Die Zukunft der Evangelischen Kirche in Offenbach

Interview mit Pfarrer Joachim Bundschuh, Ev. Stadtkirchengemeinde Offenbach zum Impulspapier "Es muss etwas passieren"

Gemeindebrief:
Ist die Vermutung richtig, dass Sie grundlegende Kritik am Impulspapier haben und wenn ja, welche?

Joachim Bundschuh:
Ich vermute hinter dem Impulspapier ein Gemeindeverständnis, das sich von meinem unterscheidet. Kirche und Gemeinde werden hier mehr als Dienstleister verstanden. Man macht gezielt Angebote für die „Kundschaft“. Mir fehlt hier einfach der Gemeinschaftsgedanke. Aber die Gemeinde als Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die über Generationen hinweg und mit ihren verschiedenen Interessen idealtypisch zusammengeführt werden, scheint mir etwas aus dem Blick geraten zu sein. Zwar ist das dann in der Gesamtgemeinde irgendwie da, aber ich glaube, dass das von den Menschen so nicht mehr wirklich empfunden werden kann. Ich glaube, dass eine kleinere Einheit die Menschen sehr viel mehr emotional bindet, als es eine große, anonymere Gemeinde tun würde. Ich sehe andererseits natürlich auch, dass das Papier auf eine bestimmte Situation reagiert. Die Gemeinden schrumpfen, haben deshalb auch immer weniger Geld und immer weniger Leute, die sich engagieren. Das Impulspapier ist ein Versuch, damit zu Recht zu kommen. Ich glaube aber, dass man eher Menschen verliert, als dass man neue gewinnt, wenn man das Papier umsetzen würde.

Gemeindebrief:
Wie möchten Sie die kleiner werdenden Gemeinden auffangen?

Joachim Bundschuh beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Joachim Bundschuh: "Mir fehlt in dem Konzept einfach der Gemeischaftsgedanke"

Joachim Bundschuh:
Ich glaube, dass wir viele kleinere Gemeinden brauchen. Nach meiner Erfahrung ist hier die Identifikation mit der Gemeinde groß und die Leute sind deshalb auch bereit, viel Zeit zu investieren. Da kümmert man sich dann auch ganz anders um einander. Ein Beispiel: von unseren 20 Gottesdienstbesuchern sind viele jeden Sonntag da. Wenn da einer drei Mal hinter einander fehlt, rufen ihn die anderen an und erkundigen sich nach ihm. Nicht im Sinne einer Kontrolle, sondern aus Anteilnahme. Ich glaube, je größer Gemeinden sind, desto weniger kann man den Einzelnen im Blick behalten.

Gemeindebrief:
Kleinere Einheiten fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl?

Joachim Bundschuh:
Unter den Leuten in den kleinen Einheiten schon. Man muss aber auch überlegen, wie kommt das Kleine dann wieder in das große Ganze? Dazu gibt’s in dem Impulspapier ein paar gute Ideen, die nicht zwingend mit einer Gesamtgemeinde verbunden sind. Eine gemeinsame Kirchenzeitung für Offenbach zum Beispiel. Damit erreicht man ein viel größeres Spektrum an Leuten. Der Vorteil einer Stadt wie Offenbach ist der, dass die vielen Gemeinden eben sehr verschieden sind und es auch sein dürfen. Sie sprechen ganz unterschiedliche Menschen an von ihrer Ausrichtung her. Das hängt zum einen an den Persönlichkeiten der Pfarrerinnen und Pfarrer, zum anderen aber auch an bestimmten Gemeindetraditionen. Die Friedenskirche z.B. spricht andere Menschen an als unsere Gemeinde oder die Luthergemeinde. Und das ist in Ordnung. Da, wo die Menschen sich beheimatet fühlen, sollen sie auch hingehören.

Gemeindebrief, Ulrich Knödler:
Würden Sie nicht sagen, dass es genau darum im vorgeschlagenen Konzept geht? Wir haben viele Umgemeindungen, die Menschen gehen dort hin, wo es ihnen gefällt. Müssten wir nicht die parochialen Grenzen aufgeben und diese Durchlässigkeit auch strukturell umsetzen? Dann hätten wir aber so etwas wie eine große Innenstadtgemeinde. Aber natürlich haben wir immer noch kirchliche Orte mit ihren beheimateten Menschen und ihrer ganz eigenen Identität. Ich glaube nämlich, wie Sie, dass dieses Heimatgefühl, diese Identifikation mit einer Gemeinde und einem Ort, nicht zerschlagen werden darf.

