Seit Beginn des Jahres besteht in Offenbach ein neuer Chor - die Offenbacher Kantorei e.V. Sie ist aus der Vereinigung des Offenbacher Kammerchores (Chor des Evangelischen Dekanats Offenbach) und der Kantorei der Evangelischen Luthergemeinde Offenbach hervorgegangen.
Die Offenbacher Kantorei will dazu beitragen, dass geistliche Chormusik in Offenbach weiter auf hohem Niveau dargeboten wird, sowohl in Gottesdiensten als auch in Konzerten. Dazu bot die Bündelung der Kräfte aus Kammerchor und Lutherkantorei die geeignete Basis. Je nach Anlass wird die Offenbacher Kantorei in variabler Zusammensetzung auftreten: als kleiner Chor (Liturgischer Chor) für Gottesdienste, als Auswahlchor (camerata vocale offenbach) für A-cappella-Konzerte und als großer Chor für orchesterbegleitete Werke.
Schon in der Vergangenheit hatten Kammerchor und Lutherkantorei gemeinsame Auftritte gehabt. Die Anfänge gehen bis in die 1970er Jahre zurück, als Wolfgang Weyrich, damals zugleich Kantor der Lutherkantorei und Leiter des Offenbacher Kammerchores, erfolgreiche Versuche auf diesem Gebiet unternahm, zum Beispiel mit der Matthäuspassion von Georg Philipp Telemann und dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach 1973, der Theresienmesse von Joseph Haydn 1974 und der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach 1976. Der Gedanke wurde später von Matthias Querbach und vor allem von Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath weiterverfolgt und praktiziert.
Dabei waren eigenständige Entwicklungen von Lutherkantorei und Kammerchor zu berücksichtigen: Die Lutherkantorei war in den 1950er Jahren aus dem kirchlichen Gemeindeleben heraus entstanden und sah sich vornehmlich als Kirchenchor. Chronist Karl Hainer schreibt heute: "Auch wenn sich Zusammensetzung und musikalische Orientierung des Chores im Laufe der Zeit änderten, so wirkte er doch regelmäßig bei der Ausgestaltung der Gottesdienste während des Kirchenjahres mit." Die Aufführung der Markuspassion von Reinhard Keiser an Karfreitag 1970 begründete dann eine eigene Tradition kirchenmusikalischer Veranstaltungen. Zu den Aufgaben der Lutherkantorei gehörten fortan Kirchenkonzerte mit Kantaten und größeren Chorwerken.
Der Kammerchor dagegen verdankte seine Entstehung 1962 einem Freundeskreis junger Leute mit Spaß an geistlicher Musik. Am Beginn seiner Konzerte, die ihn schon in den 1960er Jahren nach Frankreich und Luxemburg führen, stehen Kantaten aus Barock und Frühbarock. Bald singt der Chor a-cappella und wird zu Aufnahmen für evangelische Morgenfeiern des Hessischen Rundfunks eingeladen. Zu seinem 10-jährigen Bestehen 1972 führt er erstmals Bachs Johannespassion auf. Seitdem kommen neben einem umfangreichen Motetten-Programm große Werke geistlicher Chormusik von Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Händel, Haydn, Mendelssohn Bartholdy, Monteverdi und Mozart zur Aufführung. Einladungen führen den Chor zu Konzerten und Konzertreisen über die Grenzen Offenbachs hinaus, wie beispielsweise 2006 nach Pirna und Bautzen.
Diese unterschiedlichen Entwicklungen von Lutherkantorei und Kammerchor werden heute nicht mehr als Hindernis für eine intensivierte Zusammenarbeit und eine gemeinsame Zukunft gesehen. Verstärkte Schubkraft erhielt diese Sichtweise mit Tobias Koriath als neuem Leiter der Lutherkantorei und des Kammerchores 2004. Ein "Runder Tisch" aus Verantwortlichen der beiden Chöre, der Luthergemeinde und des Evangelischen Dekanats schaffte es danach in relativ kurzer Zeit, die neuen Strukturen zu gestalten und dafür die notwendigen Zustimmungen zu bekommen, so dass die Offenbacher Kantorei von einer breiten Akzeptanz getragen wird.
Das gemeinsame Konzertprogramm für 2008 steht. Es sieht unter anderem die Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Georg Kühnhausen am 21. März und des Oratoriums "Der Durchzug durchs Rote Meer" von Johann Nepomuk Hummel am 8. Juni vor. Tobias Koriath unterstreicht damit seine Zielsetzung, dem Offenbacher Publikum musikalische Kostbarkeiten zu bieten, die bisher unbeachtet geblieben sind. Mit der Offenbacher Kantorei leitet er nun einen Chor, der eine gute Mischung aus jung und alt darstellt, der sich weiter vervollkommnen wird und der neue Perspektiven für die geistliche Musik in Offenbach eröffnet.