Du bist Kirchenmusiker – cool. Immer wieder höre ich eine solche Aussage von Menschen, die vielleicht einmal im Jahr zu Weihnachten eine Orgel im Gottesdienst live erleben, noch nie in einem Chor gesungen und schon gar nicht eine dreistündige Matthäus-Passion gehört haben.
Warum beneiden mich viele Menschen um meinen Job, obwohl sie oft gar nicht wissen, was ein Kirchenmusiker überhaupt genau macht. Eine Aufgabe ist natürlich allen klar: Gottesdienste auf der Orgel begleiten. Und was machst du den Rest der Woche so? Dann erzähle ich von den vielseitigen Aufgaben, die ich in den unterschiedlichsten Bereichen der Kirche zu erfüllen habe. Ich berichte von den Proben mit der Offenbacher Kantorei, von dem Chor für Kinder, von den Konzerten mit den unterschiedlichsten Facetten, von dem Singen mit Senioren und Kindergartenkindern, von den organisatorischen Sitzungen und dem „Papierkram“ im Büro. Schnell wird meinen Gesprächspartnern dann klar, dass man als Kantor eben nicht nur Musiker oder Künstler ist. Denn auch die Kirchenmusik ist nicht nur die Trägerin von Kultur.

Was alles zur Kirchenmusik gehört, beschrieb dazu der Leipziger Professor Dr. Wolfgang Ratzmann einmal in seinem Vortag „Wozu brauchen wir denn Kirchenmusik?“. Ihm zufolge existieren in der Kirche vier verschiedene Dimensionen, in denen Kirchenmusik stattfindet: in den Dimensionen der Verkündigung, der Liturgie und des Gottesdienstes, der Gemeinschaft von Menschen und in der Dimension des Dienstes an anderen Menschen bzw. an der Gemeinschaft. Für Professor Ratzmann kommt der Mission (die Sendung der frohen Botschaft zu den Nichtchristen) eine besondere Rolle zu. Sie steht als Aufgabe nicht einfach gleichberechtigt neben den anderen Dimensionen. Sie kommt vielmehr in allen vier Dimensionen zum Ausdruck. Eine solche Definition von Kirchenmusik hat Rückwirkungen auf unser Verständnis von Kirche. Demzufolge ereignet sich Kirche dort, wo allen vier genannten Dimensionen Raum gegeben wird. Wenn sie Kirche bleiben und immer wieder neu Kirche sein will, dann braucht sie die Kirchenmusik, denn diese hat an den vier Dimensionen von Kirche in ihrer besonderen Weise Anteil.
Man kann natürlich immer kritisch fragen, was denn Kirchenmusik in unserer heutigen Zeit den Menschen noch zu bieten habe. Diese Frage aber lässt sich auch umdrehen. Wie reagieren die Kirche und die Gesellschaft auf die besonderen Bedingungen von Kirchenmusik? Es ist klar, dass die gegenwärtige Situation der evangelischen Kirche in Deutschland – und speziell in Offenbach – große Veränderungen auf die beruflichen Stellen der Kirchenmusik und auf das Berufsbild des Kirchenmusikers bzw. der Kirchenmusikerin haben wird. Aber für ein Arbeiten, das allen vier genannten Dimensionen der Kirche gerecht wird, braucht die Kirchenmusik Gewissheit und klare Verhältnisse. Sie braucht die Gewissheit, dass die Verantwortlichen in der Landeskirche und in den Kulturämtern die besondere Bedeutung der Kirchenmusik für unsere Kultur und Bildung erkennt. Und sie braucht das Signal, dass ihre „missionarischen“ Chancen gesehen werden, Menschen für die Aufgaben der Kirche zu begeistern. Fatal wäre es, wenn die Verantwortlichen das Amt der Kirchenmusikers als bloße Dienstleistung missverstehen würden, die stundenweise 14 abzuleisten sei.
Hauptamtliche Kirchenmusiker/innen sind für die Arbeit der Kirche unverzichtbar und sollen auch in Zukunft von ihrem Gehalt leben können. Das entspricht der Anerkennung der vierdimensionalen Funktion eines Kirchenmusikers einerseits und seiner Leistung andererseits.
Umgekehrt heißt das aber auch: wir dürfen uns in der Kirche nicht (mehr) mit Mittelmaß zufrieden geben. Gerade in unserer „angespannten“ Situation brauchen die Kirchen dringend Kirchenmusiker/ innen mit professioneller Fachqualität und professioneller Einstellung (vierdimensional im obigen Sinne). Nur im Zusammenspiel kann sie verstärkt wieder Menschen für die Sache der Kirche begeistern. Neben der musikalischen Kompetenz sind aber genauso Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, pädagogisches und organisatorisches Geschick gefragt. Dringend müssen mit den hauptberuflichen Kirchenmusiker/innen im künstlerischen Studium auch diese anderen, vermeintlich sekundären Kompetenzen entwickelt werden. Aber auch die nebenamtlichen Kirchenmusiker/innen mit ihren unterschiedlichsten Schwerpunktsetzungen brauchen genauso den Rückhalt und das Interesse der Verantwortlichen, um weiterhin Menschen in und außerhalb ihrer Gemeinden zu gewinnen. Es reicht nicht aus, wenn Musik nur gespielt wird, sie muss auch gehört werden.
Musik ist ein hervorragendes Medium, um unterschiedlichste Menschen unmittelbar zu erreichen und zusammen zu führen. Dazu bedarf es aber auch Menschen, die sich begeistern lassen, die die Angebote der Kirchenmusiker/innen in Offenbach nicht nur verbal unterstützen, sondern selbst auch teilnehmen – an musikalischen Gruppen, Förderkreisen, Konzertangeboten, etc.
Diese Chance sollte sich die Evangelische Kirche und die Stadt Offenbach nicht entgehen lassen. Und Sie auch nicht.
Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath