Die Gemeinden in der Lutherkirche bis 1956

In den beiden letzten Artikeln sind Teile der Offenbacher Kirchengeschichte bis zum Bau unserer Lutherkirche sowie das Lutherkirchen-Gebäude beschrieben worden; nun folgen bis zum Jahr 1956 Betrachtungen zu den Gemeinden in der Lutherkirche.

Auch nachdem die Friedenskirche am 6. Oktober 1912 und unsere Lutherkirche am 15. März 1914 eingeweiht worden waren, gab es in Offenbach (ohne Bieber, Bürgel, Rumpenheim und Waldheim) nur eine evangelische Gemeinde, die "Vereinte evangelisch-protestantische Kirchengemeinde Offenbach". Sechs Pfarrer betreuten die Evangelischen Offenbachs in den Gemeindebezirken: Pfarrer Wilhelm Dittmar den Nordostbezirk mit der Schloßkirche, Pfarrer Wilhelm Hofmeyer den Nordwestbezirk (die spätere Johannesgemeinde), Pfarrer Theodor Palmer den Mittelbezirk mit der Stadtkirche, Pfarrer Friedrich Matthäus den Südwestbezirk mit der Friedenskirche, Pfarrer Hermann Fuldat den Südbezirk 1910 bis 1925 mit der Lutherkiche und Pfarrer Arthur Müller den Südostbezirk 1903 bis 1919, ebenfalls mit der Lutherkirche; ihm folgte 1919 bis 1929 Pfarrer Robert Oeckinghaus.

Im Jahr 1920 wurden aus den seitherigen Gemeindebezirken der Offenbacher Gesamtgemeinde nun selbständige Kirchengemeinden, mit "ihrem" jeweiligen Pfarrer, eigenen Kirchenvorständen und auch eigenen Organisten oder Kantoren sowie Küstern. Auf diese Weise waren in der Zeit bis 1956 in der Lutherkirche zwei selbständige, von einander unabhängige Gemeinden zuhause. Während bei den anderen Offenbacher Gemeinden die alten Bezirksbezeichnungen allmählich verschwanden und durch die Namen der Kirchen ersetzt wurden, blieb bei den Gemeinden in der Lutherkirche die Vorgeschichte auf Dauer in ihren Namen sichtbar: sie nannten sich "Lutherkirchengemeinde Südost" und "Lutherkirchengemeinde Süd", später nur noch "Luthergemeinde Südost" und "Luthergemeinde Süd" und im Alltagsjargon auch nur kurz "Luther-Südost" und "Luther-Süd". Im wesentlichen bestand der Gemeindebezirk der Südost-Gemeinde aus demjenigen Teil des heutigen Gemeindebezirks, der nördlich der Bahnlinie liegt, während zum Bezirk der Süd-Gemeinde der südlich der Bahnlinie gelegene Teil des jetzigen Bezirks gehörte sowie alle weiteren südlichen Flächen Offenbachs, die damals zum großen Teil noch unbebaut waren. Im Rückblick muss die kuriose Entscheidung, zwei Kirchengemeinden in einem gemeinsamen Gebäude unterzubringen, jedoch sicher positiv gesehen werden; denn die damals "vorläufig" zurückgestellte Planung des Baus einer Kirche und eines Gemeindehauses für den Nordwestbezirk, die Johannesgemeinde, führte dazu, dass diese Gemeinde zwar einen eigenen Pfarrer und einen eigenen Kirchenvorstand besaß, aber 40 Jahre lang kein Gemeindehaus und 50 Jahre lang keine Kirche - die Johannesgemeinde feierte ihre Gottesdienste jeweils als Gast in der Schloßkirche und in der Friedenskirche, und erst 1964/65 konnte dann die Johanneskirche in der Ludwigstraße errichtet werden.

Im Laufe der gemeinsamen Zeit der beiden Gemeinden in der Lutherkirche ergaben sich Kontakte und Möglichkeiten zu gemeinsamer Arbeit. So war zum Beispiel der Vorläufer unserer heutigen Kindertagesstätte, der Kindergarten, der damals "Kinderschule" genannt wurde, eine Einrichtung der Offenbacher Gesamtgemeinde, und er wurde von den beiden Gemeinden gemeinsam getragen; er befand sich in der Anfangszeit im heutigen Bühnenraum unseres Gemeindesaals, und erst später wurde auf dem benachbarten Grundstück einer ehemaligen Spedition der seitliche Gebäudeflügel von einem Pferdestall zum Kindergarten umgebaut.