Joachim Bundschuh:
Ich glaube dennoch, dass das was anderes ist, wenn man formal zu einer Gemeinde gehört oder wenn man sagt: ich fühle mich da zugehörig, das ist meine Gemeinde. Das ist ähnlich wie Menschen im vereinten Europa. Die haben trotzdem ihren deutschen, französischen oder italienischen Pass, obwohl sie gut reisen können, weil die Schlagbäume oben sind. Aber ich glaube trotzdem, zur eigenen Identität ist es wichtig ...

Gemeindebrief:
Gemeinsame Währung ...

Joachim Bundschuh:
Gemeinsame Währung, ja ... Aber so, wie das Konzept sich bisher darstellt, führt die dortige Unterscheidung zwischen kirchlichen Orten und Ortskirchen zu bestimmten Schwerpunkten. Ich sehe nicht, dass es da eine normale Gemeinde geben könnte, wo Leute sich aufgrund ihrer persönlichen Bindungen zuordnen können. Aber da bin ich ja nicht der einzige. Es wird ja allenthalben hinterfragt, ob diese Unterscheidung sinnvoll ist. Eine ganz andere Geschichte ist die Frage, ob denn ein so großer Kirchenvorstand, wie ihn das Papier für die große Innenstadtgemeinde vorsieht, überhaupt praktisch arbeiten kann. Kann er die Belange der einzelnen zehn Bezirke überhaupt im Blick haben? Die Menschen werden auch weniger Einflussmöglichkeiten als jetzt haben. Es gibt bei uns diese Bedenken, dass wir bei einem großen KV, in dem wir auch nicht so viele Leute hätten, vielleicht hinten runter fallen.

Gemeindebrief:
Kann hier die Stadtkirchengemeinde nicht selbstbewusster sein? Sie ist in zentraler Lage und angeschlossen an die Offene Stadtkirchenarbeit. Gäbe es nicht andere Orte, die sich viel größere Sorgen machen müssten?

Joachim Bundschuh:
Wenn Sie das Gebäude meinen, gebe ich Ihnen völlig Recht. Inhaltlich aber ist das wieder eine ganz andere Geschichte. Es gibt in dieser Gemeinde hier die Befürchtung, dass das Gefühl: „wir sind jetzt verantwortlich für das, was bei uns geschieht“, in einem großen KV weniger machbar ist.

Gemeindebrief:
Aber müsste man dann nicht das enge „Kirchturmdenken“ aufgeben? Was spricht für Sie dagegen, die eigene Gemeinde als einen kirchlichen Ort zu verstehen, der im Konzert mit anderen gemeinsam Musik macht?

Joachim Bundschuh:
Das Bild stimmt so nicht. Dieses Konzert gibt es ja schon. Es gibt verschiedene Instrumente, die auch jetzt schon zusammenspielen – mal besser, mal weniger gut. Das hat für mich auch nichts damit zu tun, dass man nur den eigenen Kirchturm sieht, sondern dass man das, was der eigene Kirchturm bietet, schon einbringt in das, was im Gesamten gespielt wird. Das passiert ja jetzt schon. Aber dazu brauche ich keine große Gesamtgemeinde.

Gemeindebrief:
Das andere Argument, das dazu geführt hat, dass man gesagt hat, die Grenzen müssen geöffnet werden, war, dass es keinen Sinn macht, auf so engem Raum so viele parallele und gleichartige Angebote zu machen und uns gegenseitig dadurch auch noch eine ungute Konkurrenz machen.

