Auf unserem Kirchturm hängen drei Glocken. Sie sind unterschiedlich groß und schwer. Beim Betrachten der Glocken, habe ich mir vorgestellt, wie sie läuten und dabei ist mir etwas klar geworden. Bevor der erste Ton erklingt, muss die Glocke in Bewegung gesetzt werden. Früher zog der Küster am Seil, um sie ins Schwingen zu bringen. Heute übernimmt das ein Elektromotor. Erst wenn die Glocken richtig in Schwung sind, wenn sie ihren Rhythmus gefunden haben, beginnen sie zu läuten. Wenn sie ganz ausschwingen und den höchsten Punkt ihrer Bewegung erreichen, schlagen die Klöppel an, und es erklingen die Töne. Jede der Glocken hat ihr eigenes Tempo. Die kleine schwingt schneller als die behäbige große. Ihr Ton ist heller und erklingt in derselben Zeit häufiger.
Mit uns Menschen ist das ähnlich. Mit unseren Gemeinden in Offenbach auch. Jede und jeder hat einen eigenen Takt und Lebensrhythmus. Wer den findet, ist mit sich selber im Einklang. Jemand, der mit sich selbst einig ist, wird auch nach außen gute Klänge abgeben. Wenn ich aber meinen eigenen Rhythmus nicht finde, wie soll dann ein guter Klang herauskommen? Eine Glocke in ihrem Hin und Her zu stören oder gegen ihre Bewegungsrichtung zu stoßen, würde sie aus dem Takt bringen und das Geläut stören. Nur elendes Geschepper käme dabei heraus.
Ich sehne mich nach harmonischen Klängen, nach einer Gemeinschaft versöhnter Vielfalt.
Die Bibel nennt das Frieden, Schalom.
Von dieser Sehnsucht getrieben wird so mancher Streit ausgefochten, so mancher Konflikt ausgetragen und so manche Verletzung zugefügt. In unseren Beziehungen, unseren Familien und Gemeinden. Da gerät das manchmal aus dem Blick.
Auf unserem Kirchturm hängen drei Glocken. Sie sind unterschiedlich groß und schwer.
Es grüßt sie herzlich, Ihr Gemeindepfarrer
Ulrich Knödler
(Pfarrer in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)