Es gab auch immer wieder Bemühungen um Rücksichtnahme und Kooperation. Während bei der Grundsteinlegung der Lutherkirche Pfarrer Fuldat vom Südbezirk die Ansprache hielt, übernahm zur Einweihung Pfarrer Müller vom Südostbezirk die Festpredigt. Die "Festschrift zur Erinnerung an den Tag der Einweihung der Lutherkirche zu Offenbach am Main am 15. März 1914" enthält einen Beitrag "Zur Geschichte des Kirchbaus" von Pfarrer Müller und einen Beitrag "Die Beschreibung des Baues" von Pfarrer Fuldat; aber es ist auch ein "Verzeichnis der Stiftungen, welche ohne bestimmte Zweckbindung zugunsten des Kirchbaues gemacht wurden" aufgenommen, bei dem die Spender getrennt nach Süd- und Südostbezirk aufgeführt sind.

Und so fanden sich immer wieder Gelegenheiten für menschlich-allzumenschliche Reibungen und Eifersüchteleien zwischen den beiden Gemeinden auf den verschiedensten Ebenen - ob nun die Gemeindeglieder nur "ihren" Treppenaufgang zum Gottesdienstraum auf der Wohnungsseite ihres Pfarrers benutzten, ob neidische Konkurrenz zwischen den Kirchenchören gepflegt wurde oder ob sich Unstimmigkeiten und gegenseitige Belastungen bei der gemeinsamen Nutzung des Gebäudes ergaben wie etwa dadurch, dass der Gemeindesaal im Erdgeschoss zugleich eine Verteiler- und Durchgangsfunktion hatte. Oder: als in späteren Jahren eine Chorsängerin aus dem Wohngebiet der Südgemeinde aus persönlichen Gründen im Kirchenchor der Südostgemeinde sang, wurde sie in der Südgemeinde als "Verräterin" abgestempelt.

Die evangelischen Gemeinden im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts waren in ihrem religiösen und konfessionellen Selbstverständnis geprägt durch die Zeit des Kaiserreichs. Wie sehr sich die damaligen Einstellungen von unseren heutigen unterscheiden, zeigen die folgenden beiden Beispiele:

  • Das "Gesangbuch für die Evangelische Kirche im Großherzogtum Hessen" aus dem Jahr 1895, das damals in Gebrauch war, enthält im Anhang eine eigene "Gottesdienstordnung für den Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen". Diese Verbindung von Thron und Altar der evangelischen Kirche wurde zwar 1918 aufgelöst, aber sie wirkte trotzdem noch weiter.
  • Während der Bauzeit wurden die drei Glocken für die Lutherkirche am 28. April 1913 auf geschmücktem Wagen von der Bahn abgeholt. Aber nicht, dass Sie bei der Einweihung der Kirche am 15. März 1914 zum ersten Mal geläutet hätten - nein, sie läuteten bereits erstmals am Abend des 17. Oktober 1913 zusammen mit den Glocken aller Offenbacher Kirchen, als im nationalen Hochgefühl jener Zeit die Jahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig begangen wurde.

Im Unterschied zum benachbarten Frankfurt, wo die Glocken der Innenstadtkirchen gemeinsam zum "Frankfurter Großen Stadtgeläute" jeweils am Samstag vor dem ersten Advent, am Karsamstag, am Pfingstsamstag und am Heiligen Abend erklingen, ist in Offenbach die Tradition eines Stadtgeläutes nicht ausgeprägt. In jüngerer Zeit waren die Anlässe zum gemeinsamen Läuten der Offenbacher Glocken doch sehr anders als 1913; beispielsweise läuteten am 17. Juni 1987 die Offenbacher Glocken zur Eröffnung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Frankfurt, am 9. November 1988 zur mahnenden Erinnerung an die fünfzig Jahre zurückliegenden Pogrome und am 18. März 2004 zum Gedenken an die Nacht des 18. März 1944 mit dem schwersten Luftangriff auf unsere Stadt während des zweiten Weltkrieges.