Joachim Bundschuh:
Ich glaube nicht, dass wir uns im Großen und Ganzen ungute Konkurrenz machen. Ich glaube, es werden ohne das neue Konzept mehr Leute die normalen Sonntagsgottesdienste um 10 Uhr besuchen, als wenn wir nur noch vier Sonntagsgottesdienste um 10 Uhr hätten. Und ich glaube, es wäre hilfreich, wenn wir auch mehr Rücksicht auf einander nehmen würden. Wenn z.B. in der Luthergemeinde um 10 Uhr ein musikalischer Gottesdienst stattfindet, könnten wir in der Stadtkirche überlegen, ob wir dann erst um 18 Uhr einen anbieten… Aber das gibt es ja in Ansätzen schon. Die Zusammenarbeit kann natürlich noch verbessert werden, auch unter den Kolleginnen und Kollegen. Aber das wird es in einer großen Gemeinde natürlich auch geben. Wenn aber schon die Zusammenarbeit in kleinen Gremien so enorm schwer ist, warum soll man dann das Ganze in einem solchen Riesenkonzept ausprobieren, mit acht Pfarrstellen, wo es eh nicht immer so einfach ist, mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen zu arbeiten? Aber auch für eine bessere Zusammenarbeit braucht man keine Großgemeinde. Das ist eine Frage Gemeindeabsprachen. Und bei manchen Gemeinden passiert das schon. Die Schlosskirche hat keinen Kindergottesdienst, Johannes auch nicht, wir bieten einen an. Das wird in den anderen beiden Gemeinden auch kommuniziert und das funktioniert. Ich denke, das kann man sicher noch mehr ausbreiten.

Gemeindebrief:
Sie meinen, man braucht keine Strukturveränderungen im Sinne des Impulspapiers, sondern auf der Basis alter Strukturen sollte man die Absprachen und Kommunikation verbessern, um die Zusammenarbeit zu ermöglichen?

Joachim Bundschuh:
Das wäre sehr wünschenswert. Und bestimmte Impulse vom Impulspapier kann man dafür sicher aufnehmen. Die gemeinsame Kirchenzeitung zum Beispiel. Es gibt sicher noch andere Dinge. Aber dazu brauche ich die bestehenden Strukturen nicht so sehr zu zerschlagen, was eher dazu führen kann, dass Leute noch weniger Bezug zur Kirche haben. Bei uns höre ich dann so Stimmen, die sagen: ach, dann wird das alles so groß, dann gehen wir doch lieber in die französisch-reformierte Gemeinde, da haben wir’s klein und übersichtlich. Das kann auch nicht die Lösung sein.

Gemeindebrief:
Das Impulspapier trägt den Titel: „Es muss etwas passieren“. Teilen Sie überhaupt diese Auffassung?

Joachim Bundschuh:
Wenn es um Gebäude geht, teile ich das, davon hat die evangelische Kirche zu viele in Offenbach, z.B. in der Schlosskirchengemeinde oder hier das Katharina-von- Bora-Haus. Aber das können die einzelnen Gemeinden selber regeln. Wenn wir uns bestimmte Gebäude nicht mehr leisten können, müssen wir überlegen, was wir machen: verkaufen oder umnutzen? Und ich finde auch, dass man da durchaus mit anderen Gemeinden zusammen überlegen kann, wo man sich gegenseitig unterstützen kann. Es ist immer so eine Unterstellung, dass die Gemeinden, wenn sie alleine bleiben, nur sich selbst sehen. Ich glaube aber schon, dass Gemeinden noch mehr zusammenarbeiten müssen. Und dazu müssen die Finanzen auf den Tisch und der Zustand der einzelnen Gebäude. Aber man wird in der großen Gemeinde genauso Gebäude verkaufen müssen oder Personal entlassen. Die Problematik wird also die gleiche bleiben. Ansonsten erlebe ich Offenbach als sehr aufgeregt: es muss etwas geschehen, es ist alles ganz schrecklich. Das höre ich von ganz vielen. Ich habe manchmal den Eindruck: würden sie mich hier einfach nur meine Arbeit machen lassen, ohne dass ständig über diese Sachen geredet werden würde, würde es der Gemeinde und mir besser gehen. Tendenziell gibt es das ja auch in anderen Gemeinden und Dekanaten. Und da gibt es auch unterschiedliche Modelle, z.B. Fusionen.
Andere wollen eher alleine bleiben, aber stärker zusammenarbeiten. Wieder andere Gemeinden finanzieren den Gemeindepädagogen einer weiteren Gemeinde mit Ich denke, solche Dinge kann es durchaus geben, ohne dass es eine große Struktur gibt.

