Anlässlich der Tagung der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) mit dem Schwerpunktthema "Kirchenmusik" hielt Kirchenmusikdirektor Professor Ingo Bredenbach, Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen am 10. Januar 2006 den Hauptvortrag zu diesem Thema. Nachfolgend finden Sie einige Auszüge aus diesen Vortrag.
[...]
Kirchenmusik, ein Lebensmittel, ein Mittel zum Leben? Oder war Kirchenmusik einst ein Lebensmittel, dessen Haltbarkeitsdatum heutzutage längst abgelaufen ist? Welche Chance hat Kirchenmusik im Abseits, in dem Gottesdienst heute zu stehen scheint, und im Leben einer Gemeinde? Braucht man im Zeitalter der ständigen Verfügbarkeit und Wiederholbarkeit von Musik überhaupt noch Kirchenmusik […]? Es stellt sich die Frage, was Kirchenmusik ist: Ist Kirchenmusik "Musik für die Kirche" (als Beschreibung einer Funktion von Musik), oder "Musik in der Kirche" (als Beschreibung des Ortes ihres Erklingens) oder gar "Musik der Kirche" (als Beschreibung der Machtrepräsentanz von Kirche, auch im Sinne von dem, was Kirche sich leisten kann)? Womöglich wäre es richtiger, in den Definitionsversuchen statt "Kirche" besser "Gottesdienst" oder "Gemeinde" zu setzen. Vielleicht aber ist das Wort auf seiner zweiten Hälfte zu betonen: Kirchenmusik: Musik ist "tönend bewegte Form in der Zeit" (Eduard Hanslick), die flüchtigste aller Künste, nicht festzuhalten oder gar zu betrachten wie andere Kunst. Musik ist akustisches Material (einschließlich des Schweigens) verbunden mit einer leitenden Idee, oder wie Victor Hugo sagte: "Musik ist das Geräusch, das denkt"
Grundsätzlich gibt es keine "himmlischen" Töne oder "teuflische" Rhythmen. Das einzige Kriterium für eine Liturgiefähigkeit von Musik ist Qualität. [...] Zur Liturgiefähigkeit gehört neben der Qualität auch das Eingehen auf theologische Konzepte. Pfarrer Bernhard Leube, Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik Tübingen, führte in einem Vortrag 1998 aus: "Nicht oft genug kann man Luthers Gottesdienstdefinition wiederholen, die er bei der Einweihung der Torgauer Schlosskapelle am 5.10.1544 in der Predigt gab, das neue Haus nämlich solle dahin ausgerichtet werden, ,dass nichts anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang'. Die wichtigste Frage für einen Gottesdienst und mithin für seine Musik ist demnach nicht, ob's "gut ankommt"..., sondern ob diese grundlegend dialogische Struktur ihre angemessene Darstellung findet."
Im Gottesdienstbuch der Württembergischen Landeskirche von 2004 heißt es: "Im Singen betet die Gemeinde, sie dankt und lobpreist Gott, sie klagt ihm und bittet. Darin drückt Gemeinde sich selbst vor Gott aus und erfährt sich als solche. Die Menschen präsentieren sich selbst vor Gott im Gottesdienst, aber sie feiern sich nicht selbst. ... Situation und Erwartung der Gemeinde können aber nicht das einzige Kriterium für die Musik im Gottesdienst sein, denn im Singen geht die Gemeinde auch über sich und ihre Situation hinaus. In Singen und Musik wird auf besondere Weise ebenso die Zeit und Raum übersteigende unsichtbare Kirche erfahrbar, die im Gottesdienst präsent ist. Gottes Wort und auch die Musik sind situations-überlegen. Diese Präsenz der ganzen Kirche zeigt sich in der prinzipiellen Gleichzeitigkeit der Zeiten im Gottesdienst. ... Im Singen gibt die Gemeinde den ihr vorausgegangenen Vätern und Müttern ihre Stimme und präsentiert bzw. repräsentiert sie." In der EKiR heißt es im alten Presbyterhandbuch: "Mit Kirchenmusik antwortet die Gemeinde auf Erfahrungen des Glaubens. Sie folgt damit der Tradition des Alten Bundes (Psalm 96) und dem Auftrag des NT (Kolosser 3,16)", im neuen Handbuch: "Sie folgt damit der Tradition Israels und des Judentums".
