Noch immer ist es merkwürdig und traurig, dass unsere Käthe Keil Mittwochnachmittags nicht über die Schwelle der Lutherkirche tritt und jede einzelne "ihrer Frauen" der Frauenhilfe bzw. des Seniorenclubs begrüßt, die Sammelbüchse und das "Anwesenheitsbuch" herumgeben lässt und mich unterstützt die Lieder tongenau anzustimmen. Kurz vor Weihnachten am 16. Dezember 2006 verstarb sie und wurde am 22. Dezember auf dem Neuen Friedhof beigesetzt. Zur Erinnerung und zur Würdigung von Käthe Keil – und mit der Zustimmung ihrer Familie - finden sie die damals gehaltene Traueransprache hier als Schrifttext abgedruckt.
Helga Weber
(Pfarrvikarin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)

"Käthe Keil ist gestorben" – noch wirken diese Worte fast ein wenig unwirklich. Mit Frau Keil verbinden sich so viele Bilder aus ihrem Leben, dass die Nachricht von ihrem Tod gar nicht so wirkt als sei es nun das letzte, das wir von ihr "hören".
Frau Keil wird 80, 85. Frau Keil wird sogar 90 Jahre. War es nicht erst gestern, dass wir sie zu ihrem langen Leben beglückwünschten und ihr ein noch längeres Leben wünschten?
Käthe Keil wurde 92 Jahre – und wir feierten es letzten Sommer – im Wissen, es könnte ihr letzter Geburtstag sein, aber doch nicht so, dass wir wirklich damit rechneten.
Unsere Käthe Keil rechnete da anders. Manchmal ließ sie es durchblicken: Nein, auch sie würde der Herrgott einmal holen – nein, auch sie würde "die Radieschen mal von unten sehen" wie sie humorvoll sagen konnte.
Und dennoch – die längste Zeit ihres Lebens stand sie mitten drin im Leben, und das macht sie auch aus. Bis zum Schluss war sie nach ihren Kräften aktiv und geistig wach.
Ich glaube, zwei Bereiche waren für sie sehr wichtig, ja lebenswichtig: ihre Familie und die Lutherkirche. Zwei Lebensräume, in denen sie zu Hause war, ihren Platz hatte und ihre Verantwortung trug. In ihrer Wohnung hängen an der Wand im Esszimmer die Bilder ihrer Familie, ihrer Töchter und Enkel, ihrer Angehörigen und Bekannten.
Und im Wohnzimmer hängen die Dankesurkunden für ihre Mitgliedschaft im Kirchenchor der Lutherkirche und in der Frauenhilfe, Urkunden ihrer hohen runden Geburtstage, Bilder von ihr vor einer übervollen Tombola und ein großes Bild der Lutherkirche über dem Sofa. Im Kreise dieser Menschen bewegte sie sich, das waren die Menschen ihrer Liebe und Verbundenheit, ihre Hilfsbereitschaft und Fürsorge, sicher auch ihrer Erwartungen, und so auch mancher Traurigkeit und Enttäuschung.
1914 wurde Käthe Keil als Katharina Eleonora Margareta Mayer in Offenbach als das zweitjüngste Kind von insgesamt sieben Geschwistern geboren. Als junge Frau lernte sie in einer Frankfurter Metzgerei Fleischereifachverkäuferin – der ausbildende Metzger hatte schnell ihre rechnerische Begabung erkannt – im Handumdrehen konnte sie die ungeradesten Beträge im Kopf zusammenrechnen – ja mit Zahlen hatte sie es, bis zum Schluss wusste sie unzählige Telefonnummern auswendig. Auch in Offenbach arbeitete sie in verschiedenen Metzgereien, u.a. bei der Metzgerei Diez. Und sie war eine der wenigen jungen Frauen, die in den dreißiger Jahren bereits ihren Führerschein machte.
1946 heiratet sie Fritz Keil – er kam von der anderen Mainseite, aus Fechenheim, und fortan gingen sie für 19 Jahre gemeinsam durchs Leben, immer wohnhaft in Offenbach, wenngleich sie die Wohnungen aufgrund der veränderten Familienstruktur wechselten: 1947 wurde ihre erste Tochter Elfi geboren, 1956 kam noch Christa hinzu. Zwischen 1967 und 1993 wurden ihre fünf Enkel geboren: Kirstin und Julia, Yvonne, Miriam und Lars. Ich erinnere mich an ein Video von ihrer 80gsten Geburtstagsfeier in der Lutherkirche, da fing Lars gerade an zu laufen. An ihren Geburtstagsfeiern in der Luki kamen die Familien zusammen, ihre eigene und ihre Kirchenfamilie, sozusagen. Aber wie kam es dazu?