Gemeindebrief:
Aber wie kriegt man diese Zusammenarbeit hin, wie soll das Gemeinschaftsgefühl entstehen?

Joachim Bundschuh beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Joachim Bundschuh: "Es ist immer so eine Unterstellung, dass die Gemeinden, wenn sie alleine bleiben, nur sich sehen"

Joachim Bundschuh:
Wenn ich mich in der Offenbacher Innenstadt bewege, halte ich die Fahne der Innenstadt hoch. Komme ich nach Bürgel oder Frankfurt, bin ich Offenbacher. Gehe ich darüber hinaus irgendwohin außerhalb Hessens, dann bin ich Hesse. Das hat alles was damit zu tun, wo ich mich gerade befinde. Ich finde das nicht schlimm, wenn die Leute sagen „Ich komme aus der Friedenskirche“ oder „Ich bin aber aus der Lutherkirche“ oder so. Wenn es darum geht, zu schauen, was mit der evangelischen Kirche hier in Offenbach passiert, dann müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir möglichst vielen Leuten das Evangelium nahe bringen können, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Und da empfinde ich gerade die Vielfalt in der evangelischen Kirche als einen besonderen Reichtum.

Eine andere Sache: beim Impulspapier habe ich das Gefühl, man versucht, der Gesellschaft nachzudifferenzieren. Die Gesellschaft differenziert sich aus, schon sehr lange. Ich glaube, dass wir mehr versuchen sollten, ein Stück Gegenkultur zu bilden. Also mehr das Auseinanderdifferenzierende zusammenzuführen. Ich weiß, dass eine Reihe von Menschen aus unserer Gemeinde auch deshalb hier her kommen, weil es ein Ort ist, wo es nicht so anonym ist. Die Gefahr der Anonymisierung ist umso größer, je größer auch so eine Einheit ist. Eine andere Sache: ich denke manchmal, dass wir mehr Menschen mit kleinen Gemeinden erreichen. Ein Beispiel: ich bin jedes Jahr auf der Suche nach Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wir haben nicht viele davon. Wenn ich Anmeldungen habe und zwei von vier sich angemeldet haben, dann gehe ich zu denen hin, sage: ich habe euch doch eine Einladung geschrieben, wollt ihr nicht mitmachen, dann könnt ihr euch gleich anmelden. Das führt jetzt nicht dazu, dass sich automatisch alle anmelden, aber den einen oder anderen betrifft das dann doch. Der Vorteil von kleineren Gemeinden ist, dass man den Leuten eher mal nachgeht. Allerdings ist natürlich das Problem ein Personalproblem. Ich denke, unsere Gesamtkirche müsste eine Personaloffensive im pfarramtlichen Bereich starten. Das machen wir nicht, wir ziehen uns eher zurück. Das hat auch mit dem Geld zu tun. Es ist immer auch eine politische Entscheidung zu sagen: wofür gebe ich Geld aus?

Ich denke, im EKD-Vergleich haben wir eine relativ hohe Pfarrerdichte hier in Hessen-Nassau. Ich glaube aber, es wäre wichtig, dass wir eher weniger als mehr Menschen pro Pfarrperson haben. Da wird einem natürlich leicht vorgeworfen: die Gemeinde ist doch nicht der Pfarrer!, das ist richtig, aber das Bild in der Öffentlichkeit ist das, dass Kirche mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin personifiziert ist. Das heißt nicht, dass nur die in der Gemeinde was machen sollen, aber das ist oft so, auch wenn es uns nicht passt.

Gemeindebrief, Ulrich Knödler:
Ich habe eben verstanden, wo auch der Dissens ist. Ich glaube tatsächlich, dieses IP ist ein Nachdifferenzieren. Die Kirche differenziert nach, was sich gesamtgesellschaftlich tatsächlich schon entwickelt hat. Das sehe ich auch so, das ist in dem Papier so angedacht. Ich meine allerdings, dass Kirche keine andere Chance hat. Ich glaube nicht, dass Kirche als Gegenmodell eine Zukunft hätte.

Joachim Bundschuh:
Das sehe ich anders.

