Wie eine Kirche gebaut wird, das ist immer ein Versuch, die Überlegungen archiltektonisch-städtebaulicher Art zu kombinieren mit funktionalen Gesichtspunkten, theologischen Reflexionen und Konzepten von Gemeindearbeit und kirchlicher Präsenz in der sozialen Umwelt. Auffällig an der Lutherkirche ist von vornherein die Symmetrie: für zwei selbstständige Gemeinden eingemeinsam zu nutzendes Bauwerk Räumlichkeiten so angeordnet, dass kein Benutzer, Mitarbeiter, Gemeindekreis im Vergleich zu den Mitbenutzern der anderen Gemeinde etwa durch die Raumvergabe Vor oder Nachteile haben sollte.
Heute, unter dem Gesichtspunkt der einen Gemeinde, bereitet gerade diese Symmetrie gelegentlich Kopfzerbrechen. Ein zentraler Eingang, ein zentrales Büro - das würde manchen Umweg ersparen, Kooperation erleichtern und die festen Burgmauem mit ihren vielen eichenen Pforten leichter zugänglich erscheinen lassen. So ist der Umgang mit dem Erbe auch durch die Baugeschichte des Öfteren schwerer als wir ihn uns wünschen.
Mit dem Inneren des Gebäudes steht es nicht anders: Das Erbe will nicht nur angenommen sein, es muss stets auch befragt werden nach seinem Nutzen für Zeitgenossen und gegenwärtige Formen der Gemeindearbeit. Nicht immer war es leicht, den richtigen Punkt zu finden zwischen Erhaltung des Vorhandenen und Anpassung an die Bedürfnisse der fortschreitenden Zeit.
Die Ausmalung des Sakralraumes hatte 1914 in Stil und Gestaltung den Darmstädterjugendstil beerbt, ohne dass dies eine eindeutige stilistische Einordnung in diese künstlerische Epoche zugelassen hätte. Geschwungene und ornamentierte Emporenbrüstungen, vielfältige und kräftige Farben an Wänden und Decke, fast schwarz gehaltenes Holzwerk in Bestuhlung und umlaufender Sockelverkleidung - dies alles war zu seiner Zeit stimmig und überzeugend.
Im Laufe der Jahrzehnte hatten die Farben sich verdunkelt: Goldtöne oxidierten oder schillerten; die Fensternischen, die die Heizkörper enthalten, waren schwärzlich geworden vom Staub; Reinigungsaktionen führten zum Verschmieren der Staubschicht auf unklaren Farben. Im Krieg der Verlust der Fenster und die fehlenden Möglichkeiten, sie im Originalstil zu ersetzen; dazu in den Fünfzigerjahren - als Gegensatz - die Aufbruchstimmung des beginnenden bundesdeutschen Wirtschaftswunders, das auf überschaubaren, schlichten geradlinigen Fortschrittsstrukturen zu basieren schien. Kein Wunder, dass die alte, dunkelgewordene Lutherkirche den Gottesdienstbesuchern als "orientalischer Musentempel" erschien, wie Zeugen berichten. Ein Frankfurter Pfarrer apostrophierte den Kirchenraum gar als "Luther-Lichtspiele", weil das verstaubt schwülstige Dekor ihn an überständige Kinopaläste erinnerte.
Kein Wunder also auch, dass eine gründliche Renovierung einerseits dringend anstand, andererseits nur vorstellbar war als ein Aufräumen fern aller Nostalgie. Klare helle Farben waren gefragt, jeder überflüssige Schnörkel störte. Weg mit den Emporenbrüstungen, an deren Stelle glatte, hellgrau gestrichene Spanplatten traten. Herein mit hellem Deckenlicht - vorher gab es nur Wandleuchten, aufgehängt wurden Lampen im Geschmack der Zeit.
Verzicht auf Säulen, Orgelprospekt, Ausmalung; anstelle des Altars mit seiner sarkophagartigen Marmorimitation nun eine Holztischplatte auf Eisenbeinen, entsprechend das Taufbecken, nun aus Kupfer gearbeitet, auf Eisenträgern ruhend. Passend zum Taufbecken Altarleuchten aus Kupfer anstelle derer aus Messing. Das Taufgeschehen wurde in den Gottesdienstraum der Gemeinde hineingeholt, die Taufkapelle, dahinter liegend, verlor ihre Funktion.
Der Orgelspieltisch wanderte auf die Hauptempore, Organist und Chor verschwanden damit aus dem Blick der gottesdienstlichen Gemeinde, neue technische Möglichkeiten eröffneten sich den Musikanten durch den Platzgewinn.
Das Ergebnis ließ alle Beteiligten aufatmen: endlich wieder ein einladender, heller Versammlungsraum für die Gemeinde, viel näher dem integrativen Konzept des Erbauers als der Zustand des Erbes nach 40 Jahren Alterungsprozess.
