Interview mit Martin Glaub

Leiter des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau

Gemeindebrief:
Was hat Diakonie mit der Luthergemeinde zu tun?

Martin Glaub beim Interview, er sitzt an einem Tisch.
Martin Glaub

Martin Glaub:
Diese Frage ist mir schon hundertmal gestellt worden. Zunächst ist Diakonie weit mehr als das Diakonische Werk. Das Diakonische Werk ist eine Organisation, die in Hessen und Nassau als Verein organisiert ist. Im so genannten "Diakonie-Gesetz" ist beschrieben, was die Aufgaben des Diakonischen Werkes sind. Dort ist auch eine enge Zusammenarbeit mit den Dekanaten und Kirchengemeinden gefordert, denn das, was das Diakonische Werk an Hilfen für Menschen in Not bereithält, tun wir in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Auch mit der Luthergemeinde. Jede Gemeinde hat diakonisches Handeln im Zentrum ihres Auftrages.

Gemeindebrief:
Ist es nicht so, dass mit zunehmender Professionalisierung diakonischen Handelns der diakonische Auftrag in das Diakonische Werk "ausgelagert" wurde?

Martin Glaub:
Da gebe ich ihnen recht. Das ist so. Allerdings kann auch nicht jede Gemeinde allen "Hilfebedarfen" gerecht werden. (...) Daher hat das Diakonische Werk bestimmte Aufgaben übernommen und professionalisiert. Deshalb kann man, wenn man vom Diakonischen Werk spricht, auch von der professionalisierten Diakonie sprechen. (...) Im Zuge dieser Professionalisierung hat das Diakonische Werk Kirchengemeinde aus dem Blick verloren. Bis hinein in die Mitarbeiterschaft. (...) Das muss man auch selbstkritisch sagen. Ich glaube, da hat das Diakonische Werk auch etwas verpasst. Mittlerweile wird dies wahrgenommen und es finden auch Bestrebungen statt, diese Thematik viel stärker in den Focus zu nehmen. (...)

Gemeindebrief:
Das heißt, die Diakonie entdeckt die Gemeinde wieder neu? Vielleicht auch weil im Zuge der Professionalisierung eine massive Ökonomisierung des Sozialen einhergegangen ist, wir müssen sagen: eine Ökonomisierung der christlichen Nächstenliebe? (...)

Martin Glaub:
Ja, als Teil der Ökonomisierung des Sozialen in Deutschland insgesamt. (...) Die Einführung der Pflegeversicherung 1991 war der Dammbruch im sozialen Bereich. Es wird versucht, das auf viele andere Bereiche zu übertragen, z.B. auf den Bereich der Arbeit mit psychisch kranken Menschen. Also das, was die ambulante Krankenpflege seit Jahren hat, soll übertragen werden. Ich persönlich finde das absurd, weil es im Ergebnis genau das Gegenteil erreicht, was es erreichen will: Es spart kein Geld, weil der Verwaltungsaufwand exorbitant zunimmt und die Qualität der Arbeit wird schlechter. (...)

Gemeindebrief:
"Entdeckt" das Diakonische Werk auch deswegen die Gemeinde wieder neu, weil sich diakonisches Handeln irgendwie unterscheiden muss von sonstigem sozialen Handeln auf dem Markt? Wird durch den Gemeindebezug das "Christliche" diakonischen Handelns sichtbarer?

Martin Glaub:
Das ist sicherlich so, schon heute. Das Problem, was sich dabei stellt, ist die Frage: Was ist denn der "diakonische Mehrwert"?

Gemeindebrief:
Unsere Gemeindeglieder wollen vielleicht wissen, worin der Unterschied besteht, wenn sie sich an unsere Diakonie wenden oder an irgendeinen privaten Anbieter.

Martin Glaub:
Richtig. Und ich kann da nur sagen: Wenn die Entwicklung so weiter geht wie bisher, wird irgendwann überhaupt kein Unterschied mehr zu erkennen sein, außer dass auf den Autos noch ein Kronenkreuz oder ein Facettenkreuz zu sehen ist. (...)

Gemeindebrief:
Bleibt die theologische Komponente diakonischen Handelns nicht völlig auf der Strecke und zwar in allen Bereichen? (...)

Martin Glaub:
Da muss ich ihnen recht geben. (...) Dennoch dürfen Menschen von uns auch professionelles Handeln erwarten. Wenngleich die christliche Hoffnung bei aller Professionalität bei uns ebenso dazugehören sollte. (...) Und das ist eine Form von menschlicher Zuwendung, die nicht aus sich heraus entsteht, sondern aus er eigenen Überzeugung, letztlich von Gott getragen zu sein. (...) Gottes Gnade befähigt dazu, auch schwierige Lebenssituationen aushalten zu können.

Gemeindebrief:
Inwiefern ist das, was sie eben gesagt haben essentielle Vorraussetzung für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen? Dabei geht es ja auch um ein bestimmtes Menschenbild ...

Martin Glaub:
Wenn wir Menschen einstellen, gehört zu den formalen Kriterien die Mitgliedschaft in einer der christlichen Kirchen, die sich in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) zusammengeschlossen haben. Das ist Grundvoraussetzung. Das heißt allerdings zunächst mal noch nicht all zu viel. Wir versuchen in den Bewerbungsgesprächen schon auch herauszufinden, welches Menschenbild die Bewerberinnen und Bewerber haben, ob es Vorerfahrungen, Kontakte mit Kirche, Kirchengemeinden gibt. Wir gucken auch darauf, ob unsere Leute in unserer Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt ausgebildet wurden. Wobei man das alles nicht abprüfen kann.

Gemeindebrief:
Ist das etwas, was vielleicht von oben gewünscht ist, aber nicht wirklich gelebt wird?

Martin Glaub:
(...) Der offene Diskurs, die demokratische Meinungsbildung und -findung gehört zum Wesen unsere Kirche und sollte erhalten bleiben, auch und gerade für Mitarbeiter der Kirche. (...) Es bleibt für mich aber dabei: Die Wiederentdeckung der Gemeinde aus Sicht des Diakonischen Werkes birgt eine riesige Chance – für die Diakonie wie für die Gemeinde. Der Kontakt zur Gemeinde, mit Menschen also, die ihren Glauben viel stärker nach außen leben, würde bereichernd für die professionellen Mitarbeiter der Diakonie sein. (...) Auf der anderen Seite könnten dadurch die Menschen, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden und mit denen professionelle Diakonie zu tun hat, durch die Gemeindeglieder wieder in die Mitte geholt werden. Beide, Diakonie wie Gemeinden, würden profitieren. (...)

Gemeindebrief:
Herr Glaub, zum Schluss noch mal eine ganz praktische Frage: Wie viel diakonische Einrichtungen gibt es in Offenbach?

Martin Glaub:
(...) Die stationäre Pflege im Anni-Emmerling-Haus, Elisabeth-Maas-Haus, ambulante Pflege die Diakoniestation, seit 25 Jahren gemeinsam getragen mit der Caritas das Wohn- und Übernachtungsheim in der Karlstraße, die Teestube und der Kleiderladen in der Gerberstraße, die medizinische Ambulanz, ebenfalls in der Gerberstraße mit großer Unterstützung der Caritas, Schuldner- und Insolvenzberatung in der Wilhelmstraße, die Schwangerenberatung, allgemeine Lebensberatung und die Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung im Lämmerspieler Weg, die Straffälligenhilfe in der Karlstraße, sowie die Kindertagesstätten.

Gemeindebrief:
Herr Glaub, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Holger Senft und Ulrich Knödler