[...]
Bereits die allwöchentliche Chorprobe erweist sich in ihrer (Halb-)Öffentlichkeit als Ort der Verkündigung, als Ort der Vergegenwärtigung biblischen Wissens und theologischer Erkenntnisse, was man in einer Zeit des Verlustes grundlegender Bildung nicht hoch genug schätzen kann. Bereits die Chorprobe erweist sich als Einblick in die Frömmigkeits- und Auslegungsgeschichte eines Textes durch die Musik sowie als Konkretisierung dieser Verbindung von Text und Musik mittels der zeitgenössischen, ins Heutige zielenden Interpretation. Mit allen Identifizierungen mit Musik und Text, bei allen Zweifeln an Text und Musik erweist sich bereits das gemeinsame Singen und Musizieren in der Chorprobe als gelebter Glaube, eine zielgerichtete Arbeit hin zu einem Laut-Werden der biblischen Botschaft, eben einer Verlautbarung der Frohen Nachricht. "Darum, solange wir noch Zeit haben, lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen" (Galater 6,10).
Das Singen und Musizieren hat verschiedene Richtungen: Soli Deo Gloria (auch wenn wir nicht sicher sein können, ob Gott uns überhaupt gerade hören und ertragen kann, vgl. Amos 5,23: "tut weg das Geplärr Eurer Lieder"), dann aber auch als Dienst an der und in der und für die Gemeinde und eben, nicht zuletzt: man singt und musiziert auch für sich selbst. Musik vermag zu erfreuen und zu trösten und der Verzweiflung oder Klage Ausdruck zu geben. Musik muntert auf, spornt an, beseelt und vermittelt ein Hochgefühl beim Singen, gerade wegen des In-Mir-Klingens beim eigenen Singen. Allein die Atemführung und die Klangwelten meines Körpers, die mitschwingenden Resonanzräume und Klangfarben beglücken den Singenden zunächst ein mal selber, so dass Singen sich immer mehr als eine Anleitung zum Glücklichsein, als Akt der Selbstbefriedigung und Eigenliebe, ja als Selbst-Therapie erweist: also als ein Akt der Liebestätigkeit an sich selbst, eben Diakonie und damit das Doppelgebot der Liebe in seinem zweiten Teil erfüllend. Die Gabe des Singens ist jedem gegeben, der über funktionierende Stimmbänder und ein steuerndes Gehör verfügt. Singen ist eine Grundäußerung des Menschen. Es scheint sogar so zu sein, als ob weit vor der Sprachfähigkeit primär die Fähigkeit zum Singen und noch früher die zum Hören angelegt ist. Für mich ist Sprache mit all ihren musikalischen Parametern (hoch/tief, schnell/langsam, einer Vielzahl von (Vokal)Farben und Lautstärken sogar "nur" eine Sonderform der Musik, was Luther mit "davon ich sing'n und sagen will" (EG 24,1) formuliert hat.
[...]
Es gilt, bewusst zu machen, dass Musik kein Konsumgut, keine Berieselungsmaschine ist und Musik keine Klangtapete für unsere Gottesdienste. Musik in der Kirche versteht sich weder als Stimulans noch als Betäubungsmittel, sondern als Beitrag und Hilfe zum Mündigwerden der Gemeinde, um Hör-Horizonte zu öffnen, so dass sich Gemeinde mittels der Musik und der durch die Musik kommentierten und interpretierten Texte selbstbewusst und ihrer selbst bewusst wird.
Diakonie wird heute meist als Synonym für "Liebestätigkeit" verwendet. Gemäß Markus 2,17 ist Diakonie Dienst am Nächsten im Namen und im Auftrag Jesu Christi. Diakonie ist eine Einübung in und Ausübung der Nächstenliebe, denn hinter allem Diakonischen steht das Doppelgebot der Liebe (Matthäus 22, 37-39). Die Not vieler Menschen schreit auch heute noch nach Hilfe, aber sind alle Nöte offensichtlich und offenkundig? Gibt es über die wieder wachsende materielle Not nicht vermehrt seelische Nöte und eine vermehrte Sprachunfähigkeit? Hier könnten Musik und Stille als Hilfe zur Klage, als Mittel beispielsweise Verzweiflung und Wut auszudrücken, in vielfältigen Formen, Stilen und Niveaus den Menschen wieder eine Sprache und Stimme geben - in ihrer erschütternden und erfreuenden, in ihrer tröstenden und bewegenden Kraft und Fähigkeit. Hier beizutragen zu aktiv hörendem Mitvollziehen und Mitleiden dessen, wovon Text und Musik sprechen, letztlich aber zu eigenem Tun anzuleiten im Befähigen zum Mündigwerden, das wären Ziele für eine "evangelische Stimmbildung", bei der Kirchenmusik als Diakonie wirken würde. Dies reicht von einfachen Klang- und Rhythmuserfahrungen in der an Bedeutung gewinnenden Musiktherapie (vom Kindergarten bis hin zu Altersheimen) über die musikalische Früherziehung, über die Bandarbeit und das Musizieren im Posaunenchor und Blockflötenensemble bis hin zum gemeinschaftsstiftenden Singen im Seniorenchor, vom Singen mit Konfirmanden bis hin zum fantasievollen Singen und Musizieren mit der Gemeinde im Gottesdienst und Offenen Singen. Hier geschieht im Vollzug des Singens und Musizierens Diakonie/Caritas, eben Liebesdienst am Nächsten und an mir (s.o.) gemäß dem Doppelgebot der Liebe in Verantwortung für die anvertrauten Menschen und für die anvertraute Musik.
Aber Kirchenmusik ist nicht nur Diakonie an innerer Gemeinde, sondern wirkt über ihre kulturelle Verankerung dann auch diakonisch (und durchaus auch missionarisch) über die (Kirchen-)Gemeinde hinaus. Wobei sie sich auch ihrer Grenzen bewusst sein sollte; sie kann vielleicht Sauerteig sein, der die Welt durchdringt und sie kann sich mit ihrem Wirken und ihren Wirkungen auch an Jesu Verheißung halten: "Was ihr diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäus 25,40).
Kirchenmusikalische Arbeit im Leben einer Gemeinde unterscheidet sich an einem Punkt deutlich von dem Leben und Arbeiten anderer Gemeindegruppen. Während diese, außer den in der Diakonie Tätigen, eher nach innen orientiert sind, so ist die Arbeit der kirchenmusikalisch aktiven Gruppen, vom Kinderchor bis zum Posaunenchor, von der Kantorei bis zur Band, vom Beerdigungschor bis zum Instrumentalensemble darüber hinaus eher zielstrebig, auf Außenwirkung bedacht; sei es die musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes, einer Geistlichen Abendmusik oder eines Konzertes, oder sei es das diakonische Singen und Musizieren in Altenheimen und Krankenhäusern. In den allwöchentlichen Proben geschieht eben eine Erziehung nicht nur in musikalischer Hinsicht und in Fragen der Geschmacksbildung und des Erkennens von Qualität, nicht nur im Hinblick auf sängerische und interpretatorische Kompetenz, sondern auch eine Erziehung im Hinblick auf theologische Einsichten, auf ein Miteinander-Gestalten-Wollen und Arbeiten an einer gemeinsamen Sache und weitere gruppendynamische Prozesse.
Nochmals sei angesprochen: "Musik als Trösterin". Wer hat das nicht auch schon erlebt, was es heißt, mit anderen, für andere und eben auch für mich zu musizieren, und so zur Menschwerdung des Menschen und zum Mündigwerden der feiernden Gemeinde beizutragen. Im Singen und Musizieren wird der Mensch selbstbewusst und sich seiner selbst bewusst, im Gottesdienst in der Gemeinde und darüber hinaus.
Kirchenmusik, ein Lebensmittel? Ich denke schon! Die "live" erklingende Musik, die miteinander gesungene und musizierte Musik, die auf den Menschen bezogene Musik, all das macht Kirchenmusik zu einem Lebens-Mittel.