Die Orgel in der Lutherkirche

Die Geschichte der Orgel reicht bis ins Einweihungsjahr unserer Lutherkirche 1914 zurück. Gleichzeitig mit dem ganzen Haus und dem Kirchenraum wurde auch die Orgel in Betrieb genommen. Sie war in Auftrag gegeben worden bei der hervorragenden Orgelbauwerkstatt Steinmeyer & Co., Königlich bayerische Orgel- und Harmoniumfabrik in Öttingen in Bayern. Entsprechend dem Zeitgeschmack wurde eine romantische Disposition verwirklicht, gepaart mit einer damals hochmodernen elektro-pneumatischen Spieltraktur; sie hatte den Vorteil, dass der Spieltisch nicht direkt bei der eigentlichen Orgel stehen musste: Er stand zunächst bis in die fünfziger Jahre auf der nördlichen Seitenempore und konnte dann sogar auf die Hauptempore verlegt werden. So wurde die Idee des Architekten verwirklicht: über dem Altar erhebt sich die Kanzel und darüber, als sollte sie die musizierende Himmelssphäre darstellen, die Orgel. Die 32 Register der Orgel - jedes Register ist ein selbstständiges Instrument mit eigener Klangfarbe - wurden auf vier Klaviaturen verteilt: 6 für das Pedal, 11 für das erste Manual, 10 für das zweite und 5 für das dritte Manual. (Die originale Disposition ist unter A aufgeführt.)

Das Klangideal der romantischen Orgel sah vor, ein großes Orchester in seinen Klangfarben zu imitieren. Die drei Manuale der Orgel wurden in verschiedenen Lautstärken gestaffelt: das erste Manual war das lauteste, das zweite war leiser und das dritte dann noch leiser. Damit man dieses Leiserwerden noch variieren konnte, wurden die Pfeifenreihen des zweiten und dritten Manuals jeweils in einem Schwellkasten untergebracht. Das bedeutete, dass man den fest eingestellten Klang dieser Manuale durch eingebaute und vom Spieltisch aus verstellbare Türen leiser und lauter werden lassen konnte, je nachdem, ob man diese Türen schloss oder öffnete.

In den späten fünfziger Jahren ließ man der Orgel einen klanglichen Umbau angedeihen, womit das ursprüngliche klangliche Konzept der Orgel verloren ging. Statt der romantischen Disposition mit den drei dynamisch gestaffelten Manualen wurde damals versucht, neue Klangvorstellungen zu realisieren, die an barocken Vorbildern orientiert waren. Die beiden Schwellkästen wurden entfernt und ebenso bis auf eine Ausnahme die "streichenden" Stimmen: Aeoline, Gemshorn, Violoncello, Vox coelestis - Stimmen, die Orchesterinstrumente nachahmen sollten. Statt dessen wurden helle und teilweise klirrende Stimmen eingebaut, wobei man aber die meisten Grundstimmen beibehielt. Das Ergebnis war ein auf Dauer unbefriedigendes Klangbild mit indifferenten Grundstimmen und zu hohen Farbregistern bei zu klein besetztem Pedal. Dazu kamen immer wieder auch spieltechnische Mängel (Disposition B).

Mit dem heranrückenden Lutherjahr 1983 wurden Pläne zur Renovierung unserer Kirche geschmiedet und auch die Frage nach einem Orgelneubau aufgeworfen. Standortpläne wurden gewälzt, neue Dispositionen erdacht, Kosten errechnet. Und da scheiterten alle Pläne: Im Orgelbau galt schon immer, dass eine "Orgel" (damit ist ein Instrument etwa in der Größe der Lutherkirchen-Orgel gemeint) soviel kostet wie ein Haus. Auch wurde nach der Entscheidung für eine Renovierung des Kirchenraums nach den Pützerfarben und ­plänen klar, dass die Orgel ihren Standort behalten musste.

Nun galt es, während der Renovierungsarbeiten (zwischen dem 18. September 1983 und dem 12. Mal 1984) aus den Gegebenheiten das Beste zu machen. Ein Neubau der Orgel war unmöglich aus Kosten- und Standortgründen. Es war auch nicht möglich, die originale Disposi-tion wieder zum Klingen zu bringen - das alte Pfeifenmaterial war nicht mehr vorhanden, es nachzubauen wäre einem kompletten Orgelneubau gleichgekommen.
In Zusammenarbeit mit der Orgelbaufirma Förster & Nikolaus in Lich/Oberhessen und dem Orgelbausachverständigen unserer Landeskirche, Herrn Dr. Balz, gelang es, ein Konzept zu entwickeln, das sowohl die historischen als auch die vorgefundenen, aus den fünfziger Jahren stammenden Bestände berücksichtigte.

Das Wesentliche:
Der Orgelprospekt wurde im Kirchenraum wieder sichtbar und die alte Beziehung zwischen Altar, Kanzel und Orgel konnte wieder hergestellt werden. Ferner wurde die Spieltraktur einer gründlichen Revision unterzogen.

Das Zweite:
Die Möglichkeit einer stufenlosen Dynamik durch die Schweller des Originals konnte wieder erhalten werden, zudem die Anordnung der Pfeifen dafür sprach und die Rahmen der alten Schwellkästen noch vorhanden waren. Schließlich wurde durch Umsetzen von einigen Registern von einem in ein anderes Manual und durch Neubau von vier Registern (eines davon steht im Orgelprospekt) versucht, ein ausgewogenes Klangbild entstehen zu lassen (Disposition C).

Als Letztes:
Der Spieltisch musste zu diesen Revisionsarbeiten ohnehin aus der Kirche entfernt und in die Orgelbauwerkstatt verbracht werden. Er bekam beim Wiedereinbau einen fahrbaren Untersatz, der es ermöglicht, den Kontakt von Spieler und Chor zu verbessern, und ferner dem Organisten eine bessere akustische Kontrolle seines Spiels ermöglicht.

Wolfgang Weyrich
(Quelle: Festschrift "75 Jahre Lutherkirche", Offenbach 1989)