einen wunderbaren "runden" Geburtstag hattest du: am 15. März 2004 wurdest du 90 Jahre alt! Alle in deinen Räumen Musizierenden, auch ich als langjähriger Kantor, gratulieren dir von Herzen!
Wir Musiker - Organisten und Chorleiter - haben deinen Weg seit deinen Anfängen begleitet. Ganz am Beginn mit der Eröffnung deiner Tore war schon die Orgel da, und ihre Töne verschönten deine Gottesdienste, die ja damals von den zwei selbständigen Gemeinden ("Luther Süd" und "Luther Süd-Ost") in deinem neuen und schönen Kirchenraum gehalten wurden.
Dann gab es ab 1921 zuerst einen Kirchenchor ("Lutherchor Süd-Ost"), ein Jahr später sogar zwei große Chöre: 1922 kam der "Lutherchor Süd" dazu und an manchen Proben saßen da 80 bis 100 Sängerinnen und Sänger! Im Zweiten Weltkrieg ergab sich aus den verschiedensten Gründen für beide Chöre eine Zwangspause, später - nach dem Krieg (Du wurdest da auch ein wenig ramponiert, zum Glück nicht ganz zerstört!) - wurden in beiden Gemeinden die großen Chöre neu gegründet, aber bald zu einem einzigen sehr großen Chor verschmolzen.
Die Namen der Chorleiter beider Chöre sollen unvergessen sein: Georg Kammer, E. Reinhard, Lehrer Heineck, Herr Arian (Süd 1922), nach dem Kriege Waldemar Bock (1953-1956), Lutz-Dieter Obst, Adolf Kollbacher, Kurt Altmann, Jan Daube, Erika Weyrich und Kurt Kosel leiteten diese Chormassen. Man sang in den Gottesdiensten und machte darüber hinaus noch Konzerte. Eine Besonderheit: die Pfarrer der Lutherkirche, wenn die Herren nicht sogar mitsangen, kamen am Ende jeder Probe und hielten eine kurze Andacht.
Die Nachkriegszeit brachte eine Umstrukturierung der Gemeinde - man machte große Schnitte in deinen Gemeindebezirk und schuf neue selbständige Gemeinden in den Randbereichen. Die Bevölkerung im Schatten deines Kirchturmes änderte sich: die Alten zogen aus oder starben weg und die nachfolgenden Mieter der Wohnungen waren meist nicht evangelischen Glaubens. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf deinen Chor: er wurde kleiner. Aber er hielt zusammen!
Dies fand Wolfgang Weyrich als Nachfolger von Kurt Kosel 1968 vor. Und er brachte wieder einen zweiten Chor mit in deine Mauern: "seinen" Offenbacher Kammerchor. Am Anfang warst du wahrscheinlich sehr erschreckt und hattest Angst, dass es vielleicht wieder Konkurrenzkämpfe gäbe wie früher schon einmal. Aber das blieb aus. Die Aufgaben waren klar verteilt: der Kirchenchor hatte vorwiegend die Aufgabe, in den Gottesdiensten zu singen. Der Kammerchor hingegen sang überwiegend Konzerte in verschiedenen Gemeinden und Orten der Umgebung.
Es war auch (unter Kurt Kosel?) ein Kinderchor entstanden. Der Kinderchor wurde an Jahren älter. Die Kleinen sangen und wurde schließlich ein Jugendchor, der in seiner Blütezeit sogar vierstimmig, wie die Erwachsenenchöre, singen konnte. Neue Kleine rückten natürlich nach.
Und dann: da gab es plötzlich direkt unter deinem Turm ganz neue Geräusche: die Kinderchorkinder übten im Orff-Kreis auf den neu angeschafften Orff-Instrumenten. Und auf der Bühne piepten bald fast jeden Nachmittag die Blockflöten. Aus dem gesamten Dekanat, also von überall aus Offenbach und Umgebung strömten die Menschen in deine Räume zum Singen und Musizieren. Mir scheint, dich hat es gefreut.
Vergessen habe ich, dich an die etwas lauteren Töne aus den Kellerräumen zu erinnern, die seit vielen Jahren abends deine Mauern erzittern lassen. Die "Kellerkinder", wie wir die beiden Bands scherzhaft nannten, übten alleine.
Wolfgang Weyrich hatte also ein breites Arbeitsfeld: Kinderchor, Jugendchor, Flötenkinder, Orff-Kreis, Kantorei und Kammerchor, Gottesdienste, a-cappella-Konzerte und die sogenannte "Große Kirchenmusik" mit Orchestern.
Für die Kinder, aber auch für Erwachsenen-Chöre, ein Zauberwort: Freizeit! Rod am Berg! In vielen, für den Chorleiter anstrengenden, lustigen Wochenend-Freizeiten wurden Krippenspiele, Kantaten, Motetten, für Konzerte und Gottesdienste, aber auch Kinderlieder - einfach nur zum Spaß - geübt. Die Erwachsenen kannten auch Schlüchtern als Freizeit-Ort und Hammelbach, Ilbenstadt und andere Freizeitheime.
Die Kinder brachten aus den Freizeiten zum Beispiel Kantaten mit: "Daniel in der Löwengrube" von Wolfgang Elger, Günther Kretzschmars "Max und Moritz" oder Carl Orff´s "Weihnachtsgeschichte". Sogar ein "hauseigenes" Krippenspiel war entstanden: Pfarrer Wilhelm Wegner und Wolfgang Weyrich schrieben gemeinsam "Friede auf Erden". Es wurde unzählige Male aufgeführt.
Der Kirchenchor wuchs langsam, inzwischen als "Kantorei der Luthergemeinde", auch in den Konzertbetrieb hinein: es begann 1970 mit Reinhard Keisers "Markus-Passion", gefolgt von Haydns "Theresienmesse" und seiner "Schöpfung". Viele Bach-Kantaten und etliche Passionsvertonungen verschiedener Komponisten erklangen in deinen Räumen.
Der Kammerchor widmete sich zum einen Teil den größeren oratorischen Werken Bachs: "Matthäus-Passion", "Johannes-Passion", "Weihnachtsoratorium", "Messe h-moll", sowie Händels "Messias", Mozart-Requiem und vielen anderen Kompositionen; zum andern Teil hatte der Kammerchor in jedem Jahr ein a-cappella Konzertprogramm: Alle Bach-Motetten, Motetten von Brahms, Bruckner, Distler, Hessenberg, Martin, Poulenc, Duruflé kamen zur Aufführung. Kaum eine Stilrichtung fehlte.
Die größten Oratorien sangen Weyrichs Chöre, auch die Ev. Kantorei Heusenstamm gehörte dazu, gemeinsam, zum Beispiel Mendelssohn "ELIAS", Brahms "REQUIEM", Beethoven, "MESSE C-DUR" und Rossini, "PETITE MESSE SOLENNELLE".
Liebe Luki, wie wir dich seit langem zärtlich nennen, jetzt hast du einen neuen, einen jungen Kirchenmusiker, Tobias Koriath, der mit viel Schwung und Spaß bei der Sache ist und dir hoffentlich weiterhin viel Musik beschert, so wie du es seit Anfang gewohnt bist. Das wünschen wir, das wünsche ich dir!
Wolfgang Weyrich
(Kantor, Organist der Luthergemeinde und Dekanatskirchenmusiker von 1968 bis 2000)