Interview mit Dr. Ralph Philipp Ziegler

dem Leiter des Forums Kultur und Sport der Stadt Offenbach am Main

Gemeindebrief:
Herr Dr. Ziegler, sie haben nicht nur unter anderem katholische Theologie studiert und ihre Magisterprüfung über Martin Luther geschrieben, sondern sie sind auch Organist und haben viele Gottesdienste gespielt. Wie lässt sich das Interesse an Kirchenmusik mit ihrem städtischen Amt, mit dem ja die Aufsicht über die musikalischen Veranstaltungen verbunden ist, in Einklang bringen?

Dr. Ziegler:
Zuerst einmal sehr gut, zumal in einer Stadt, in der die Kirchen- und Chormusik eine so große Rolle spielt. Was sich für mich auch in der Arbeit an der Kulturtopografie, die ich im Auftrag der Stadt erstellt habe, aufgefallen ist, ist eben diese außergewöhnlich gewichtige Position. In der Zeit, als hier in der Stadt Ende der achtziger bzw. Anfang der neunziger Jahre die finanziellen Mittel so stark gestrichen worden sind und damit eine große Lücke im kulturellen Leben entstanden war, sind gerade die großen Kirchen- und Konzertchöre in enger Zusammenarbeit mit der Stadt in die Bresche gesprungen. Kirchen- und Chormusik allgemein hat hier eine deutlich höhere Bedeutung in der Kulturpflege erlangt, als das in vielen anderen Städten der Fall ist. Das interessierte Publikum hat auch eine besondere Anbindung an dieses Thema. Kirchenmusik hat eine außerordentliche Bedeutung in Offenbach, und das freut mich.

Foto vom Dr. Ralph Philipp Ziegler beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Dr. Ralph Philipp Ziegler

Es ist – gerade für mich persönlich als einem an Kirchenmusik interessierten und darin aktiven Menschen – schön, an einen Ort zu kommen, an dem mindestens vier oder fünf Hauptamtliche beziehungsweise professionelle Nebenamtliche tätig sind, die auf einem hohen Niveau und mit großer Begeisterung arbeiten und wo man sagen kann, das ist ein Ort, an dem ich auch meine eigene Begeisterung mit einbringen kann.

Die Situation mit einer Passion für Kirchenmusik ist aber natürlich auch ambivalent: die Kulturarbeit der Stadt muss selbstverständlich viel, viel breiter aufgestellt sein - gerade Offenbach hat hier ganz besondere Anforderungen -; da ist es natürlich unabdingbar, zwischen einem persönlichen Fokus und der großen Breite der Aufgabe insgesamt zu vermitteln.

Gemeindebrief:
Haben wir sie richtig verstanden, die Kirchenmusik hat in schwierigen Zeiten auf besondere Weise städtische Kulturpflege betrieben? Das heißt, kirchliche Chöre und geistliche Musik haben in dieser Zeit Räume gefüllt, die frei geworden sind?

Dr. Ziegler:
Ja, so nehme ich das wahr. Ich habe seit 1991 in Frankfurt studiert und von dort aus immer mal das eine oder andere in Offenbach mitbekommen. "Offenbachkompetent" im engeren Sinn bin ich seit 2003/2004, aber das war schon zuvor und ist auch heute der Eindruck, der sich mir darbietet. Es ist viel hochkarätige Literatur aufgeführt worden, es sind Chöre dabei, die gerade in dieser Zeit wohl auch große Sprünge nach vorne gemacht haben. Und die Stadt, Verwaltung wie Politik, hat dies erkannt, beteiligt sich an den Offenbacher Orgeltagen wie an der Woche der Kirchenmusik und geht mit dem insgesamt kleinen Kulturetat, den die Stadt Offenbach hat, mit deutlich wahrnehmbaren Summen in Projekte hinein.

Gemeindebrief:
Würden sie sagen, dass in der weiteren Entwicklung, in der auch sie direkt bestimmte Bereich der kulturellen Infrastruktur der Stadt wieder aufbauen, eine Konkurrenz im kulturellen Bereich entsteht oder schon entstanden ist?

Foto vom Dr. Ralph Philipp Ziegler beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Dr. Ralph Philipp Ziegler

Dr. Ziegler:
Ich frage mich, ob das schon gleich Konkurrenz im negativen Sinn sein muss. Mein Ziel ist es, generell die Stadt Offenbach als Ort von Kunst und Kultur, gegenüber den Bürgern, aber auch in der Region, weiter zu definieren. Die "Capitol Classic-Lounge" beispielsweise ist ja nicht nur Sinfoniekonzertreihe, sie hat auch wieder Offenbacher Bürger, die etwas auf ihre Stadt halten, zu einem Kristallisationspunkt des bürgerlichen Selbstbewusstseins zusammen geholt. Ich empfinde das als einen wichtigen Impuls zur Stärkung des bürgerlichen Bewusstseins und nicht etwa in einer noch engeren Aufteilung eines womöglich kleinen Kuchens an interessierten Konzertbesuchern auswirkt. Viel eher verbinde ich damit auch die Chance, nach Jahren ohne Sinfoniekonzert- oder Theaterreihe die Lust auf kulturelle Erlebnisse am eigenen Ort auch allgemein wieder intensiver zu wecken.

