Was bleibt? Ein Stadtteil im Wandel - Teil 2

Interview mit der Stadtplanerin Marion Rüber-Steins

Zwei Menschen, die auf unseren Gemeindebezirk blicken: Der eine hat fast sein ganzes Leben hier verbracht, ein Zeitzeuge, der authentisch berichten kann, wie es vor 50 Jahren hier ausgesehen hat. Die andere hat als Stadtplanerin im Zusammenhang der Neugestaltung des MAN-Geländes in unserer unmittelbaren Nachbarschaft diesen Stadtraum analysiert. Was unser langjähriger Kantor Wolfgang Weyrich und die Stadtplanerin Marion Rüber-Steins zu unserem Lebensraum im Wandel zu sagen haben, lesen Sie in den folgenden Interviews.

Gemeindebrief:
Frau Rüber-Steins, ist der Raum um das MAN-Roland-Gelände und die Lutherkirche eigentlich ein Stadtteil?

Marion Rüber-Steins beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Marion Rüber-Steins.

Marion Rüber-Steins:
Eigentlich nicht. Das könnte eine Aufgabe sein, im Rahmen des Stadtumbaus, dass die Bürger in diesem Bereich eine Identität mit ihrem Wohnraum entwickeln können. Bisher ist das, so glaube ich, nicht der Fall. Im Augenblick ist das mehr so ein Durchgangsraum.

Gemeindebrief:
Sie haben eine Bestandsanalyse des Stadtraums rund um das MAN-Gelände gemacht, in dem ja auch die Luthergemeinde liegt, was ist ihr Fazit und ihre persönliche Bewertung?

Marion Rüber-Steins:
Die habe ich eben schon fast vorweggenommen, indem ich sagte, dass es wichtig ist diesen Teilraum so zu entwickeln, dass dort eine Identität entsteht, die zur Folge hat, dass sich die Bürger dort mit ihrer Nachbarschaft, mit ihrer gebauten Nachbarschaft, vor allem aber mit ihrer sozialen Nachbarschaft identifizieren können und auf diese Art und Weise mehr Stabilität und Ruhe reinbringen können. Im Moment hat man ja den Eindruck nach den statistischen Ergebnissen, dass dieser Stadtraum zunehmend, wie andere gründerzeitliche Quartiere auch, so eine Art Durchgangsquartier sind, die eine relativ geringe Wohndauer aufweisen, der einzelnen Menschen, die dort wohnen und dementsprechend auch nicht zur Ruhe kommen und deswegen auch potentiell Konflikte entstehen können. Deswegen wäre es für mich sehr wichtig, wenn wir Maßnahmen bündeln könnten, die gegensteuern. Die Qualität dieses Wohnstandortes muss so aufgewertet werden, dass Leute dort gerne länger bleiben, sich identifizieren, sich einbringen, Verantwortung tragen auch für den öffentlichen Raum. Das ist meine hoffentlich nicht zu kühne Vorstellung.

Gemeindebrief:
Mit welchen Mitteln wollen sie das erreichen?

Marion Rüber-Steins:
Städtebauliche Mittel kann man immer nur investieren und dann darauf hoffen, dass die Bevölkerung sie annimmt und so hoffen wir jetzt öffentliche Räume schaffen zu können, die im Moment nicht da sind. Mein Ziel ist es eine öffentliche Grünfläche in das Quartier hineinzubringen. Am Besten geeignet ist ein Teil des MAN-Geländes. (...) Darüber hinaus geht es um eine Menge kleinerer Maßnahmen, wie zum Beispiel ein Förderprogramm für Sanierungsmaßnahmen. Es geht also darum mit einem Puzzle ganz vieler kleiner investiver Maßnahmen die Bevölkerung dazu zu bringen, dass sie ihr Quartier selbst in die Hand nimmt.

Gemeindebrief:
Ein weiteres Ergebnis ihrer Analyse ist der hohe Leerstand von Läden ...

Marion Rüber-Steins:
Ja, oder eben Dienstleister, die mit einem geringen Kapital starten können, wie Internetcafes etc. Das sind oft Ein-Mann-Betriebe, die mit ausgesprochen wenig Grundkapital sehr günstigen Ladenleerstand anmieten können, versuchen zu improvisieren und auf diese Art und Weise versuchen einen gewerblichen Standort zu entwickeln. Die sind allerdings häufig auch nicht besonders stabil und es ist die Frage ob die eine besonders positive Ausstrahlung haben. (...)

Ecke Senefelderstraße/ Gustav-Adolf-Straße in den 1950er Jahren vor Bebauung durch Faber & Schleicher.
Quelle: Stadtarchiv Offenbach

Ecke Senefelderstraße/ Gustav-Adolf-Straße in den 1950er Jahren vor Bebauung durch Faber & Schleicher (MAN Roland)

Gemeindebrief:
Gegen diesen Trend anzugehen ist unheimlich schwer.

Marion Rüber-Steins:
Zu resignieren ist mit Sicherheit nicht das richtige Signal. Wir sehen die Defizite und wollen versuchen sie anzugehen. (...) Ich glaube der entscheidende Punkt ist die Identifikation der Menschen mit ihrem Umfeld, auch und gerade mit öffentlichem Raum. Es ist wichtig zu erreichen, dass die Menschen eine öffentliche Grünfläche als ihre Grünfläche begreifen.

Gemeindebrief:
Im schriftlichen Fazit ihrer Analyse ist einerseits von einer "Brückenfunktion" und anderseits von einem "Sperrriegel" dieses Stadtraumes die Rede. Was ist damit gemeint?

Ecke Senefelderstraße/ Gustav-Adolf-Straße im Jahre 2007.
Foto: © Stefan Buch

Ecke Senefelderstraße/ Gustav-Adolf-Straße im Jahre 2007

Marion Rüber-Steins:
Es ist so, dass dieses Gebiet aufgrund seiner Lage ganz viele Fußgänger und Radfahrer aus den südlichen Stadtteilen in die Innenstadt transportiert. Es ist also so, dass dieses Viertel nicht nur ein Eigenleben darstellt, sondern auch eine besondere Rolle im Stadtraum darstellt, eben diese Brücke. Diese Brücke funktioniert nur als Brücke, wenn sie entsprechend angenehm zu überqueren ist. Wenn die Entwicklung weiter in Richtung einer Stigmatisierung eines Stadtteiles geht, was wir zum Beispiel in der östlichen Innenstadt bereits haben, dann wird dieser Raum zu einem "Sperrriegel". Dann wären die südlichen Stadtteile von der Innenstadt abgeriegelt. Das darf auf keinen Fall passieren. Wir brauchen die Durchlässigkeit und Offenheit.

Gemeindebrief:
Wie würden sie die Rolle einer Kirchengemeinde in einem solchen Stadtteil beschreiben?

Marion Rüber-Steins:
Jede Gruppe, die sich in einem Gebiet um die Belange der dort lebenden Menschen bemüht, ob es eine evangelische oder katholische Gemeinde ist, ob es eine muslimische Gemeinde ist, jede dieser Gruppen trägt dazu bei, diese sozialen Netzwerke zu bilden, um ein solches Quartier zu festigen. (...) Deswegen haben wir sie ja auch in die Projektgruppe mit eingeladen, wo es um die Entwicklung dieses Quartiers rund um das MAN-Gelände geht.

Gemeindebrief:
Frau Rüber-Steins, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Stefan Buch und Ulrich Knödler