In der Geschichte unserer Gemeinden spiegelt sich unsere politische Geschichte wider. Der totalitäre Staat 1933 bis 1945 verlangte die Unterordnung der Kirchen. Die "Deutschen Christen" setzten sich ein für eine Verbindung zwischen christlichem Glauben und "weltanschaulichen" Motiven der Nationalsozialisten. Sie teilten die Überhöhung des "Führers", wollten nach staatlichem Vorbild die 28 evangelischen Landeskirchen zu einer Reichskirche vereinigen und das Führerprinzip auch in der Kirche einführen; sie traten für eine "Germanisierung" des Christentums ein und übertrugen den Antisemitismus in Kirche und Theologie: "Christliche Kirche im deutschen Volk ist sie nur, wenn sie Kirche für das deutsche Volk ist, wenn sie dem deutschen Volk in selbstlosem Dienst hilft, dass es den von Gott ihm aufgetragenen Beruf erkennen und erfüllen kann"; "Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardisierung besteht".
Die Gegenposition dazu vertrat die "Bekennende Kirche", die aus dem Pfarrernotbund hervorgegangen war, den der evangelische Berliner Pfarrer und spätere Kirchenpräsident unserer Landeskirche, Martin Niemöller, gegründet hatte. Ihr ging es um eine klare Trennung von Kirche, Staat und Nation. Sie betonte die enge Bindung der Kirche an die kirchlichen Bekenntnisse sowie die Beschränkung der Offenbarung auf die Bibel, wobei das Alte Testament gerade nicht ausgeschlossen wurde; in der "Judenfrage" gelangte sie zur biblisch begründeten Ablehnung des Ausschlusses aller Nicht-"Arier" aus dem politischen und kirchlichen Leben. Der erste Abschnitt in der theologischen Erklärung der Bekenntnissynode, die Ende Mai 1934 in Barmen tagte, lautet: "Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen".

Die evangelischen Pfarrer Offenbachs hielten sich mit mehr oder weniger großen Teilen ihrer Gemeinden zur Bekennenden Kirche - mit Ausnahme der Pfarrer der beiden Gemeinden in unserer Lutherkirche, der Gemeinde in Offenbach-Bieber und der Gemeinde in Offenbach-Rumpenheim. In der Luthergemeinde Südost war seit 1929 Pfarrer Eduard Rieber tätig, in der Luthergemeinde Süd seit 1925 Pfarrer Ferdinand Bürstlein.

Pfarrer Rieber kam von einer theologisch liberalen Einstellung her, von 1902 bis 1922 war er freireligiöser Pfarrer in Dresden und in Mainz gewesen, und er war vom deutschen Idealismus geprägt; kaum eine seiner Predigten kam ohne ein Goethe-Zitat aus. Er formulierte wohl nicht ganz so stramm und völkisch-national wie Pfarrer Bürstlein. Jedoch beschloss auch seine Gemeinde unter seiner Anleitung im Jahr 1939 das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Einweihung der Lutherkirche "mit dem Gesang des Treuegelöbnisses für unser geliebtes Volk: O Deutschland hoch in Ehren", wie er anschließend im evangelischen Gemeindeblatt für Offenbach berichtete.

Pfarrer Bürstlein in der Luthergemeinde Süd trat sehr aktiv für die Einstellungen der Deutschen Christen ein; er war zugleich von 1934 bis 1943 Dekan des damaligen evangelischen Dekanats Offenbach (-Stadt und -Land). Manchmal beendete er Gottesdienste sowohl mit dem Segen wie zugleich mit dem "Deutschen Gruß"; einen Pfarrvikar, der bei seiner Ordination der Gewohnheit entsprechend niederknien wollte, nahm er mit den Worten "Ein deutscher Mann kniet nicht nieder" an der Hand und richtete ihn wieder auf; "Führers Geburtstag" wurde im Gottesdienst gefeiert, wozu ein Hitler-Bild auf dem Altar aufgestellt war. - Dies könnte man aus heutiger Sicht noch als missbrauchte Tradition der früheren Feiern des Geburtstags des Großherzogs ansehen, die aber ihren ursprünglichen Sinn darin gehabt hatten, dass der Landesherr zugleich Bischof der damaligen Landeskirche war.
Jedoch erscheinen viele Vorkommnisse in den damaligen Gemeinden heute denjenigen unter uns, die sie nicht selbst miterlebt haben, schwer verständlich bis unerklärlich.

Auch den Geschehnissen des zweiten Weltkriegs konnten sich die Gemeinden in der Lutherkirche nicht entziehen. So war für Sonntag, den 19. März 1944, die Konfirmationsfeier in der Luthergemeinde Südost vorgesehen. Am Samstag waren in den Konfirmationsfamilien die Vorbereitungen getroffen worden, der Tisch für die Familienfeier nach dem Gottesdienst bereits gedeckt, und man war in freudiger Fest-Erwartung. Über den Abend des 18. März 1944 schreibt Lothar Braun: "Es war die Nacht des schwersten Luftangriffs auf die Stadt. 100.000 Stab-Brandbomben, 6000 Flüssigkeits-Brandbomben, 417 Sprengbomben und 44 Luftminen, die ganze Häuserblocks hinwegfegen konnten, fielen aus den Schächten von etwa 700 britischen Bombern. 165 Offenbacher fanden dabei den Tod, 25.000 verloren Hab und Gut. Sechs Tage waren die Feuerwehren beschäftigt." Unter den Getöteten befand sich eine Konfirmationsfamilie aus der Friedrichstraße, zahlreiche weitere Familien waren durch Sachschäden schwer betroffen, und die Konfirmation in der Lutherkirche musste abgesagt werden.

Während von den Offenbacher Kirchen die Schloßkirche und die Kirche St. Paul, die Stadtkirche, die Gustav-Adolf-Kirche in Offenbach-Bürgel, die Kirche St. Nikolaus in Offenbach-Bieber, die französisch-reformierte Kirche und die Friedenskirche schwer beschädigt bzw. total zerstört waren, nahm das Gebäude der Lutherkirche nur vergleichsweise geringen Schaden. Zerstört waren die Kirchenfenster mit den zwölf Aposteln und die drei gemalten Fenster in der Taufkapelle, Schäden am Dach mussten behoben werden.

Im Gebäude der Lutherkirche waren behelfsweise Lager von heute nicht mehr bekannten Firmen untergebracht sowie Werkstätten von Handwerksmeistern, aber auch Notunterkünfte der "Ausgebombten", wie man die betroffenen Überlebenden des Infernos vom 18. März 1944 nannte; der Gemeindesaal diente der Firma Faber & Schleicher (heute MAN-Roland) als Büro. Gegen Ende des Jahres 1945 wurden Pfarrer Rieber 68jährig und Pfarrer Bürstlein 60jährig in den Ruhestand versetzt. Während der Pfarrstellenvakanz wurden Gottesdienste in der Lutherkirche vorübergehend durch Dr. Friedrich Grünewald übernommen; er war stadtbekannter Lehrer, in den 1950er Jahren Leiter der Rudolf-Koch-Schule und Vorsitzender der Dekanatssynode, aber zugleich auch ordinierter Pfarrer. Die Gottesdienste mussten wegen der Beschädigungen des Gebäudes am Anfang im Vorraum des eigentlichen Kirchenraums, bei der Lutherbüste, stattfinden.

1946 übernahm dann Pfarrer Georg Brandt die Pfarrstelle der Südostgemeinde, und Pfarrer Friedrich Eckert kam in die Südgemeinde. Beide trafen in ihren Gemeinden auf die schwierige Situation, dass sich frühere Gemeindeglieder wegen der vorherigen Ausrichtung zurückgezogen hatten oder zu Nachbargemeinden gewechselt waren. Mit Engagement und großem persönlichen Einsatz gelang beiden ein Neubeginn der Gemeindearbeit, und sie fanden dazu neue und "unbelastete" ehrenamtliche Mitwirkende. Entsprechend der Situation der frühen Nachkriegsjahre füllte sich die Kirche, die Gottesdienste beider Gemeinden waren gut besucht; Kinder- und Jugendarbeit mit Jungschar- und Gruppenstunden, für die männliche und die weibliche Jugend getrennt, wurden von den Pfarrern sowie von hauptamtlichen Mitarbeitern und ehrenamtlichen Jugendleitern betreut. In beiden Gemeinden wurden die Chöre wieder neu gegründet, und es gab eine große Gruppe von damals jüngeren Frauen in der "Frauenhilfe".

Im Zusammenhang mit dem weiteren Wachstum der Stadt Offenbach erfolgte 1956 eine Neu-Einteilung der Bezirke der Offenbacher Gemeinden, so dass es seitdem in der Lutherkirche nur noch eine einzige Gemeinde gibt: die Luthergemeinde - aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Karl Hainer