90 Jahre Lutherkirche

Teil 2: Die Lutherkirche - das Gebäude

Der Grundstein für die Lutherkirche wurde am 18. August 1912 gelegt, und mit einem Festgottesdienst am 15. März 1914 wurde die Lutherkirche eingeweiht. Da also das Gebäude jetzt (2004) seinen 90. Geburtstag feiert, soll nun seine bauhistorische Einordnung und die weitere Entwicklung beschrieben werden.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es bei Neubauten eine Vielfalt praktizierter Baustile. In unserer Stadt findet man neben einfachen Zweckbauten noch heute erhaltene Gründerzeit-Häuser mit eindrucksvollen repräsentativen Fassaden mit Erkern, Balkonen und Säulen in reichhaltiger Ausgestaltung; ein Beispiel dafür befindet sich bei dem Offenbacher Hauptbahnhof: Das Eckhaus zeigt an der Bismarckstraße in einem Sandstein-Medaillon ein Bismarck-Portrait, an der Kaiserstraße das Portrait eines deutschen Kaisers. Andererseits entstanden auch Häuser mit typischen Jugendstil-Fassaden; eines der schönsten Beispiele hierfür stellt wohl das "Pfauenhaus" in der Luisenstraße 5 dar. Mischformen aus beiden Baustilen kann man im Gemeindebezirk der Luthergemeinde unter anderem in der Karlstraße in dem Bereich zwischen Bieberer Straße und Bismarckstraße sehen. Bei manchen Gebäuden zeigt sich die Jugendstil-Gestaltung aber auch erst im Inneren; hierzu gehören die "Oberrealschule am Friedrichsplatz" (1911, heute Albert-Schweitzer-Schule) und die "Technischen Lehranstalten" (1913, heute Hochschule für Gestaltung), deren Außengestaltung die Gründerzeit erkennen lassen, sowie unsere Lutherkirche mit ihrer äußeren Schlichtheit.

Das architektonische Konzept und die Planung der Lutherkirche stammen von Friedrich Pützer (1871-1922), der in Darmstadt an der Technischen Hochschule ordentlicher Professor für Städtebau und Kirchenbau war und zugleich Kirchenbaumeister der Evangelischen Kirche im Großherzogtum Hessen. Auf seinen beiden Arbeitsgebieten leistete er Bedeutendes.

Als Städtebauer hat er neue Stadtviertel bei Stadterweiterungen geplant, wie sie am Anfang des 20. Jahrhunderts überall notwendig wurden; in unserer Nähe plante Pützer die Villenkolonie in Buchschlag und eine Arbeiterkolonie für die Firma Merck in Darmstadt-Arheilgen. Und nach seinen Plänen wurden 14 Kirchen gebaut, darunter die Matthäuskirche in Frankfurt (1905) an der Friedrich-Ebert-Anlage zwischen Hauptbahnhof und Messegelände, die Pauluskirche in Darmstadt (1907), die Lutherkirche in Wiesbaden (1911), die Lutherkirche in Worms (1912), die Friedenskirche in Offenbach (1912) und die Lutherkirche in Offenbach (1914). Sein bekanntestes Werk dürfte der Darmstädter Hauptbahnhof sein.

Im 19. Jahrhundert hatte sich der Kirchenbau historischen Baustilen zugewandt, was sich noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts auswirkte; so ist zum Beispiel die Gustav-Adolf-Kirche in Offenbach-Bürgel (1903) neugotisch und die katholische Marienkirche in Offenbach in der Bieberer Straße (1913) neubarock geprägt. Demgegenüber versuchte Pützer, mit seinen Kirchen einen neuen Aufbruch des protestantischen Kirchenbaus mit zu prägen. Diese Neuorientierung hatte 1891 begonnen, als anlässlich des Baus der Ringkirche in Wiesbaden das "Wiesbadener Programm" formuliert wurde, worin liturgische Bedürfnisse stärker berücksichtigt sind:

  1. Das Kirchengebäude sollte nicht mehr als "heiliges Haus" verstanden werden, sondern es sollte vielmehr als Versammlungsort der Gemeinde dienen.
  2. Die Einheit der Gemeinde und das Priestertum aller Gläubigen erforderte einen einheitlichen Kirchenraum, so dass es eine Teilung in mehrere Kirchenschiffe sowie ein Trennung in Schiff und Chor nicht geben sollte.
  3. Das Abendmahl wird mitten in der Gemeinde gefeiert, nicht in einem getrennten Raum; daher soll der Altar als Tisch des Herrn einen Umgang besitzen, und alle Sehlinien sollen auf ihn hinführen.
  4. Die Kanzel ist der Ort, an welchem Christus als die heilige Speise der Gemeinde dargeboten wird. Sie soll dem Altar mindestens gleichwertig sein, und sie soll sich deshalb hinter dem Altar befinden; und die Kanzel soll zusammen mit Altar, Orgel und Sängerbühne eine Einheit bilden.

