Angedacht

Porträt von Helga Weber.
Helga Weber

Vor einiger Zeit konnte man in der "Schmunzelecke" der Frankfurter Stadtteilseiten der Frankfurter Rundschau folgende "Notiz" lesen:
Nachdem der Angeklagte dem Richter vorgeführt wurde und die Anklage verlesen wurde, erhob der Anwalt seine Stimme: "Er wollte seine Offenbacher Wohnung nicht verlassen. Er konnte es nicht. Er liebt diese Stadt von ganzem Herzen". Der Richter konnte seine Erschütterung nicht verbergen. Er rang mit der Stimme: "Man kann es sich kaum vorstellen, aber man hört es immer wieder. Es kommt immer wieder vor."

Ich glaube, dass es sogar sehr viele Menschen gibt, die nicht "freiwillig" aus Offenbach weggehen würden. Alle die, die ihr ganzes Leben hier gelebt haben, vielleicht hier geboren sind und nun hier alt geworden sind. Aber auch die, die vielleicht erst vor 15 Jahren aus Äthiopien hierher gekommen sind und sich hier eine neue Existenz aufgebaut haben. Aber auch die, die sich bewusst dafür entschieden haben: hier in Offenbach wollen wir leben. Hier passiert etwas, was die ganze Welt betrifft: Dass wir international, interkulturell und interreligiös näher zusammenwachsen müssen. Und dass wir das auch lernen können.

Wenn ich von Frankfurt nach Offenbach rein fahre, ist mein erster Eindruck zunächst von großen Straßen bestimmt: von der Autobahnausfahrt Taunusring auf den Anlagenring, dann die Waldstraße runter bis zur Lutherkirche. Zurück fahre ich meist über die Berliner Straße bis zum Kaiserlei. Ich bin kein Freund großer Straßen. Aber ich habe schon viel auf ihnen erlebt und ich sehe Menschen unterschiedlichster kultureller Prägung.

Wenn ich die Waldstraße runterfahre freue ich mich schon darauf, den Turm der Lutherkirche zu sehen. Da will ich hin. Da kenne ich die Menschen. Da habe ich meine Aufgaben zu verrichten. Da ist ein Stück Heimat. Das mag Ihnen auch so gehen, vielleicht mit der "Luki", mit anderen Orten sicherlich. Mit einem Café, mit dem Geschäft um die Ecke, mit ihrer Straße, ganz besonders mit ihrer eigenen Wohnung. Da ist ein Stück Heimat. "Da fühl ich mich geborgen. Da kennen mich die Nachbarn und da kenn ich mich noch aus."
Gewiss hat sich im Stadtteil viel verändert: die alten Läden, wo man die Inhaber noch persönlich kannte, sie sind inzwischen fast alle in anderen Händen. Das verändert die Straße und ihren Charakter. Das verkleinert für die Anwohner das Maß an Vertrauen und an Vertrautem und sie fühlen sich verunsichert. Häufig tut es gut, sich der Veränderung anzunähern. Warum sollte man sich dem neuen Ladenbesitzer nicht bekannt machen, bei dem neuen Nachbarn im Haus macht man das ja auch?!

Eine - wie ich finde - besonders schöne Ecke in unserem Stadtteil und dem Gebiet der Luthergemeinde ist der Wilhelmsplatz. Der hat Flair. Da gibt es ansprechende Cafes und Restaurants, schöne Geschäfte und dreimal wöchentlich den "bunten" Wochenmarkt.

Mit einer Frau, die mit ihrer Familie seit einigen Jahren am Wilhelmsplatz wohnt, habe ich mich unterhalten, und so beschreibt sie ihr Leben dort:
"Unten in der Kneipe an der Ecke bei den Jugos kann es schon auch mal lauter werden. Ansonsten ist die Gastronomie hier am Wilhelmsplatz eigentlich sehr gepflegt. Wir nützen die Nähe der Lokale schon auch - mit und ohne unsere drei Kinder. Überhaupt ist es toll, dass von hier aus alles so nah ist: Geschäfte, Ärzte, die S-Bahn. Eigentlich auch die Grundschule, aber mit ihr sind wir nicht zufrieden. Da müsste schon mehr passieren, mehr verlässlicher und guter Unterricht, mehr soziale Unterstützung bei all den Kindern aus Familien mit unterschiedlichem nationalen Hintergrund, Deutschkenntnissen, sozialen Verhältnissen. So gehen unsere zwei Jüngeren jetzt auf eine andere Grundschule - so haben das andere Familien auch gemacht, die unzufrieden waren und aktiv wurden. Hier im Haus wohnt auch eine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wir kommen eigentlich gut aus. Manchmal muss man zwar deutlich werden, wenn zum Beispiel tagelang ein Regal im Treppenhaus einem den Durchgang behindert. Manchmal haben sie auch viel Besuch. Aber das Mädchen ist eine sehr fleißige Schülerin, zielstrebig, sie will studieren … Die Freunde unserer Kinder wohnen zum größten Teil auch in der Nachbarschaft, sie ist eben sehr gemischt, aber viele nette Familien, manche auch mit Eltern, wo zum Beispiel der Mann Migrationshintergrund hat und die Frau schon immer deutsch war. Ich habe aber auch Schicksale mitbekommen von absolut integrationswilligen Familien - zum Beispiel aus dem Iran -, die aber nur eine geduldete Aufenthaltserlaubnis hatten und somit sich gar nicht so weit eingliedern konnten mit Beruf, Sprache und Familie wie sie es gerne getan hätten. Mal ganz abgesehen von der psychischen Belastung. Mit den nächsten Nachbarn haben wir relativ wenig zu tun, die grüßen irgendwie nie. Dafür die anderen umso mehr. Mit den Leuten aus der Zoohandlung oder dem griechischen Delikatessenladen ist es richtig nett.

Was uns sehr beunruhigt ist, dass die geplante Einflugschneise genau über den Wilhelmsplatz verlaufen wird. Darauf haben wir keine Lust. Wir sind erst vor vier Jahren hier eingezogen, haben viel selber renoviert und hätten noch viel zu tun, aber … bei so einer Lärmbelästigung schauen wir uns vielleicht doch nach einem anderen Zuhause um. ..."

Offenbach verändert sich, unser Stadtteil rund um die Lutherkirche auch. Beim Propheten Jeremia steht das viel zitierte Wort: Suchet der Stadt Bestes, es geht aber so weiter: und betet für sie; denn wenn´s ihr wohl geht, so geht´s auch euch wohl. Gut ist immer, wenn wir Veränderungen nicht einfach geschehen lassen, sondern selbst an ihnen teilnehmen. Wenn wir sie vielleicht ein stückweit mit steuern können, manchem entgegenwirken, anderes annehmen lernen. Gut ist auch, wenn wir uns nicht von Befürchtungen und Misstrauen leiten lassen, sondern von einem wachen Verstand und einer tätigen Gelassenheit, die daher rühren, dass wir Vertrauen haben können: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jeremia 29,11)

So wünsche ich Ihnen Frieden und Besonnenheit für die nahende Adventszeit und darüber hinaus für das kommende Jahr 2008.

Ihre

Helga Weber
(Pfarrerin in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)