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Muss sich die Kirchenmusik insgesamt auf eine "Verschlankung" einstellen? In der Vergangenheit wurden ganze Oratorienaufführungen in Kirchen komplett von der Stadt finanziert. Das gibt es schon lange nicht mehr. Wie kann man das auffangen? Gibt es da überhaupt noch Interesse?

Dr. Ziegler:
Wenn etwas gut ist und von vielen Menschen getragen wird – und das gilt für die Offenbacher Kirchenmusik – sollte das nicht anderen Angeboten geopfert werden. Es ist aber zwangsläufig so, dass gewissermaßen eine Art „Alleinvertretungs-anspruch“ an klassischer Musik durch die Kirchenmusik und Konzertchöre natürlich eine sehr, sehr starke Position bedeutet, die so nicht mehr hundertprozentig gegeben ist. Andererseits ist das ja aber auch eine Herausforderung. Ihre Oratorienkonzerte, Herr Koriath, sind ja beispielsweise an einem Interesse an außergewöhnlichem Repertoire orientiert. Sie gestalten Aufführungen mit einem besonderen Anspruch an stilistischer Qualität, aber auch inhaltlichen Interessen, also sie bringen meistens nicht Stücke, die zeitgleich fünfzigmal in Deutschland aufgeführt werden.

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Leider geht dieses Konzept nicht auf. Ich bin seit fünf Jahren hier und versuche, diese Angebote zu schaffen, in die Nischen zu gehen. Ich biete meinem Chor und dem Publikum sehr interessante Programme an: Hummel-Oratorium, Lortzing-Oratorium, ... was in Offenbach noch nie aufgeführt worden ist und auch in der Region sehr selten gespielt wird. Und dennoch sind die Besucherzahlen nicht berauschend. Da überlege ich, ob das die richtige Strategie ist.

Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath beim Interview
Foto: © Stefan Buch

Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath

Dr. Ziegler:
Für mich ist das vor allem die Frage, auf was für ein Publikum ich hinarbeite. Wenn in Offenbach dreimal allgemeines Repertoire vom Schlage eines Händelschen ‚Messias’ angeboten wird, dann ist das klare Konkurrenz. Und zwar direkt am Ort. Werke wie "Schöpfung" oder "Messias", da weiß ich, was ich habe und habe eine gewisse Sicherheit, dass mein Wunsch erfüllt wird, ein tolles Musikwerk zu erleben. Wenn Sie Hummel oder Lortzing spielen, dann sollten Sie das für Rhein-Main und nicht für Offenbach alleine spielen.
Sie müssten das regional bekannt machen, was Sie tun, und den besonderen Wert ihrer Aufführungen für ein an origineller, außergewöhnlicher Literatur interessiertes Publikum kommunizieren. Natürlich ist das schwerer als die Aufführung beliebter Standard-Stücke, mit denen Sie nahezu immer einen guten Besuch haben. Aber es macht Sie natürlich auch unverwechselbar und kann Ihr Profil zu etwas ganz Besonderem ausbauen. Da könnte durchaus ein Ziel sein, dass "Lutherkirche mit Tobias Koriath und der Kantorei" ein Symbol dafür wird: diese Interpreten bieten mir immer etwas Spannendes und deshalb möchte ich da hin.

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Bauen sie dabei eher auf Personen oder auf eine Marke?

Dr. Ziegler:
Ich würde das vielleicht eine "Institutionen-Marke" nennen. Da könnte zum Beispiel der Spielort "Lutherkirche" eine Rolle spielen, der ambitionierte Dirigent mit der musikalischen Qualifikation und dem Gespür für das Außergewöhnliche, spezielle Literatur, ein dazugehöriger Klangkörper und eine entsprechende stilistische Qualität. Auf einen Teil an Kernpublikum können Sie bauen – das sind die, die eine Affinität zu ihnen und der Offenbacher Kantorei haben, die wissen, das ist ein guter Chor und ein guter Dirigent, die bieten mir nichts Langweiliges an, der bringt immer spannende Leute her und deswegen gehe ich da hin. – Unbekannte Stücke ziehen aber lokal in der Regel erst einmal weniger Publikum als populärere, der Weg zu einem gut besuchten Haus und einem Publikum, das das Besondere ihrer Arbeit zu goutieren weiß, ist schwerer. Aber wenn sie das machen wollen, dann haben sie ja ohnehin auch eine Leidenschaft dafür ...

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Selbst als wir im letzten Jahr Weihnachtsoratorium gemacht haben, kamen knapp 300 Zuhörer. Das ist doch nicht viel.

Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath beim Interview
Foto: © Stefan Buch

Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath

Dr. Ziegler:
Ich sage ja nicht: Patentrezept ‚Bach’, das funktioniert immer. Um die Publikumszahlen zum Weihnachtsoratorium zu hinterfragen, müsste man natürlich näher ins Detail gehen: andere Veranstaltungen ähnlicher Art zur selben Zeit, Werbung, Partner und so weiter. Insgesamt stellt sich das Thema "Bekanntes oder Seltenes" vor allem von zwei Seiten. Entweder sie gehen es von der Marktseite an, d.h. "ich mache das, was die Leute wollen, dann sollen sie auch kommen", oder sie sagen: "ich weiß, was ich machen will und muss schauen, wo ich das Publikum bekomme, das diese Musik hören will". Es gibt ja durchaus Leute, die sagen: ich finde es spannender, mal den Hummel zu hören, als immer wieder den Händel. Da werden sie eben ziemlich sicher die 350 Zuhörer im ureigensten Publikum am Ort nicht finden. Es müsste in ihrem Interesse sein, nicht ein Publikum zu haben, das sagt: „Das war auch schön“ – also, es war nicht viel weniger schön als meinethalben Mozart oder Mendelssohn, sondern eines, das sagt: "Das war spannend, das war ein besonderes Erlebnis."

Das gelingt aber eher oft im großstädtischen Konzertsaal als in der Kirche. Es ist im Lande noch selten gelungen ist, kirchenmusikalische Angebote auf die gesellschaftliche Ebene einer hochkarätigen Konzertreihe zu bekommen. Dass die bekanntesten Organisten 600 km anreisen, um für 500 Euro zu spielen, was ein Geiger vom selben Format niemals tun würde, das spiegelt das eben Gesagte. Da gibt es ja verschiedene Initiativen, z.B. Lukaskirche in München oder das Konzerthaus Dortmund, die mit Orgelprojekten versuchen, konzertant gespielte Kirchenmusik wieder auf ein gesamtstädtisches Niveau zu heben. Das wird aber vielerorts vom Konzertbesucher entweder als etwas angesehen, das vor allem mit einer Hinwendung und Zuneigung zur Institution Kirche und einem damit zusammen hängenden Interesse an sakraler Musik verbunden ist – die für mich auch ein Bereich meines Lebens ist, aber eben nicht nur ausschließlich Kunst sein kann – , oder aber der Konzertbesucher siedelt diese Angebote in einem "special-interest"-Bereich an. Dazu würden z.B. Programme wie: "Gambensonaten im Schloss Aschaffenburg" gehören.

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Meinen sie nicht auch, dass es daran liegen könnte, Menschen überhaupt über die Türschwelle einer Kirche zu bekommen? Nehmen wir an, wir hätten das Weihnachtsoratorium im Capitol aufgeführt, wären da nicht mehr Leute gekommen?

Dr. Ziegler:
Da kommen eben die unterschiedlichen Mechanismen zueinander. Da ist auf der einen Seite das starke Stück, das sehr, sehr bekannt ist, wo jeder sich etwas vorstellen kann, so dass schon der Name ’Weihnachtsoratorium’ fast unwiderstehlich zum Kartenkauf inspiriert. Da sagen viele, das will ich haben, da gehe ich hin. Ich persönlich kann mich in einem Konzert in einem sakralen Raum aus unterschiedlichen Gründen sehr wohlfühlen. Und: in einer architektonisch gut gestalteten Kirche haben sie immer auch eine Art Gesamtkunstwerk, etwas, was sie in einem durchschnittlichen Konzertsaal so oft nicht haben werden. Sie haben eine spirituelle Qualität, die den Raum auszeichnet und die das Konzert zu etwas Besonderem macht.

Foto vom Dr. Ralph Philipp Ziegler beim Interview.
Foto: © Stefan Buch

Dr. Ralph Philipp Ziegler

Gemeindebrief (Tobias Koriath):
Empfinden sie eine Spannung dadurch, dass auch kirchliche Chöre jetzt im Capitol auftreten und dadurch möglicherweise reinen Kirchenkonzerte Konkurrenz macht?

Dr. Ziegler:
Noch mehr als zu Beginn konzentriert sich das Angebot im Capitol auf orchestrale Literatur, und wir erreichen das Publikum damit sehr gut. Letztes Jahr, beim Konzert zum 300 jährigen Bestehen der jüdischen Gemeinde war für mich klar, dass da geistliche Musik erklingen muss. Ich würde auch ganz bestimmt nicht ausschließen, dass in der Capitol Classic Lounge wieder chorsinfonische Literatur erklingt, aber das ist kein Kernbestandteil der Reihe. Kirchen- und konzertante Chormusik hat in Offenbach insbesondere außerhalb des spezifischen Konzertsaals eine besondere Position, die ich ihr noch lange wünsche und mit Sicherheit unterstützen werde.

Gemeindebrief:
Dr. Ralph Philipp Ziegler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Holger Senft, Stefan Buch und Ulrich Knödler von der Gemeindebriefredaktion sowie Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath.