Mit dem Bau der Lutherkirche wurde 1912 begonnen. Bereits 1898 waren die beiden Grundstücke Waldstraße Nr. 74 und Nr. 76 angekauft worden. Lange Zeit geschah jedoch hinsichtlich der weiteren Planung nichts, obwohl sich die Stadt vorwiegend nach Süden hin ausdehnte und die angemietete altkatholische Christuskirche sich schon sehr bald als unzureichend erwies. 1904 erfolgte die Gründung eines Kirchenbauvereins sowie der Ankauf eines weiteren Geländes im Westen der Stadt (Ecke Geleitsstraße/Tulpenhofstraße).
Aber wieder vergingen einige Jahre, bis das Bauvorhaben konsequent vorangetrieben wurde. Am 2.9.1910 beschloss der Kirchenvorstand, im Laufe des Jahres 1911 zunächst mit dem Bau einer Kirche im Westen (heutige Friedenskirche) zu beginnen und nach deren Vollendung die Kirche im Süden (heutige Lutherkirche) zu errichten. Beide Neubauten sollten als so genannte Gruppenanlagen gestaltet werden. Unmittelbar um den Kirchenraum plante man, Gemeinderäume und Pfarrwohnungen zu gruppieren. Für die Ausführung von Plänen und Kostenvoranschlägen wurde seitens der kirchlichen Oberbehörde der Kirchenbaumeister Prof. Friedrich Pützer aus Darmstadt bestellt. Auf die Ausschreibung eines öffentlichen Wettbewerbs verzichtete man aus Kostengründen, auch wurde nur die Bausumme von 200.000 Mark bzw. 230.000 Mark bewilligt. Die örtliche Bauleitung beider Kirchen erhielt der Offenbacher Architekt Eduard Walther. Am 18.8.1912 erfolgte die Grundsteinlegung zur Lutherkirche. Sie konnte nach 1 1/2-jähriger, ohne große Komplikationen verlaufender Bauzeit am 15.3.1914 eingeweiht werden.
Die Lutherkirche in Offenbach präsentiert sich in ihrem Äußeren kaum als charakteristischer Kirchenbau, so wie wir es zumeist gewohnt sind, z. B. mit eigenständigem Kirchturm und isolierter Stellung. Die Lutherkirche ist in die umliegende Bebauung der Waldstraße eingebunden. Lediglich ein schmal in den Straßenraum vortretender Mittelrisalit mit großem Dreiecksgiebel hebt den wesentlichen und bedeutungsvollsten Teil der Baugruppe, die Kirche mit ihren Zugängen und dem turmartigen Aufbau, hervor. Auf plastische Auflösungen wie Balkone und Erker verzichtete Friedrich Pützer. Er tut dies, um einen Kontrast zu den Nachbarhäusern herzustellen, deren Front damals reich gegliedert war. Der nahezu profane Charakter, den das Bauwerk vermittelt, ist auch nicht unwesentlich durch die Konzipierung als Gruppenbau mitbestimmt. Galt es lange Zeit als verpönt, Gemeinderäume direkt an die Kirche zu gliedern, ist die Lutherkirche in Offenbach ein Zeichen für das soziale Selbstverständnis der protestantischen Kirche am Anfang des 20.Jahrhunderts.
Der eigentliche Reiz geht jedoch vom Innenraum der Kirche aus. Die sorgfältige Restaurierung im Jahre 1984 entspricht bis auf geringe Änderungen heute wieder dem Eindruck, der 1914 bei der Einweihung der Kirche bestand. Es wurde damit ein anschauliches Beispiel eines speziell für den protestantischen Gottesdienst erstellten Raumes erhalten.
Im Verlauf des 19.Jahrhunderts hatte eine theologische und architektonische Rückbesinnung auf die Tradition des protestantischen Kirchenbaus stattgefunden. Nachdem im Klassizismus die Rückbesinnung auf den griechischen Tempel dominiert hatte, brachte das Bemühen um adäquate Formen den Bezug zur mittelalterlichen Gotik wieder stärker hervor. Um die sakrale Funktion des Kirchenbaus herzustellen, wurde auf liturgische und Gemeindebedürfnisse wenig Rücksicht genommen. Ein Dokument dieser ästhetischen Diskussion ist das "Eisenacher Regulativ" von 1861. Infolge des Kulturkampfes wurde gegen Ende des Jahrhunderts wieder stärker nach der Besonderheit der protestantischen Kirche gefragt. Die Suche nach einer sinnvollen Raumkonzeption forderte dazu heraus, Kirche nicht mehr als heiliges Haus zu verstehen, sondern als Versammlungsort der Gemeinde.
Die Berücksichtigung liturgischer Bedürfnisse rückte immer mehr in den Vordergrund. Diese neue Zielgebung manifestierte sich 1891 im so genannten "Wiesbadener Programm". Es wurde von Pastor Veesenmeyer und dem Architekten Johannes Otzen anlässlich des Ringkirchenbaus in Wiesbaden aufgestellt. Es enthält vier Punkte:
Es ist auffällig, dass sich alle Forderungen des Wiesbadener Programms auf den Innenraum beziehen und die Stilfrage außer acht gelassen wird. Eine Loslösung von der Neugotik war damit allerdings noch nicht vollzogen. Die Errungenschaften des Barockzeitalters, vor allem in der zentralisierenden Raumordnung, wurden in ihrer Idee aufgegriffen, die Formensprache blieb aber zunächst noch die der Gotik.
Die Diskussion der Kirchenbaufrage riss jedoch nicht ab, zumal die rasch wachsenden Städte auch zahlreiche neue Kirchen erforderten. Die Brisanz des Themas äußert sich z.B. darin, dass 1894 der 1. Kongress für protestantischen Kirchenbau in Berlin abgehalten wurde. Auf dem zweiten, bedeutungsvolleren Kongress 1906 in Dresden gelang es den Theologen und Architekten, auf neue Gesichtspunkte und Wege für den Kirchenbau hinzuweisen. Neben der immer noch andauernden Auseinandersetzung über die Stellung von Altar, Kanzel und Orgel spielte auch die Kirche im Stadtbild eine wichtige Rolle. Die Bodenspekulation in den Städten hatte es mit sich gebracht, dass die Grundstücke nicht immer eine monumentale Ausführung oder eine freie Stellung der Kirche erlaubten. Daneben mussten die Kirchen zunehmend mit anderen Baulichkeiten konkurrieren. So bestand auch bei der Gestaltung des Äußeren die dringende Notwendigkeit, das Wesen des Protestantismus sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Nicht zuletzt die sich zuspitzende soziale Frage trug dazu bei, monumentale Prachtbauten abzulehnen und die Bildung von Gemeindezentren zu fördern. Dies war zudem eine neue, reizvolle Aufgabe für die Architekten. Die bedrückende Stilfrage geriet in den Hintergrund, kein Stil wurde mehr als an sich religiös empfunden. Die Anerkennung der künstlerischen Freiheit ermöglichte es, dass man auch der Gegenwartskunst, d. h. dem so genannten "Jugendstil" aufgeschlossen gegenüberstand.
Die beiden Offenbacher Kirchen von Friedrich Pützer, die Lutherkirche und die Friedenskirche, spiegeln die Diskussion um den protestantischen Kirchenbau zu Anfang des 20. Jahrhunderts wider. Der Architekt versuchte bei beiden Kirchen, sowohl städtebaulichen, künstlerischen Anforderungen als auch dem liturgischen Bedürfnis gerecht zu werden und Voraussetzungen für eine lebendige Gemeindearbeit zu schaffen.
Beim Betreten der Lutherkirche fallen zunächst einmal die Jugendstilornamentik, die warme Farbgebung und die reichliche Verwendung von Holz auf. Pützer bediente sich bei der Gestaltung des Raumes weder demonstrativer Prachtentfaltung noch einer Formenwelt, die sich "allein" aus ihrer Funktion heraus bestimmt. Es gelingt ihm vielmehr, mit sparsamen Mitteln einen atmosphärischen und zweckgebundenen Raum zu schaffen.