Darum kann einer beiden Gemeindepfarrer, Dekan Friedrich Eckert, im Rückblick auf die Renovierung von 1957 beim fünfzigjährigen Jubiläum des Kirchengebäudes im "Kirchenbote für das evangelische Offenbach" (Beilage zu Weg und Wahrheit, 7/1964) schreiben: "Wir dürfen dankbar sein, dass die von Herrn Architekt Fritz Reichard vorgenommene Veränderung der Lutherkirche glückte. Jeder, der diese Kirche nun sieht, freut sich über die gute Lösung, die da gefunden wurde. So erfreut nach einem halben Jahrhundert der freundliche helle Kirchenraum Menschen genauso wie diejenigen, die vor 50 Jahren den kräftig ausgemalten, nach ihrem Geschmack weihevollen Raum lobten".
Der so gelobte Kirchenraum war nun allerdings in der Folgezeit wiederum demselben Prozess unterworfen: Nicht nur erneuter Renovierungsbedarf stellte sich ein durch Dunkelwerden der frischen Farben, Staubspuren und Schadhaftigkeit des Parkettfußbodens, auch der Wunsch nach Neugestaltung und Überwindung des Geschmacks der Fünfzigerjahre ließ die Frage aufkommen, ob lediglich ein neuer Anstrich oder vielleicht eine echte Restaurierung das Gebot der Stunde sei. In vielfältigen und gründlichen Beratungen zwischen Kirchenvorstand, Gemeindeverband, Kirchenverwaltung Darmstadt, Denkmalschutzbehörde in Wiesbaden und infrage kommenden Kunsthandwerkern wurde schließlich das Konzept entwickelt, das heute im Sakralraum wahrzunehmen ist: Ausmalung von Wänden und Deckengewölbe nach historischem Befund, Rekonstruktion des Altarraumes mit Säulen und Orgelprospekt, Zurückverlegung der Kanzel auf die Achse des Raumes.
Der Parkettfußboden wurde gründlich repariert, geschliffen und versiegelt. Altar, Kanzel, Taufbecken und Lesepult wurden neu angefertigt unter Aufnahme der vorhandenen geometrischen Formen; die von beiden Seiten zugängliche Kanzel, erhöht hinter dem Altar, entspricht in ihrer jetzigen Anordnung sogar eher den ursprünglichen Plänen Pützers, soweit wir sie aus den Bauzeichnungen kennen, als die dann realisierte Ausführung von 1914. Die Anordnung folgt nun wieder dem "Wiesbadener Programm", das im Beitrag "Bau und Gebäude der Lutherkirche - Bauhistorische Einordnung" der Kunsthistorikerin Doris Hilbig in der Festschrift "75 Jahre Lutherkirche" beschrieben wird.
Lediglich die 1957 entfernten Emporenbrüstungen waren nicht mehr zu rekonstruieren; die gewählte Lösung nimmt das Kassettenmotiv der Holzverkleidung auf, berücksichtigt aber auch die Farbgestaltung der Wände oberhalb des Holzsockels. Mit am schwierigsten fiel die Entscheidung für neue Beleuchtungskörper; nachdem auf dem Altar die Kerzenleuchter aus Messing von 1914 wieder Platz fanden, entschied sich der Kirchenvorstand auch bei den Leuchten für dieses Metall. Das Bedürfnis nach ausreichender Raumausleuchtung ist offenbar im Laufe des Jahrhunderts gewachsen, zumal zunehmend die Gemeinde an der Gottesdienstgestaltung durch Programme und Liedtexte beteiligt wird, die gelesen werden müssen. Material und Motiv der Leuchten im Kirchenraum finden sich nun auch im anschließend renovierten Haupttreppenhaus wieder.
Am 13. Mai 1984 konnte die Gemeinde ihr restauriertes Gotteshaus mit einem fröhlichen Festgottesdienst wieder in Besitz nehmen. Und auch in der Folgezeit wurde spürbar, wie der Raum auf Menschen wirkt: sie fühlen sich geborgen in der Atmosphäre, die auf glückliche Weise sakrale Würde mit menschlicher Nähe zu verbinden möglich macht. Zunehmend feiert die Gemeinde Gottesdienste, bei denen sich Gruppen von Kindern oder Musikanten oder auf andere Weise Mitgestaltende im Raum vor dem Altar bewegen. Durch das Entfernen der beiden vordersten Sitzbänke ist eine Auflockerung erreicht worden, die zum Aspekt von Freiheit und Großzügigkeit entscheidend beiträgt, kein schlechtes Kennzeichen eines "evangelischen" Kirchenverständnisses.
Die Verbindung des Elementes "Feiern" mit der Haltung des "Dienens" gelingt in diesem schönen Kirchenraum zunehmend besser. Da der Raum einladend wirkt, wird Teilhabe am gottesdienstlichen Geschehen erleichtert. Partizipation und Kommunion werden als Säulen der Kirche wieder erkennbar.
Wilhelm Wegner,
Pfarrer in der Luthergemeinde von 1977 bis 1993
(Quelle: Festschrift "75 Jahre Lutherkirche", Offenbach 1989)