Gemeindebrief, Ulrich Knödler:
Ich kann nicht daran glauben, dass wir als Gemeinde ein Gegenmodell zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung sein können. Das führt nach meiner Vermutung dazu, dass wir immer kleiner werden und letztlich austrocknen, trotz aller Bemühungen, Besuche und Beziehungsarbeiten.

Joachim Bundschuh:
Ich glaube nicht, dass wir mit dem anderen Modell mehr Menschen erreichen werden. Da werden wir genauso schrumpfen. Die Zukunft wird es zeigen. Die Chance in unserer Landeskirche würde ja darin bestehen, dass beides ja parallel existieren kann. Sie können irren, ich auch, deshalb ist es gut, wenn man zwei Eisen im Feuer hat.

Gemeindebrief:
Um es mal zuzuspitzen: was ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass eine Kirchengemeinde wie die Stadtkirchengemeinde, die an so exponierter Stelle beheimatet ist, sich als Gegenmodell versteht, während die anderen Kirchen in dieser Stadt sich zusammentun und nach dem anderen Modell der Ausdifferenzierung fahren.

Joachim Bundschuh:
Also von der Kirche her gebe ich Ihnen sicher Recht. Das ist sicher schwierig. Es ginge nur, wenn wir sagen: wir nutzen die Kirche gemeinsam, was ja möglich wäre. Hier könnte man einen Kompromiss finden.

Joachim Bundschuh beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Joachim Bundschuh: "Ich glaube, dass wir versuchen sollten, ein Stück Gegenkultur zu bilden"

Gemeindebrief:
Was würde man jetzt konkret unter Gegenkultur verstehen?

Joachim Bundschuh:
Das sind ja jetzt erst mal so Schlagworte. Im KV haben wir darüber gesprochen, das hat erst mal zu Missverständnissen geführt, weil einer darunter verstand, dass wir das christliche Abendland seien und um uns herum seien die Muslime. Das meine ich darunter natürlich nicht. Ich verstehe darunter, dass wir das Ausdifferenzierte zu integrieren versuchen sollten, über bestimmte Angebote. Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, sollte man zusammenbringen, ins Gespräch bringen. Und zwar glaube ich, dass das nur auf relativ kleiner Ebene geht. Natürlich bringt diese Gesamtgemeinde dann auch wieder alles zusammen, aber es ist doch anders, weil durch die verschiedenen, stark ausdifferenzierten Angebote die Begegnungsflächen geringer werden.

Gemeindebrief:
Wenn ich das mal ketzerisch sagen darf: ich bin deshalb überzeugt, dass wir eine Chance haben, weil wir nicht die industrielle Revolution zurückdrehen können, dass Menschen wieder da wohnen, wo sie arbeiten. Bestimmte Prozesse sind da in unserer Gesellschaft abgelaufen, die wir natürlich nicht zurückdrehen können. Ich frage mich dann nach dem Sinn, worin da die Gegenbewegung besteht.

Joachim Bundschuh:
Ich glaube, dass die Menschen darunter leiden, dass es so ausdifferenziert ist. Sicherlich nicht alle, aber doch eine ganze Reihe von Menschen. Ich glaube, dass christliche Gemeinde so gewollt ist, dass ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen, auch in einer relativ kleinen Gruppe. Aber ich meine eher so etwas wie eine Gemeinde, die sich noch als Gemeinschaft versteht. Ich glaube, das ist wirklich das, was in der Bibel gewollt ist für Gemeinde. Ich glaube auch, dass darin die Zukunft steckt und nicht in der Nachdifferenzierung.

Gemeindebrief:
Aber so groß ist Offenbach ja jetzt auch nicht, dass man jetzt ein Gemeinschaftsgefühl kriegen kann.

Joachim Bundschuh:
Ich glaube, dass die Gemeinschaft am besten dadurch gefördert werden kann, dass man den Gemeinden die Identität lässt. Wenn ich keine Angst haben muss vor dem anderen, kann ich viel besser zusammenarbeiten, als wenn ich denke: wir werden alle in den großen Topf geworfen und jeder muss retten, was er noch retten kann. Ich befürchte, dass viele Gemeinden nach diesem Motto verfahren: wie kriege ich innerhalb dieses großen Konzepts die beste Position? Das kann’s nicht sein. Ich glaube, dass, je weniger ich das Gefühl habe, dass ich bedroht bin, ich auch mehr mit anderen zusammen machen kann. Wir machen völlig frei und unbelastet Dinge mit der altkatholischen Gemeinde zusammen. Die Gelassenheit der Zusammenarbeit liegt auch darin, dass die uns nicht gefährlich werden. Ich glaube, wenn wir diese große Diskussion jetzt nicht hätten, wäre manches einfacher.

