Klang und Glaube - vom Sinn der Kirchenmusik

Was ist das wesentliche an der Kirchenmusik? Soll sie den Gottesdienst schmücken? Ja und nein. Blumen auf dem Altar und wohltuende Klänge der Orgel sind für den Gottesdienst gut, weil sie unsere Sinne öffnen. Aber natürlich sind sie nicht das Wesentliche am Gottesdienst.

Wer feiert den Gottesdienst? Die Gemeinde! Wie tut sie das? Menschen können im Gottesdienst beim Glaubensbekenntnis und beim Vaterunser gemeinsam sprechen. Aber viel besser ist das gemeinsame Singen. Der Einzelne kann nicht nur sehen „Die anderen sind auch da“, er kann es leiblich spüren. Der geistliche Inhalt unserer Lieder wird als gemeinsame Handlung leiblich begangen. Im gemeinsamen Singen entsteht Energie. Es ist keine gute Entwicklung, wenn wir im Gottesdienst sitzend singen. Sitzen ist die Körperhaltung des Hörens, nachdem ich mich niedergelassen habe. Stehen ist die Körperhaltung des Handelns, des aktiven Hin und Her zwischen dem Einzelnen (dem Pfarrer oder auch dem Kantor) und der Gemeinschaft.

Auch der Chor ist im Gottesdienst Teil der Gemeinde und ihr Repräsentant. Singt der Chor ein Stück, so singt der Chor den Glauben der Gemeinde. Dabei spüren alle, daß das Gesungene viel bedeutsamer ist, als wenn es nur gesprochen wäre. Gesungene Worte sind nicht „Worte auf Tonhöhe und etwas lauter“. Sie sind etwas ganz anderes: eine gewisse weiche Kraft gehört zum gesungenen Ton und eine offene Seele zum Singen überhaupt. Das berührt uns, wenn wir es hören.

Weil die Musik die Seele öffnen und weiten kann, gehört sie zum Gottesdienst. Wir leben in einer endlichen Welt und hoffen auf Gottes Ewigkeit. Die Musik kann uns spüren lassen, daß Gottes Ewigkeit schon jetzt und hier ist und wir in sie hinein gehören.

Jeder Mensch hat sein persönliches Verhältnis zu Gott. Manche möchten ihr Gottesverhältnis regelmäßig gemeinsam begehen und tun dies im Gottesdienst. Andere möchten mit der Religion in Verbindung bleiben, dabei aber Distanz zur Kirche wahren. Oft findet man gerade sie in Kirchenkonzerten – sie kommen, um sich durch die Musik religiös berühren lassen. Grade für sie hat die Kirchenmusik einen Auftrag. Für viele Menschen, vor allem in den Chören, ist die Kirchenmusik ein Hobby und zugleich praktiziertes Christsein. Die Chorprobe in jeder Woche ist dem Einzelnen Seelennahrung und eine wichtige kirchliche Gemeinschaft zugleich. Es geht in der Kirchenmusik also um den Glauben – um das gemeinsame Feiern des Glaubens, um Klänge für den Glauben. Deshalb ist unsere hessen-nassauische Kirche überzeugt: Kirchenmusik ist Verkündigung.

Für andere Musik machen: das muß man können. Musik muß auch bezahlt werden, weil die Anstrengung selten umsonst zu haben ist, die dahinter steht. Kirchenmusik kostet Geld. Und natürlich: Jesus hat auch keine Orgeln und Chöre gehabt. Ohne die prunkvolle Jerusalemer Tempelmusik hat Jesus seinen Leuten und uns die Liebe seines Vaters im Himmel geschenkt. Diese Gottesliebe hören und spüren und denen helfen, die Hilfe brauchen – das gehört zusammen. Für den einzelnen und für die Gemeinde - die Diakonie gehört zur Kirche. Und man kann sich natürlich fragen, ob die Diakonie nicht wichtiger ist als die Kirchenmusik. Und ob man das Geld, das die Kirchenmusik kostet, im Sinne Jesu nicht besser für die Sozialarbeit ausgeben müßte.

Es gibt keine pauschale und keine schnelle Antwort auf diese Frage, nur die sorgfältige Suche nach einem geistlichen Urteil. Die Kirche kann ohne die Diakonie nicht sein. Die Kirche kommt aber ohne Glauben, ohne Gottesbeziehung garnicht zustande. Eine Kirchenmusik, die den Glauben stärkt und in deren Klängen sich Kirche ereignet, beteiligt sich auch an der Grundlegung der Diakonie – geistlich und materiell.

Am wichtigsten aber sind immer die Menschen, die sich der Musik oder der Diakonie widmen. Ihre geistliche Haltung, ihre Hingabe an Gott und ihre Mitmenschen entscheiden darüber, ob ein Stück Kirche entstehen kann, das von Gottes Geist ergriffen werden will. Und deshalb gehört vor und hinter alle menschliche Klugheit und Tatkraft in der Kirche das Gebet: Komm Gott, Schöpfer heiliger Geist. Nicht umsonst ein Lied.

Michael Graf Münster,
Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau