Das Leitende Geistliche Amt (LGA) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat eine Stellungnahme über die theologische Bedeutung des Kreuzestodes von Jesus Christus veröffentlicht. Darin prüft das LGA insbesondere den umstrittenen Gedanken des Todes Jesu als Sühnopfer. Der sieben Seiten lange Text unter dem Titel "Stellungnahme zur umstrittenen Deutung des Todes Jesu als ein Gott versöhnendes Opfer" soll zum Einen eine grundsätzliche Argumentation darstellen, die zu Diskussionen über die Position des LGA zu diesem zentralen Thema des christlichen Glaubens anregt. Zum Anderen gib sie Anstöße für die Predigten am Karfreitag.
Das LGA weist darauf hin, dass die Vorstellung vom Tod Jesu als Sühnopfer für die Menschen, die unter der Macht der Sünde stehen, die christlich-abendländische Theologie geprägt hat und auch an zentraler Stelle in die evangelischen Bekenntnisschriften aufgenommen wurde. Von Anfang an sei sie von der nicht-christlichen Umgebung kritisiert worden. Heute werde sie auch innerhalb der Kirche vehement in Frage gestellt, da vielfach eine tiefe Spannung zwischen dieser Deutung des grausamen Geschehens am Kreuz und der Botschaft von Gottes unbedingter Liebe empfunden werde. Auch etliche Christen nähmen daran Anstoß.
Das LGA weist darauf hin, dass im Neuen Testament viele verschiedene Bilder verwendet würden, um die Heilsbedeutung des Todes Jesu "für uns" auszudrücken. Die Bildersprache des "Opfers" sei lediglich eine unter mehreren. Aufgrund der Vielfalt biblischer Bilder und Interpretationen könne exegetisch "nicht entschieden werden, wie der Tod Jesu heute sachgemäß zu verstehen ist und ob er heute zwingend als Opfer verstanden werden muss", formuliert das LGA. Diese Frage könne nur die systematische Theologie entscheiden.
Das LGA vertritt die Position, dass niemand als Christ die Heilsbedeutung des Kreuzes Jesu "für uns" in der Metaphorik des Opfers vertreten müsse . Es empfiehlt aber, dies trotz der Anstößigkeit dieses Lehrstücks für heutige Ohren zu tun. Es empfiehlt deshalb, auch in Lehre und Predigt auf diese Metaphorik zurückzugreifen, denn die Auslegung des Todes Jesu als Sühnopfer sei "theologische Wirklichkeitskritik" und darum "nach wie vor für die christliche Kirche von höchster Bedeutung". Zu Recht deute die Metaphorik des Opfers das "harte und stets zweideutige Leben als Gottesbegegnung, als Befreiung aus Sünde und Tod und als Kampf gegen die Selbstverständlichkeit des achtlosen Verbrauchs anderen Lebens". Die Wirklichkeit der Welt als Welt Gottes und des christlichen Glaubens könne kaum angemessener beschrieben werden. Außerdem könne mit Hilfe dieser Metaphorik auch begründet werden, weshalb schon die frühe Christenheit die religiöse Opferpraxis nicht mehr fortgesetzt hat, was eine Revolution im Religionsverständnis der Antike gewesen sei.
Zugleich warnt das LGA vor "möglichen Entstellungen der Versöhnungslehre", etwa als kultische, juristische oder moralische Handlung. In der Lehre vom Sühnopfer müsse Gott der aktive bleiben, denn nicht Gott sondern der Mensch müsse versöhnt werden.
Das LGA kommt zu dem Ergebnis: "Niemand muss die Heilsbedeutung des Todes Jesu mit Hilfe der Metaphorik des Sühnopfers auslegen. Aber man kann sie auch in der Moderne als theologische Zentralidee verwenden, weil sie in ganz besonderer Weise dem christlichen Wirklichkeitsverständnis und dem Gottesbild entspricht, das von dem Gott herkommt, der im Leben begegnet und dessen Willen mit Hilfe der biblischen Überlieferung gedeutet werden kann."
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