Die Luthergemeinde seit 1956

Bei der Neu-Einteilung der Bezirke der evangelischen Kirchengemeinden Offenbachs im Jahr 1956 entstand aus dem südwestlichen Teil der vorherigen Luthergemeinde Süd sowie aus angrenzenden Teilen der Friedenskirchengemeinde die Paul-Gerhardt-Gemeinde; der verbleibende Teil der Luthergemeinde Süd wurde mit der Luthergemeinde Südost vereinigt zu unserer heutigen Luthergemeinde.

Anschließend sollen streiflichtartig einige Aspekte unseres Gemeindelebens seit 1956 sowie die Veränderungen dabei beleuchtet werden.

1956 mußte aus zwei unterschiedlich geprägten Teilgemeinden eine neue Gemeinde entstehen. Dies gelang zunehmend mit Toleranz und gegenseitiger Rücksichtnahme, und die früheren Eifersüchteleien und Rivalitäten wurden nicht mehr weiter gepflegt. Um so bedrückender ist es für uns, wenn heute immer noch insbesondere gemeinde- und kirchenfremde Personen meinen, mit "Lutherkirche" die Erinnerung an die konfliktbehaftete Zeit von vor inzwischen mehr als 50 Jahren verbinden zu müssen; die Mehrheit der heutigen Gemeindeglieder ist genau nicht durch jene Vorzeit geprägt, und diejenigen, welche noch eigene Erinnerungen daran besitzen, sind längst vollständig integriert.

Doch auch innerhalb der Gemeinde vermittelt das Festhalten an vertrauten und eingeübten Gewohnheiten oft Sicherheit und Geborgenheit; und trotzdem ändern wir uns im Laufe der Zeit - durch andere Grundeinstellungen, mit neuen Schwerpunktsetzungen oder auch durch Auswirkungen des sozialen Umfelds.

So hatte die Luthergemeinde in den fünfziger Jahren mehr als 10.000 Gemeindeglieder; es gab zahlreich besuchte Gottesdienste und Kindergottesdienste, die starken Konfirmandenjahrgänge wurden getrennt nach den beiden internen Gemeindebezirken unterrichtet, die Kinder- und Jugendarbeit der beiden Vorgänger-Gemeinden konnte noch längere Zeit weitergeführt werden; aktive Frauen mittleren Alters in der Frauenhilfe und jährlich mehrere Gemeindefreizeiten waren damals neben anderem für das Gemeindeleben charakteristisch. Insbesondere Pfarrer Eckert genoß als der langjährige "Herr Dekan" stadtweite Popularität, und in der Sprache jener Zeit war Frau Eckert "Frau Dekan", und dementsprechend war die Ehefrau von Pfarrer Weiß "Frau Pfarrer".

Als in den siebziger Jahren diese beiden Gemeindepfarrer kurz nacheinander in den Ruhestand gingen, wurde in unserer Gemeinde ein Generationswechsel eingeleitet. Die Nachfolger waren wirklich eine Generation jünger, zum Beispiel jünger als die Eckertschen Söhne, und trotzdem wurden sie von vielen Gemeindegliedern an ihren Vorgängern gemessen; auch wurde kritisiert, daß die Frauen der neuen Pfarrer nicht als klassische "Pfarrfrauen" funktionierten, da sie eigene Berufe hatten. Im Rückblick zeigt sich hier eine wichtige Leistung des Ruheständlers Friedrich Eckert: er wohnte in unmittelbarer Nähe seiner bisherigen Gemeinde, blieb Mitglied der Gemeinde und nahm am Gemeindeleben teil; trotzdem ließ er sich nicht von den Kritikern vereinnahmen - er wies sie zurecht, machte auf die veränderte Situation aufmerksam und blieb in freundschaftlichem Kontakt zu den Nachfolgern.

Ein überbleibsel der Fusion von 1956 blieb noch sehr lange erhalten: Bei den Abendmahlsfeiern hatte die Südost-Gemeinde den Gemeinschaftskelch verwendet, während in der Süd-Gemeinde Einzelkelche benutzt worden waren; der Kompromiß nach der Gemeinde-Zusammenlegung bestand darin, bei den monatlichen Abendmahlsfeiern abwechselnd jeweils entweder nur den Gemeinschaftskelch oder nur Einzelkelche anzubieten, und dies hielt sich bis zum Anfang der achtziger Jahre.