Rückbesinnungen auf die protestantische Bautradition verbinden sich mit Kunst und Forderungen der "Gegenwart" zu einem Ganzen. Die Anordnung von Altar, Kanzel und Orgel zueinander entspricht den Empfehlungen des Wiesbadener Programms. Altar und Kanzel selbst sind heute nicht mehr original, zudem war ursprünglich die Kanzel so angebracht, dass sie nur von der ehemals dahinter liegenden Taufkapelle aus betreten werden konnte. Die heutige Aufstellung stellt zweifelsfrei insofern eine Verbesserung dar, als der Aufgang zur Kanzel nun im Angesicht der Gemeinde erfolgen kann.
Wo immer es möglich war, versuchte Friedrich Pützer Altar, Kanzel und Orgel zu einer Gruppe zu verbinden. Die Orgelaufstellung war indessen heftig umstritten und stieß 1906 auf dem 2. Kongress für protestantischen Kirchenbau in Dresden auf Ablehnung. Störungen für Redner und Hörer wurden befürchtet, die Orgel sowie Sängerbühne als zu beherrschend empfunden. Auf der anderen Seite existierte die liturgische Bewegung von Spitta und Smend, die der Musik als Verkündigungselement eine bedeutende Rolle zuschrieben. Häufig hatte Pützer über Altar und Kanzel auch die Sängerbühne angeordnet (z. B. in der Lutherkirche in Wiesbaden), anders in der Offenbacher Lutherkirche, wo Organist und Sänger ihren Platz auf einer der seitlichen Emporen fanden. Der Orgelprospekt wird als gestalterisches Element aufgefasst. Er ist in die Wand integriert und wiederholt den Schwung der Archivolte. Dieses Motiv lebt weiter in der Segmentbogentonne, die den Kirchenraum überspannt. Die beiden Säulen trugen ursprünglich eine Steinbrüstung, die aber auf Empfehlung des Kirchenmusikmeisters Mendelssohn wieder entfernt wurde, da sie den Klang der Orgelpfeifen beeinträchtigt hätte. Die daraus resultierende Funktionslosigkeit der Säulen wird durch die sich darüber befindlichen Ornamentstreifen etwas kaschiert.
Gute Sicht- und Hörbedingungen sind Hauptanliegen einer Predigtkirche. Neben der reichlichen Verwendung von Holz, das für die Akustik sehr dienlich ist, greift Pützer auf Emporen zurück, um möglichst viele Menschen in die Nähe des Predigers zu bringen. In der Lutherkirche in Offenbach befinden sich die Emporen zu beiden Seiten in Wandnischen und an der Eingangsseite. Sie waren ehemals leicht geschwungen und mit gelben Ranken und Blütenmotiven bemalt.
Die Lutherkirche in Offenbach gehört zu den späten Kirchenbauten Friedrich Pützers. Nach seinen Entwürfen wurden 14 Kirchen neu errichtet und zahlreiche umgebaut. Darunter sind Dorfkirchen (Ev. Kirche in Affolterbach, Gustav-Adolf-Kirche in Gustavsburg) wie große Stadtkirchen (Lutherkirche in Wiesbaden, Pauluskirche in Darmstadt). Seine stadtplanerische Tätigkeit (z. B. Planung der Villenkolonie in Buchschlag, Arbeitersiedlung der Firma Merck in Darmstadt-Arheilgen) kommt auch an seinen Kirchenbauten zum Ausdruck, die er stets unter besonderer Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten entwirft.
Friedrich Pützer wurde am 25.7.1871 in Aachen geboren und studierte dort an der Technischen Hochschule. 1897 kam er nach Darmstadt, wo er zunächst als Assistent bei K. Hofmann, E. Marx und G.Wickop tätig war, bevor er an der Technischen Hochschule in Darmstadt Professor für Kirchenbau, Städtebau, Perspektive und Stegreifentwerfen wurde. 1908 wurde er zum Kirchenbaumeister der evangelischen Landeskirche ernannt. Neben Städtebau und Kirchenbau hat Friedrich Pützer sich auch mit verschiedenen anderen Aufgaben beschäftigt; so existieren eine Reihe von Entwürfen für Rathäuser, Villen und Landhäuser etc. Sein bekanntestes Werk dürfte der Darmstädter Hauptbahnhof sein. Am 31.1.1922 stirbt Professor Friedrich Pützer, nur 50 Jahre alt.
Doris Hilbig,
Kunsthistorikerin
(Quelle: Festschrift "75 Jahre Lutherkirche", Offenbach 1989)