.
Foto: © Holger Senft

Der Jugendkeller der Lutherkirche.

Und hier sieht’s plötzlich ganz anders aus. Auf dem Boden liegt ein Perserteppich, darauf steht ein dunkler Holztisch. Zwei Sofas sind um den Tisch gruppiert, eines davon mit einer orangefarbenen Decke verhüllt und mit Sitzkissen versehen. Das sieht einladend aus. Auch wenn es – man sieht’s nicht zuletzt am Teppich – schon ein wenig, nun ja, irgendwie alt ist. Aber die Wände sind neu gestrichen. In warmen Farben und wirklich einladend präsentiert sich der "Jugendkeller". Irgendwie stimmig und durchaus mit Geschmack. Hier also treffen sie sich, "die Jugendlichen". Beinahe andächtig steht die kleine Delegation von Mitgliedern des Redaktionskreises in diesem Wohnraum und sucht nach Spuren jener gerade in Kirchengemeinden ebenso kritisch wie hoffnungsvoll beäugten "Zielgruppe".

Einer erinnert sich gar an seine Zeit als Jugendlicher und dass "damals" die Räume hier noch ganz anders ausgesehenhaben. Natürlich nicht so schön wie heute. Ob da vielleicht auch ein wenig Neid in der Stimme war? Mir geht eine andere Frage durch den Kopf: warum treffen die sich ausgerechnet im Keller? Einfach nur aus Platzmangel? Oder ist das der Platz, den man ihnen bei uns zuweist? Sind Jugendliche wirklich "unterste Schublade" bei uns? Natürlich nicht, denke ich dann sofort und entspanne mich wieder. Denn mir fallen immer mehr Details in dem Raum auf: die mit künstlichen, gelben Blumen verzierte Wand, das weiße Regal in einer Ecke, ein weiterer Tisch neben dem Sofa, eine Getränkekiste. Die Jugendlichen haben sich den Raum selber gestaltet. Und wer ihn sich so gestaltet, ist gerne hier.

Davon haben wir etwas gespürt. Keine Zeichen von Protest, keine Anzeichen von Politisierung. Einzig eine rosafarbene Tür, auf der in blauer Farbe die Worte "No Exit" gesprüht wurden. Aha, denke ich, wenigstens ein kleines Zeichen altersgemäßen „Protestes“? Aber auch hier Fehlanzeige: alles nur Ironie. Und durch ein aufgesprühtes Mondgesicht, das strahlt, alles wieder harmonisiert. Und das war dann andererseits auch wieder ein schönes Zeichen: die Jugendlichen, die hier regelmäßig herkommen, scheinen sich wenigstens wohl zu fühlen in der Lutherkirche.

Holger Senft