Jugendstil

Ende des 19. Jahrhunderts traten Künstler in Europa und in den USA mit einer neuen Formensprache ans Licht der Öffentlichkeit: geboren war ein junger Stil, der sich wohltuend von allem Überlieferten abhob.

Die französische Bezeichnung "Art Nouveau" ist der internationale Name dieser Stilperiode, die bis zum Ersten Weltkrieg reichte.

Altarraum der Lutherkirche.
Foto: © Stefan Buch

Altarraum der Lutherkirche

Der Stil brach mit der Nachahmung historischer Stile, wie dies in Offenbach zum Beispiel bei der neugotischen Evangelischen Gustav- Adolf-Kirche (1903), der Katholischen Kirche St. Pankratius (1897) bis auf den erhaltenen mittelalterlichen Turm und der Katholischen neobarocken Marienkirche (1913) der Fall ist. Motive aus der Natur spielten eine große Rolle, florale Motive als Ornamente in Malerei, Kunsthandwerk und Architektur, oder geometrisch strenge, sachliche Formen.

Dieser Stil hat - obwohl es ihn nur rund 20 Jahre gab - die Stilwende bewirkt: weg von historischen Imitationen undhin zur Moderne, vor allem in den Bereichen des Kunsthandwerks, der Inneneinrichtung und der Architektur. In Deutschland nannte man diese Stilperiode Jahre später "Jugendstil".

Die Münchener Kunst- und Literaturszene am Ende des 19. Jahrhunderts war bunt und vorwärts gerichtet. Ab Januar 1896 erschien die Wochenzeitschrift namens "Jugend". Diese Münchener Illustrierte für "Kunst und Leben" verstand sich als eine Zeitschrift, die jegliche Form der Spießigkeit ablehnte und dabei unterhaltsam sein sollte, ähnlich dem politisch-satirischen "Simplicissimus". Schon in den ersten sieben Jahrgängen der Zeitschrift "Jugend" wurden über 250 Künstler mit ihren Werken vorgestellt. Es war der Stil, der in der "Jugend" propagiert wurde, der "Jugendstil". So wurde die "Jugend" zur Namensgeberin einer Stilrichtung, dem Jugendstil.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte sich der Kirchenbau weitgehend noch historischen Baustilen zugewandt. Demgegenüber versuchte der Baumeister Prof. Pützer mit seinen Kirchen einen neuen Aufbruch des protestantischen Kirchenbaus mit zu prägen. Unsere Lutherkirche wurde in dieser Zeit (ab 1912) in Anlehnung an den Jugendstil gebaut wie auch die innere Ausgestaltung des Kirchenraums mit ihrer Ausmalung jugendstill geprägt ist. Die Renovierung 1983/84 hat im wesentlichen das ursprüngliche innere Original von 1914 wieder hergestellt.

Pützer, der als Professor für Städte- und Kirchenbau zunächst das Amt des Denkmalpflegers für die hessische Provinz Starkenburg innehatte und später zum Kirchenbaumeister der Evangelischen Landeskirche in Hessen berufen wurde, entwarf zahlreiche Neu- oder Umbauten von Kirchen im Rhein-Main-Gebiet wie auch von nichtsakralen Gebäuden.

Nachfolgend sind einige Beispiele genannt:

  • Matthäuskirche, Frankfurt, 1905
  • Pauluskirche, Darmstadt, 1907
  • Lutherkirche, Wiesbaden, 1910
  • Friedenskirche, Offenbach, 1912
  • Lutherkirche, Worms, 1912
  • Lutherkirche, Offenbach, 1914
  • Hauptbahnhof Darmstadt, 1912

Wilfried Haamel