Heute verwenden wir die Abendmahlsgeräte aus den beiden Vorgänger-Gemeinden jeweils gleichzeitig in einer Weise, die uns jetzt angemessen erscheint: im Gemeinschaftskelch wird Wein gereicht, in den Einzelkelchen Saft.

Auch gelang es durch vorsichtiges Bemühen und gutes Zureden, von der Gewohnheit abzukommen, das Abendmahl jeweils nur im Anschluß an einen Gemeindegottesdienst zu feiern; seit nunmehr rund 20 Jahren haben in unserer Gemeinde die Abendmahlsfeiern ihren Platz innerhalb des Gemeindegottesdienstes.

In der Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders der fünfziger und sechziger Jahre hatten zahlreiche Gemeindeglieder ihr Christentum als unpolitisch verstanden wissen wollen, zum Teil wohl auch aus der Erfahrung der Zeit vor 1945 heraus. Eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit war zu jener Zeit nur selten möglich. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 "Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben", das Mitglieder der Bekennenden Kirche, unter ihnen Martin Niemöller und Gustav Heinemann, verfaßt hatten, war nicht allgemein akzeptiert. Dieser Traditionsstrang wirkte noch bis zum Ende der siebziger Jahre: wer damals in der Gemeinde das Wort "Frieden" außerhalb religiöser Kategorien, etwa im politischen Zusammenhang, gebrauchte, wurde als "links" eingestuft.

Ein Bittgottesdienst im Oktober 1977 während der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu, die Öffnung für manche Fragen der dritten Welt und die Beschäftigung mit der Umweltproblematik zeigten hier eine einsetzende Veränderung; und so wird seit 1986 täglich um 12 Uhr für 5 Minuten vom Turm der Lutherkirche geläutet, nicht als Uhrzeit-Angabe, sondern als Aufforderung zum Gebet für den Frieden. Ein Trauergottesdienst während des Bosnien-Krieges in den neunziger Jahren sowie die spontanen Friedensgebete in der Lutherkirche in den Tagen unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September 2001 zeigen die inzwischen geänderte Einstellung in der Auseinandersetzung mit "dieser Welt".

Mit der Entwicklung in unserer Stadt und der Lage des Gemeindebezirks am Rande der Innenstadt änderte sich das soziale Umfeld unserer Gemeinde; die Anzahl der Gemeindeglieder ging zurück, und inzwischen treten Seniorenarbeit und -betreuung einerseits und kirchenmusikalische Aktivitäten andererseits hervor. Auch hatten veränderte Freizeitgewohnheiten dazu geführt, daß zum Beispiel die Jugendgruppen oder auch der Kirchenchor nur noch von weniger Teilnehmern besucht wurden, die dafür aber stärker thematisch interessiert waren.

In diesem Zusammenhang ist die 32-jährige Tätigkeit von Kantor Wolfgang Weyrich 1968 bis 2000 - er arbeitete damit ein Jahr länger an der Lutherkirche als Pfarrer Friedrich Eckert! - sehr segensreich für unsere Gemeinde gewesen: während in der allgemeinen Jugendarbeit Wellen unterschiedlichen Interesses abwechselten, lief die musikalische Jugendarbeit kontinuierlich über Jahrzehnte; in jener Zeit konnten Kinder und Jugendliche von Kindergartenalter bis zum Erwachsenwerden angesprochen werden, und aus dieser Arbeit gingen viele musikbegeisterte Gemeindeglieder sowie Berufs- und Hobby-Musiker hervor.

Die Änderungen des sozialen Umfelds wirken sich in besonderer Weise in unserer Kindertagesstätte aus. Mit hohem Engagement leistet sie nun schon seit Jahren einen wichtigen Beitrag zur Integration Offenbacher Kinder nichtdeutscher Herkunft.

Weitere bewährte und neue Aktivitäten, darunter die Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder, die Eltern-Kind-Gruppe oder die Morgenandacht "Start in den Tag", zeigen, dass viele Menschen auch für die Zukunft Perspektiven in unserer Gemeinde sehen und sie mitgestalten.

Allen früheren, jetzigen und zukünftigen Entwicklungen gilt der Wunsch aus der Urkunde von 1912 im Grundstein der Lutherkirche, damals bezogen auf die Offenbacher evangelische Gesamtgemeinde: "Gott segne unsere evangelische Gemeinde durch die Errichtung dieses Gotteshauses und lasse sie wachsen an dem, der unser aller Haupt ist, Jesus Christus. Amen."

Karl Hainer