In der Zeit von 1912 bis 1914 wurde die Lutherkirche Offenbach erbaut. Der damalige Neubau ist ein Resultat der Offenbacher Stadt- und Kirchengeschichte, über die hier berichtet werden soll.
Als Folge der Reformation war Offenbach 1596 eine reformierte Stadt geworden, als der damalige Landesherr, Graf Wolfgang Ernst von Isenburg, die Reformation nach Calvin einführte. Von 1700 bis 1703 wurde am Platz einer älteren Kapelle die Schlosskirche erbaut. Nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943 zerstört wurde, ist heute nur noch die Ruine ihres Turms erhalten. Unmittelbar daneben befindet sich jetzt das Gemeindezentrum der Stadtkirchengemeinde in der Kirchgasse.
In der Zeit zwischen 1699 und 1712 kamen als "Glaubensflüchtlinge" verfolgte Hugenotten und Waldenser nach Offenbach, die von Graf Johann Philipp von Isenburg aufgenommen wurden und sich hier ansiedeln konnten. Sie gründeten 1699 die französisch-reformierte Gemeinde, und die französisch-reformierte Kirche in der Herrnstraße wurde 1718 fertig gestellt. 1748 wurde, ebenfalls in der Herrnstraße, die Stadtkirche für die inzwischen entstandene lutherische Gemeinde erbaut.
Zum dreihundertjährigen Reformationsjubliäum 1817 entstand in Preußen und in anderen deutschen Ländern eine Union zwischen Reformierten und Lutheranern; in Offenbach zogen sich die Verhandlungen über den Zusammenschluss bis 1848 hin, wobei weniger glaubensmäßige als vielmehr finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden waren. § 1 der Unionsurkunde lautete: "Die evangelisch-protestantischen Einwohner von Offenbach, welche - in confessioneller Hinsicht seither geschieden - der deutsch-reformierten und der lutherischen Kirche angehörten, vereinigen sich zu einem Confessions- und Gemeindeverbande, unter der Benennung 'Vereinte evangelisch-protestantische Kirchengemeinde'". Die französisch-reformierte Gemeinde behielt ihre Eigenständigkeit.
Im 18. Jahrhundert war das Offenbacher Stadtgebiet im Wesentlichen begrenzt durch das Viereck aus dem Isenburger Schloss am Main, dem Marktplatz, der Herrnstraße und dem Großen Biergrund. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die zunehmende Industrialisierung zusammen mit der damaligen "Landflucht" dazu geführt, dass sich die Stadt über diesen historischen Kern hinaus ausdehnte; da im Norden der Main eine natürliche Grenze bildet, erfolgte die Ausdehnung insbesondere nach Süden.
Hatte Offenbach im Jahr 1840 etwa 10.000 Einwohner, so waren es im Jahr 1870 bereits 20.000; die räumliche Ausdehnung der Stadt reichte damals vom Main im Norden schon teilweise bis zur heutigen Bismarckstraße im Süden, von der Ludwigstraße im Westen bis zur Karlstraße und der Bieberer Straße im Osten.
1873 wurde die Bahnlinie Frankfurt-Offenbach-Hanau-Bebra mit dem Offenbacher Hauptbahnhof eröffnet, die bei ihrer Planung noch weit außerhalb des bebauten Gebietes gelegen hatte. Die Bevölkerungszahl nahm weiter zu auf 30.000 zu Beginn der 1880er Jahre, sie betrug 35.000 um 1890, und die Bebauung dehnte sich über die Bahnlinie weiter nach Süden aus. Das dann folgende enorme Wachstum der Stadt geschah mit einer Schnelligkeit, die uns heute fast unvorstellbar erscheint: 40.000 Einwohner im Jahr 1895, 50.000 im Jahr 1900 und 60.000 um 1906. Nach der Eingemeindung von Bürgel im Jahr 1908 gab es 1910 rund 75.000 und 1914 schließlich 80.000 Einwohner in Offenbach - die selbstständigen Nachbarorte Bieber und Rumpenheim wurden erst 1938 bzw. 1942 nach Offenbach eingemeindet.
Mit der explosionsartigen Stadterweiterung wuchsen der Offenbacher evangelischen Gemeinde größere Aufgaben zu: die neu Hinzugezogenen sollten betreut und in das Gemeindeleben integriert werden. Waren 1848 in der "vereinten evangelisch-protestantischen Gemeinde" nur 2 Pfarrer tätig, so wurde in der folgenden Zeit die Zahl der Pfarrstellen vermehrt, und 1910 hatte die Offenbacher Gemeinde (ohne Bürgel und ohne die französisch-reformierte Gemeinde) schließlich 6 Pfarrer. Jedoch stand neben der Schlosskirche und der Stadtkirche nur das "Evangelische Vereinshaus" in der Sandgasse zur Verfügung; in den neuen Stadtvierteln fehlte es an Gemeinderäumen.
1899 war eine neue Organisationsform innerhalb der evangelisch-protestantischen Gemeinde eingeführt worden. Im Stadtbereich von Offenbach wurden die vorherigen Personalgemeinden um die einzelnen Pfarrer durch eine Bezirkseinteilung ersetzt. Neben den Gemeindebezirken für die Schlosskirchengemeinde im Nordosten und für die Stadtkirchengemeinde in der damaligen Stadtmitte wurden im Nordwesten ein Bezirk für die Johanneskirchengemeinde, im Südwesten ein Bezirk für die Friedenskirchengemeinde, im Süden ein Bezirk für die Lutherkirchengemeinde-Süd und im Südosten ein Bezirk für die Lutherkirchengemeinde-Südost gebildet. Grund für dieses Konzept war die Einschätzung, dass es die finanziellen Mittel auf absehbare Zeit nur erlauben würden, zwei Kirchengebäude mit Gemeinderäumen zu bauen: einerseits die Friedenskirche für den Südwestbezirk und andererseits die Lutherkirche gemeinsam für die beiden Gemeinden des Süd- und des Südostbezirks.
Zunächst feierten diese beiden Bezirksgemeinden ihre Gottesdienste im "Versorgungshaus" am Buchhügel (zuletzt Städtisches Alten- und Pflegeheim im Hessenring), ab 1901 waren sie dann in der neu erbauten altkatholischen Christuskirche in der Bismarckstraße zu Gast. Die Gemeinde des Südwestbezirks hatte seit 1904 ihre Gottesdienste im Kirchenraum der deutsch-katholischen Gemeinde (heute frei-religiöse Gemeinde) am Schillerplatz gefeiert. Dieses Mietverhältnis endete 1910, 1911 war die Grundsteinlegung für die Friedenskirche in der Geleitsstraße, und bereits im Oktober 1912 wurde sie fertig gestellt. Noch vor Abschluss der Bauarbeiten an der Friedenskirche wurde am 18. August 1912 der Grundstein für die Lutherkirche in der Waldstraße gelegt, und am 15. März 1914 wurde dann die Lutherkirche feierlich eingeweiht.
Karl Hainer