Am 4. Juli 1949 wurden sie, ihr Mann und ihre knapp zweijährige Tochter Elfi in der Lutherkirche getauft und das – bis dato freireligiöse Ehepaar – wurde evangelisch kirchlich getraut. Das war der Anfang für eine über 57 jährige Bindung an die Lutherkirche. Über viele Jahre hinweg ging das inzwischen etwas ältere Ehepaar Keil in den Jungehekreis, war der Familie des Dekans Eckert verbunden, traf sich zum gemeinsamen Rommespielen und fehlte auf kaum einer der damals beliebten Familienfreizeiten des Dekans. Seit 1949 war sie im Kirchenchor und in der Frauenhilfe, 1951 übernahm sie das Amt der Buchführung in der Frauenhilfe, traf sich jahrzehntelang mit anderen Frauen, um Handarbeiten für den Basar anzufertigen, war - nach dem frühen Tod ihres Mannes, der 1966 verstarb – für 24 Jahre im Kirchenvorstand und 12 Jahre in der Synode. Auch im Besuchdienstkreis war sie dabei – ja und dann, natürlich: die Tombola bei den Gemeindefesten! Durch Frau Keils unermüdlichen Einsatz, bei den verschiedensten Firmen Gegenstände und Geschenke für die Tombola zusammenzuholen – konnte sie sich mit einem riesigen Sortiment allemal sehen lassen.
In der Bibel wird von einer Witwe erzählt, die bei einem hohen Richter so beharrlich um ihr Recht bittet, dass er ihr dieses um ihrer Beharrlichkeit willen gewährt. Frau Keil hatte etwas von solch einer selbstbewussten verwitweten Frau, die keine Zeit und Mühen scheute, um mit ihren Wünschen zum Ziel zu kommen, die keinen Kontakt scheute, um ihre Anliegen vorzubringen, die ihre Vorhaben gut umsetzen konnte. Meist war ihr Handeln in einer großen Hilfsbereitschaft begründet. Sie wollte helfen, sich einsetzen, etwas tun für ihre Lutherkirche, ihre Seniorinnen in der Frauenhilfe, ihre Familie – auch für manch anderes Projekt. Erst unlängst hat sie noch einmal einen Kartoffelsalat für den Basar für krebskranke Kinder gemacht. Oder den Kirchenchor mit Kreppeln erfreut.
Das Motto eines großen Diakons des vorigen Jahrhunderts, Gustav Werner war: "Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert." Käthe Keil war eine solche Frau der Tat. Ihr Engagement in der Gemeinde gründete sich vor allem in den mitmenschlichen Kontakten, in den Freundschaften, in der Gemeinschaft und Geselligkeit, die sie schätzte, die sie bis zu letzt mit Leben füllte und die sie am Leben erhielten. Frau Keil war eine Martha im besten Sinne, eine Frau der Tat – emsig, fleißig, hilfsbereit nach ihren Kräften in der Familie, im Beruf, in ihrer Gemeinde – und darüber hinaus.
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen. (Lukas 2,29f.)
Ich denke, unsere Käthe Keil hat für sich gesehen und beschlossen: Ihre Zeit zu gehen ist gekommen. In den letzten Tagen im Krankenhaus ließ sie es spüren: "Sie hat keine Lust mehr" sagte eine Schwester. Sie war alt und lebenssatt – wie es biblisch heißt. Es war jetzt genug. 40 Jahre nach dem Tod ihres Mannes – mag sie gerechnet haben – war auch für sie ein guter Zeitpunkt, den Schlussakkord anzustimmen. Und so ließ Gott, der Herr, seine Dienerin in Frieden fahren.
Sie starb am 16. Dezember im Stadtkrankenhaus in Offenbach.
Nun ist ihr Lebenslied ausgeklungen – im Advent, wo wir mit Liedern und Gesängen so sehr die Ankunft einer neuen Zeit herbeisehnen, das Geschenk neuen Lebens in der Geburt von Gottes Sohn erwarten. Aber auch der Tod ist nach unserem christlichen Glauben eine Art Geburt hinein in ein neues, noch unbekanntes, ewiges Leben bei Gott.
Und so bin ich gewiss, dass sie im Chor der himmlischen Heerscharen ihren Platz finden und in Gottes Lob einstimmen und im schönsten Sopran mitsingen wird:
"Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen."
Amen.