Gemeindebrief:
Sehen Sie denn eigentlich auch was Gutes, was durch dieses IP jetzt schon in Gang gekommen ist?

Joachim Bundschuh:
Ja, dass wir jetzt hier zusammensitzen, finde ich positiv. Dass mal unterschiedliche Gemeindebilder auf den Tisch kommen. Auch inhaltlich zu diskutieren und auch wahrzunehmen, dass es unterschiedliche Vorstellungen gibt und zu gucken: können wir einen Platz miteinander finden? Das gefällt mir an der Volkskirche, auch wenn ich kein großer Freund von Volkskirche bin. Diese Weite, die dadurch möglich ist, schätze ich sehr.

Gemeindebrief:
Habe ich das richtig verstanden, dann sind Sie dabei, wenn es darum geht, diesen Prozess des IP weiter konstruktiv mit zu begleiten, z. B. in Arbeitsgruppen?

Joachim Bundschuh:
Grundsätzlich ja. Das Problem ist nur, dass ich manchmal das Gefühl habe, wenn man in so Arbeitsgruppen mitmacht, hat man das Konzept schon gekauft. Das war auch das Problem an diesem Kirchenvorstandstag. Man konnte in die einzelnen Gruppen gehen, das war auch gut und sinnvoll, aber das ist alles immer auf der Basis dieses Impulspapier und des Modells. Und wenn ich aber sage, ich will dieses Modell nicht, dann ist es schwierig, in irgendeiner Weise zu arbeiten. Ich weiß auch nicht, wie da eine gute Lösung aussehen kann. Was die Gemeinde angeht, da wird ziemlich offen überlegt, was können und wollen wir und was sind die Leute zu tun bereit? Wenn es dahin geht, dass die Leute sagen, wir wollen nicht mitgehen in diesem großen Konzert, dann muss es klar sein, dass es Kraft und ehrenamtlich engagierter Menschen bedarf, und wenn die nicht da sind, dann geht das nicht. Das müssen die Leute auch wissen. Man muss sich dann selber auch engagieren.

Gemeindebrief, Ulrich Knödler:
Das ist ehrlich und seriös. Wenn diese Alternativen durch das Impulspapier in Ihrer Gemeinde ausgelöst wurden, auch die Konsequenzen fürs Ehrenamt, finde ich das gut.

Joachim Bundschuh:
Deshalb sage ich ja auch, dass ich es grundsätzlich gut finde, dass es dieses Papier gibt und dass man darüber diskutiert. Es löst etwas aus, das soll es ja auch. Mein Problem ist nur: wie kann ich über das Papier reden, ohne gleich drin zu sein?

Gemeindebrief:
Es klingt bei Ihnen eine Verteidigungshaltung mit an. Wo ist Ihr Gegenentwurf? Das IP ist ein Entwurf in einer Richtung. Wie sieht Ihrer aus?

Joachim Bundschuh:
Ich habe natürlich kein Papier in dem Sinne, das kann es auch nicht geben, weil an dem anderen Papier die Leute schon ein Jahr gearbeitet haben, da kann jetzt nicht auf die Schnelle ein Gegenimpuls kommen. Da bräuchte man eine neue Impulsgruppe. Was die Verteidigungshaltung angeht: das ist sicherlich richtig wahrgenommen, weil ich denke, dass das, was ich vertrete, bei der Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen nicht populär ist. Mir ist es immer wieder passiert, dass schnell gesagt wird: das hat sowieso keine Zukunft, das ist ja nur rückwärtsgewandt, wollt ihr nur, dass alles so bleibt, wie es ist? Da habe ich das Gefühl, das wird nicht ernst genommen. Und das führt dann zu einer solchen Haltung.

Gemeindebrief:
Herr Pfarrer Bundschuh, wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Interview führten Holger Senft, Stefan Buch und Ulrich Knödler von der Gemeindebriefredaktion.