"Die Evangelische Jugend ist einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige Jugendverband, der das Wagnis eingeht, nicht über Konzepte zu diskutieren, sondern Jugendliche selbst zu Wort kommen zu lassen", so Prof. Dr. Richard Münchmeier von der Freien Universität Berlin bei der Präsentation der Ergebnisse des Forschungsprojekts "Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit" am 13. Juni 2006 in Berlin.
Der Hintergrund: Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e. V. (aej) will mehr wissen über die Praxis der Evangelischen Jugend und die Bedeutung von Kinder- und Jugendarbeit für die Lebenswelten junger Menschen. Mehr als 2000 Jugendliche wurden im Rahmen des Forschungsprojekts von der Freien Universität Berlin nach ihren ganz persönlichen Sichtweisen befragt. Sie haben beschrieben, was sie in der Evangelischen Jugend tun, was die Angebote der Evangelischen Jugend für sie bedeuten und was sie für sich aus den Angeboten der Evangelischen Jugend machen.
"Die Ergebnisse irritieren und zeigen, dass Kinder- und Jugendarbeit die Sichtweise der Kinder und Jugendlichen bei Planungen dominant einbeziehen muss," so der Generalsekretär der aej, Mike Corsa. Gelingende Kinder- und Jugendarbeit könne allein mit pädagogischen Mitteln nicht hergestellt werden: "Kinder- und Jugendarbeit ist in erster Linie ein Raum von jungen Menschen, den sie eigenständig und zusammen mit anderen Jugendlichen in vielfältiger Weise gestalten." Dieser Raum ermögliche eine vorgaben- und hierarchiefreie, offene Auseinandersetzung mit zentralen Fragen des Lebens. Dabei stehe nach wie vor die Jugendgruppe im Zentrum. Ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten in den Augen Jugendlicher wenig Bedeutung für die gelingenden Beziehungen unter den Jugendlichen; sie seien vielmehr unverzichtbare Ressourcenmanager und -managerinnen, die Jugendliche materiell und mit inhaltlichen Impulsen bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen unterstützen. "Statt zu überlegen, was Jugendliche sollen, besser hinhören, was Jugendliche wollen!", so Corsas Fazit. Folgerichtig gehe es mehr um die Förderung einer ermöglichenden Infrastruktur als um Initiierung von Projekten und Arbeitsformen mit sehr differenzierten Vorgaben durch Politik und Kirche.
"Die Kirche benötigt offene Kommunikationsbedingungen, um Menschen mit den Grundlagen des Glaubens in Berührung zu bringen und eine christlich geprägte Lebensführung zu fördern. Evangelische Jugend ist ein wichtiger Begegnungsort zwischen der biblischen Botschaft und den Lebensfragen junger Menschen", so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Dr. Wolfgang Huber, in seinem Statement zu den Forschungsergebnissen. Die Studie zeige, so Huber, "dass die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen und den Grundlagen des Christentums nicht isoliert geschehen kann. Sie entfaltet sich eingebunden in weitere Motivzusammenhänge. Der Wunsch, selbständig mit anderen etwas Sinnvolles für sich und für andere zu tun, ist eine wichtige Bedingung dafür, sich als junger Mensch selbstbestimmt den Fragen nach Gott und einer eigenen Glaubenspraxis zu stellen."
"Kinder und Jugendliche suchen nach Leitplanken, an denen sie sich orientieren können. Die Jugendverbände bieten Hilfe in Form einer Wertegemeinschaft", sagte Bundesjugendnministerin Ursula von der Leyen (CDU) anlässlich der Präsentation der Studie. "Diese Untersuchung belegt, dass Kirche und Religion auch heute noch Werte vermitteln können. Werte entstehen durch Beispiele, durch Vorleben. Die evangelische Jugend verfügt über eine Kultur, in der Werte in der Gemeinschaft, im konkreten Miteinander erfahren, reflektiert und diskutiert werden können. Die Förderung von Jugendverbänden gehört also auch weiterhin zu den wichtigen und wirksamen Bausteinen einer guten Jugendpolitik", so die Ministerin.
Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) erklärte, Jugendverbandsarbeit sei ebenso förderungswürdig wie die Schule und der Kindergarten. Der Staat müsse dafür sorgen, dass die Infrastruktur gesichert sei. Wer als Jugendlicher in einem Verband oder einer Gruppe gelernt habe, was Selbstbestimmung und Demokratie sei, könne dies später auf andere Zusammenhänge übertragen.
Die Evangelische Jugend wird den Impuls der Studie für die Praxisentwicklung nutzen: 35 Praxisprojekte in ganz Deutschland beteiligen sich an der Entwicklung von Instrumenten einer subjektorientierten Steuerung der Arbeitsplanung. "Die Sichtweisen junger Menschen müssen einen größeren Raum bei Entscheidungen über Formen, Methoden und Inhalte bekommen, damit die Ressourcen zielgenauer eingesetzt werden und mehr jungen Menschen dieser einmalige Raum zur Entfaltung eröffnet werden kann", so Mike Corsa. Schon die in der Studie empirisch dokumentierte Reichweite in der jungen Generation sei ein beachtlicher Erfolg: 10,1 Prozent der Bevölkerung im Alter von 10 bis 20 Jahren werden durch die evangelische Kinder- und Jugendarbeit erreicht.
Die Hauptergebnisse der Studie sind unter http://web.fu-berlin.de/jugendverbandsarbeit/gesamt/hauptergebnisse.htm zu lesen.
Der vorläufige Abschlussbericht liegt zwar vor, muss aber noch bearbeitet werden, bevor das ganze Werk in einem Verlag in den Druck geht. Das Forschungsteam arbeitet daran, die Publikation bis zur Frankfurter Buchmesse im Herbst vorzulegen. Darin sollen auch Module für eine subjektorientierte Praxisentwicklung enthalten sein. Beim Erscheinen der Ergebnisse soll auch eine erste "Antwort" der aej zu den Ergebnissen veröffentlicht werden.