Angedacht

Porträt von Ulrich Knödler
Ulrich Knödler

Teamgeist

Am 21. Juni 2009 wählt unsere Gemeinde für sechs Jahre einen neuen Kirchenvorstand. Gute Arbeit in dieser Gruppe von zwölf Frauen und Männern ist dann möglich, wenn im Team zusammengearbeitet wird. Teamgeist ist erforderlich und so habe ich nach Analogien für tatsächlich funktionierende Teamarbeit gesucht und bin, wie kann es in Offenbach anders sein, auf den Fußball gekommen. Vielleicht lässt sich von dieser Mannschaftssportart etwas auf unser Kirchensystem oder zumindest auf die Arbeit im Kirchenvorstand übertragen.

Was bietet sich da besser an als einige der mittlerweile legendär gewordenen „Regeln“, die dem Fußball-Altmeister Sepp Herberger zugeschrieben werden. Sie sind zugleich ein Beispiel dafür, dass wesentliche Erkenntnisse einfach, manchmal sogar erschreckend einfach sein können.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Verdiente Lorbeeren sind nicht zum Ausruhen da und Misserfolge nicht zum Demotivieren. Natürlich sollen wir unsere Erfolge entsprechend feiern aber auch aus Fehlern lernen. Andererseits geht es immer um das Loslassen können. Wir müssen uns immer wieder von Vergangenem verabschieden. Nur wer kontrolliert loslassen kann, hält seine Ressourcen bereit für die nächste Aufgabe, kann den Focus auf das richten, was kommt, anstatt auf das, was war.

Ein Spiel dauert 90 Minuten.

Wir bewegen uns mit unserem ehrenamtlichen wie hauptamtlichen Engagement immer in einem Zeitkorridor, der nach vorne und hinten begrenzt ist. Was im Fußball die Spielzeit, sind in der kirchlichen Wirklichkeit Amtsperioden, in unserem Fall ganze sechs Jahre. Nur as wir innerhalb dieser fest umrissenen Zeitfenster anpacken und bewegen, hat Auswirkungen auf Gemeinde und Kirchenpraxis. Und wer während dieser Spielzeit die entsprechenden Tore erzielt, kann manchmal über Nacht zum Star werden – auch wenn er oder sie dabei lediglich eine von anderen Mitspielern gut vorbereitete Vorlage verwandelt.

Wenn wir kein Tor reinlassen, können wir auch nicht hoch verlieren.

Aber eben auch nicht hoch gewinnen! Es geht immer wieder um die ausgewogene Balance zwischen Risiko und Sicherheit. Eine zu einseitige Defensivstrategie geht nicht nur zu Lasten der Spielfreude, sondern auch zu Lasten unserer Ressourcen, sodass wir nicht frei aufspielen. Vielleicht sollten wir uns deshalb bei all unserem Denken, Tun und Entscheiden insbesondere bei der Frage nach der Zukunft unseres Evangelischen Offenbachs, ruhig öfter an Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ erinnern lassen.

Jedes Spiel läuft anders.

Auch der Fußballgott ist nicht immer gerecht, zumindest hält er sich nicht immer an die für uns Menschen allzu gern eingeforderte Logik. Und da stellt sich gerade für uns Christenmenschen die Frage, wie ernst wir es mit dem Handeln und Wirken Gottes in dieser Welt nehmen. Leben wir in der Vorstellung, alles um uns herum kontrollieren zu können?

Die Spieler reden nicht nur zuviel vom Geld, sie denken auch zuviel daran.

Ein heikles Thema im Raum der Kirche. Man kann sich herausreden nach dem Motto: „Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts.“ Geld ist aber immer auch ein Gradmesser für die entgegengebrachte Wertschätzung und insofern ein klares Feedback unserer Gesellschaft. Visionen und Ideen lassen sich bekanntlich nicht mit Geld kaufen. Aber mit Visionen und Ideen lässt sich durchaus Geld „verdienen“. Deshalb ist es wichtig, dass es stets mehr Ideen als Geld gibt. Und dass wir trotz aller Sparmaßnahmen unsere Aufmerksamkeit immer auch auf die Erzeugung und Umsetzung von Ideen richten. Sonst ergeht es uns wie den Fußballspielern: Wir laufen Gefahr, die Freude am „Spiel“ zu verlieren.

Oder noch mal ganz anders mit dem Apostel Paulus und seinem Gemeindebild:

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus. (Röm. 12, 4-5)

Es grüßt sie herzlich, Ihr Gemeindepfarrer

Ulrich Knödler
(Pfarrer in der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach)