Auf der Gemeindeversammlung am 15. März 1987 wurde als Jahresbericht für das Jahr 1986 die folgende Biografie von "Martin" vorgetragen, die durch Beiträge der beteiligten Gruppen lebendig ergänzt worden war.
Kennen Sie Martin? Ich will Ihnen von Martin erzählen. Sein Leben hat sich ganz in unserer Nähe abgespielt, in der Nähe der Lutherkirche. Eine Lebensgeschichte dauert ein ganzes Leben lang. Wenn man sie erzählt, berichtet man in wenigen Minuten über 70 Jahre. Ich will es jetzt anders machen. Ich erzähle von Martins Leben so, als ob es sich in einem Jahr abgespielt hätte.
Also: Martin ist etwa 3 Monate nach seiner Geburt Anfang 1986 in der Lutherkirche getauft worden, als eines von 30 Kindern, die in diesem Jahr hier ihre Taufe feierten. Im Frühjahr ging er zur Konfirmation, zusammen mit 40 weiteren Konfirmanden in den beiden Pfarrbezirken. Noch vor den Sommerferien feierte er seine kirchliche Trauung, eine von elf in der Lutherkirche, und wie es so geht, im Herbst begann auch der Herbst seines Lebens, er wurde alt und krank und starb. Seine Bestattung war die letzte im Jahr, die 89ste.
Das war sein Leben im Zeitraffer eines Jahreskreises. Aber was erlebte er zwischendurch!
Kurz nach der Taufe bangten seine Eltern um einen Platz im Kindergarten, denn von ca. 100 Voranmeldungen konnten nur 25 berücksichtigt werden; obwohl der Kindergarten, der für zwei Gruppen gedacht ist, drei Gruppen führt. Aber Martin hatte Glück, er bekam einen Platz. Mit den anderen Kindern des Kindergartens nahm er auch öfters an Familiengottesdiensten der Luthergemeinde teil, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Vor allem, da es seit April 1986 keinen Kindergottesdienst mehr gibt. Er wird nicht mehr angeboten, weil keine Kinder oder zu wenig Kinder kamen!
Über den Kindergarten fand Martin auch Spaß am gemeinsamen Singen. Mit 6 Jahren ging er zu Herrn Weyrich in den Kinderchor und lernte dort das ganze musikalische Leben der Luthergemeinde kennen: Flötenunterricht und Flötenkreise, Orffkreis und Renaissance-Kreis, Jugendchor und Kirchenchor und Musizieren in vielen verschiedenen Zusammensetzungen. Auch der Offenbacher Kammerchor und das Offenbacher Kammerorchester füllten den Stundenplan des Hauses. Gottesdienstgestaltung und Konzertleben, Freude am Musizieren und künstlerische Ansprüche hat er hier außerordentlich harmonisch miteinander verbunden erlebt.
Während der Woche ging Martin in die Kindergruppe und war, größer geworden, auch an den anderen Angeboten der Jugendarbeit interessiert, die aber nur schwach besucht wurden. Mit Hilfe einer ABM-Kraft konnten aber hier und da Angebote verwirklicht werden, so zum Beispiel eine kleine Fotogruppe. Besonderes Vergnügen bereitete Martin das "Hopsen" in einer der Volkstanzgruppen, zumal er hier seine erste Freundin fand.
Wenn Martin einen der 67 Gottesdienste besuchte, hatte er im Durchschnitt etwa auch 67 Kirchgänger um sich herum, aber an manchen Sonntagen oder an Heiligabend natürlich mehr. Zum Abendmahl gingen mit ihm in 22 Gemeindegottesdiensten 1.464 Mitchristen. Und er hörte, dass 11 Abendmahlsfeiem bei Gemeindegliedern zu Hause gefeiert wurden. Besonders interessiert beobachtete er, wie in ökumenischen Gottesdiensten römischkatholische und altkatholische Christen etwa am Bußtag gemeinsam Gottesdienst feierten und, je nach freier Gewissensentscheidung, auch das Abendmahl miteinander nahmen. Neu für ihn war, dass neuerdings auch Kinder zum Abendmahl zugelassen wurden, war es doch jahrhundertelanger Brauch, dass erst mit der Konfirmation das Recht dazu erteilt wurde. Aber die Pfarrer erläuterten den Sinn der Einübung im Gottesdienst und im Konfirmandenunterricht, und damit wuchs langsam auch das Verständnis für diese Erweiterung.
Als jungem Mann, damals, als er Geld zu verdienen begann, stellte sich unserem Martin natürlich die Frage, ob er nicht die Kirchensteuer sparen könne. 1986 sind schließlich 22 Mitglieder aus der Luthergemeinde ausgetreten. Aber als er hörte, dass viele das nachher bereuen oder sich erst als Erwachsene für die Kirche entscheiden, nämlich gleichzeitig 12 Wiedereintritte, Übertritte und Erwachsenentaufen zu verzeichnen waren, blieb Martin seiner Kirche treu und schaute, wo sie für ihn interessant sein könnte.
Da war in der Mitte seines Lebens die Erwachsenenarbeit: Einmal im Monat die Montagsrunde, ein Kreis von 12 bis 15 Erwachsenen, die sich mit der Verantwortung der Christen für eine lebenswerte Zukunft befassten, mit ökologischen und Friedensthemen, mit Fragen des Lebensstils und sozialen Veränderungen. Dann war da die Nicaraguagruppe, die ihre Finger vehement immer wieder auf die offenen Wunden der Ungerechtigkeit in unserer Weltwirtschaft legte. Und dann entstand 1986 eine neue Frauengruppe, die für alle offen sein wollte, und zum Basteln, Diskutieren, Vorbereiten von Festen etc. einlud.
Mit einer dieser Frauen freundete Martin sich an. Sie gehörte auch dem Kirchenvorstand an und manches Mal litt ihre Freundschaft sehr darunter, dass sie pausenlos zu Sitzungen verpflichtet war. Außer den 12 ordentlichen und den 2 außerordentlichen Sitzungen im Jahr musste sie noch zu diversen Ausschusssitzungen, in die Dekanatssynode, in die Verbandsvertretung des Gemeindeverbandes, in den Beirat der Ev. Gemeindekrankenpflege, und zum Teil wiederum in Ausschüsse dieser Gremien. Manchmal kam es Martin so vor, als ob sich das kirchliche Leben so abspiele: Immer weniger Leute drehen sich immer schneller in immer mehr Kreisen um sich selbst. Das war es doch wohl nicht, was Jesus gewollt hat! Aber immerhin spiegelte sich in den verschiedenen Gremien der kirchlichen Arbeit auch die zunehmende Fähigkeit, dass Gemeindeglieder Selbstverantwortung für das Leben der Kirche übernahmen.
Einer der beiden Pfarrer hatte Martin gegenüber geäußert, grün wäre Gottes Lieblingsfarbe. Martin verstand zwar nicht, was das bedeuten sollte; aber es musste irgendetwas mit der Umweltberatung zu tun haben, die in der Luthergemeinde seit Sommer 1986 durchgeführt wurde. Erfolge sollen sich demnächst zeigen: in der Verringerung des Energieverbrauchs; und auch in der Begrünung des Kirchengebäudes mit Rankpflanzen.
Als Martin nun reifer an Jahren wurde, im Spätsommer, richtete er sein Interesse auf die Seniorenarbeit. Am Mittwoch ging er zur Frauenhilfe, um seine alt gewordene Ehefrau dort abzuliefern. Am anderen Mittwoch ging das Ehepaar gemeinsam zum Seniorenclub. Seine Frau wirkte noch zusätzlich im Handarbeitskreis mit. Er überlegte, ob er sich nicht dem Besuchsdienst anschließen solle, einem Kreis von 10 Gemeindegliedern, die regelmäßig Besuche bei Geburtstagen älterer Gemeindeglieder unternahmen. Er fand dies eine besonders wichtige Einrichtung, weil dadurch eine bestimmte Generation flächendeckend erfasst wurde. Wie viel Anstöße wurden dadurch gegeben, wie viel Betreuung wurde möglich! Der Zivildienstleistende hatte alle Hände voll zu tun, um in der Seniorenbetreuung seinen Mann zu stehen.
Wie ärgerlich zugleich, dass die Gemeindegliederkartei, die jahrelang so sorgfältig geführt und mit Notizen und Korrekturen versehen worden war, seit einiger Zeit durch die Computerwirren so verwahrlost war! Seit der Kirchenvorstandswahl im April 1985 war es nicht möglich gewesen, die Kartei einmal wieder auf Vordermann zu bringen. Die Computerlisten des Einwohnermeldeamtes, die Meldungen vom Gemeindeverband wurden immer fehlerhafter und unzuverlässiger. Nur durch das funktionierende Netz der Infrastruktur, das gute Gedächtnis aller Mitarbeiter und Pfarrer und die traditionelle Magnetwirkung der Lutherkirche konnte das kartografische Chaos eingedämmt werden.
Müde begab sich Martin zur Ruhe. Nicht traurig, aber erschöpft. Er wusste, dass die nächste Generation, der nächste Jahrgang die neuen Aufgaben mit neuer Kraft anpacken würde.
Wilhelm Wegner
(Quelle: Festschrift "75 Jahre Lutherkirche", Offenbach 1989)
Die Lutherkirche, die mit Treppen reichlich gesegnet ist, soll mit dem Bau eines Aufzuges einen barrierefreien Zugang bekommen. Um dieses Vorhaben auch Umsetzten zu können ist die Luthergemeinde auf Spenden zur Finanzierung angewiesen.