"Wir sagen Ja zu einer Forschung, die am Helfen und Heilen orientiert ist. Wir lehnen jedoch eine Instrumentalisierung oder Verdinglichung des Menschen ab." So fasste der westfälische Präses Alfred Buß am Wochenende 23. bis 25.6.2006 die Haltung der evangelischen Kirche zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen zusammen. Auf einer Diskussionstagung in Iserlohn präsentierten Fachleute neue Forschungsergebnisse, stellten die aktuelle rechtliche und ethische Diskussionslage vor und machten sich in einer abschließenden Podiumsrunde Gedanken über die zukünftige Ausrichtung der deutschen Forschungspolitik.
Eingeladen in die Tagungsstätte Haus Ortlohn hatten die Evangelischen Kirche von Westfalen, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Lippische Landeskirche gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Kompetenznetzwerk Stammzellforschung.
Nach Auffassung des SPD-Bundestagsabgeordneten René Röspel ist eine Liberalisierung der deutschen Gesetzgebung "nach wie vor ausgeschlossen". Seit der Verabschiedung des geltenden Stammzellgesetzes am 25. April 2002 habe sich die Meinungslage im Deutschen Bundestag zum damals gefundenen Kompromiss nicht entscheidend verändert. Danach ist in Deutschland die Vernichtung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken streng verboten. Der Import humaner embryonaler Stammzellen aus dem Ausland ist nur dann zulässig, wenn diese vor dem 1. Januar 2002 erzeugt wurden. Der Grund: Durch inländische Forschungsprojekte sollen nach dem Willen des Gesetzgebers keine Anreize geschaffen werden, weitere menschliche Embryonen zu zerstören.
Das reicht aber vielen nicht aus: Wissenschaftler, die an embryonalen Stammzellen forschen, fordern neuerdings eine weitgehende Abschaffung der deutschen Beschränkungen. Tobias Cantz vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster erklärte: "Wir brauchen Forschung an adulten und embyonalen Stammzellen." Die vor dem Stichtag hergestellten Stammzell-Linien seien aufgrund von Qualitätsverlusten nicht dauerhaft nutzbar. Außerdem werde die wünschenswerte Einbindung in internationale Forschergruppen behindert. Es sei sinnvoll, auch hierzulande die Gewinnung humaner embryonaler Stammzellen zuzulassen.
Demgegenüber erklärte der Vorsitzende des Evangelischen Johanneswerks Udo Krolzik, nach christlicher Überzeugung sei das wissenschaftliche Streben nach neuen Therapiemöglichkeiten zwar zu unterstützen. Aber der Mensch dürfe "über das Geschenk des Lebens nicht verfügen". Daher könne allenfalls die Mitbenutzung bereits existierender Stammzell-Linien akzeptiert werden, nicht aber die fortlaufende Vernichtung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Er warnte vor einem die Menschenwürde gefährdenden "Dammbruch", wenn dies erlaubt würde.