Diese Forderungen beziehen sich auf die innere Gliederung des Kirchenraums, und sie schreiben keinen speziellen Baustil vor. Damit wurde nun also kein Baustil mehr als an sich "religiös" empfunden, so dass man sich der damaligen Gegenwartskunst, dem Jugendstil, öffnen und in diesem Sinn "modern" sein konnte. Zugleich erlaubte es der erste Punkt des Wiesbadener Programms, auf das soziale Umfeld sowie auf die Bedürfnisse des Gemeindelebens einzugehen - und so konzipierte Pützer das Gebäude für die Lutherkirche nicht einfach als eine Kirche, sondern als eine "Gruppenanlage": ein Gemeindezentrum, das im Obergeschoss den Kirchenraum, im Erdgeschoss einen Gemeindesaal mit Bühne und zwei Konfirmandensäle enthält, weiter eine Anzahl kleinerer Räume zur beliebigen Verwendung, die Amtsräume und die Wohnungen für die beiden Pfarrer sowie zwei Küsterwohnungen, alles unter einem Dach. Die symmetrische Anlage begünstigte die vorgesehene Nutzung des Gebäudes durch zwei selbständige und voneinander unabhängige Gemeinden, die Lutherkirchengemeinde-Süd und die Lutherkirchengemeinde-Südost: Alle Räumlichkeiten waren so angeordnet, dass kein Benutzer, Mitarbeiter, Gemeindekreis im Vergleich zu den Mitbenutzern der anderen Gemeinde etwa durch die Raumvergabe Vor- oder Nachteile haben sollte.

Die Lutherkirche ist kein charakteristischer Kirchenbau im zuvor üblichen Sinn; sie steht nicht isoliert, und sie besitzt keinen eigenständigen Kirchturm. Vielmehr ist sie in die umliegende Bebauung der Waldstraße eingebunden; während die Fronten der damaligen Nachbarhäuser reich gegliedert waren, wird unser Kirchengebäude nur durch den großen Dreiecks-Giebel und den Dachreiter mit Kreuz hervorgehoben. In der Entwurfszeichnung für die geplante Lutherkirche trägt das Haus an der Straßenseite das Christus-Wort "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"; im Gegensatz dazu zeigt die Außenansicht seit der Fertigstellung "Ein feste Burg ist unser Gott", die Anfangszeile desjenigen Chorals, den Martin Luther im Anschluss an den 46. Psalm gedichtet hat. Der Grund für diese Änderung ist uns heute nicht bekannt; der Text mag dem damaligen Zeitgeist entsprochen haben.

Bezeichnend für die Lutherkirche ist der Gegensatz zwischen innen und außen. Während das Äußere manchem Betrachter als abweisend erscheint, ist das Innere freundlich und einladend, und es wird durch die hier tätigen Menschen geprägt. Betrat man 1914 das Kirchengebäude durch einen der beiden Haupteingänge von der Waldstraße aus, so wurde man in der Vorhalle durch Sprüche über den Eingangstüren zum Gemeindesaal begrüßt: "Freuet euch in dem Herrn allewege" und "Die Freude am Herrn ist eure Stärke". Im Vorraum des eigentlichen Kirchenraums im Obergeschoss ist zwischen den beiden Fenstern eine Büste Martin Luthers aufgestellt, und darüber befand sich an der Wand der Spruch "Der Gerechte wird seines Glaubens leben", über dem Eingang zum Kirchenraum das Wort des Apostels Paulus "Das Evangelium von Christus ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben".

Die heutige innere Ausgestaltung des Kirchenraums entspricht mit ihrer Jugendstil-Ausmalung im wesentlichen derjenigen von 1914, mit einigen Ausnahmen:

  • Die großen Seitenfenster enthielten im oberen Teil die Bilder der zwölf Apostel.
  • Der heutige Altar und die heutige Kanzel sind nicht original; Taufbecken und Lesepult gehörten damals nicht zur Ausstattung.
  • Im oberen Abschluss der Kanzel-Nische stand geschrieben "Heilige uns in deiner Wahrheit".
  • Der große Rundbogen parallel zum Orgelprospekt trug den Text "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat".
  • Die Brüstungen der Emporen waren geschwungen und mit Ornamenten verziert.
  • Hinter der Altarwand befand sich die Taufkapelle mit drei gemalten bunten Fenstern "Geburt Jesu", "Jesus der Kinderfreund", "Die Taufe Jesu"; die Mitte des Raumes nahm der Taufstein ein, und von der Taufkapelle führte die Treppe zur Kanzel.

Durch Kriegseinwirkungen zerstört sind die Fenster im Kirchenraum und in der Taufkapelle. Seit den fünfziger Jahren war es in der Lutherkirche Praxis geworden, dass die Taufen im Gottesdienst gefeiert wurde, so dass die Taufkapelle seitdem ihre Funktion verloren hat. Die restlichen Änderungen stammen von der Innenrenovierung der Jahre 1956/57. Der Jugendstil war damals noch nicht als eigenständige Kunstrichtung akzeptiert; es galt als modern, die farbenfreudige Jugendstil-Bemalung durch ein "freundliches Hellgrau" zu übermalen, und entsprechend wurde der Kirchenraum und die weiteren Gemeinderäume umgestaltet, im Erdgeschoss sogar die Holztüren und die hölzernen Wandverkleidungen hellgrau gestrichen. Zugleich wurde im Kirchenraum die Kanzel aus der Hauptachse des Raumes genommen, wie es schon 1948 beim Aufbau der kriegszerstörten Stadtkirche in der Herrnstraße geschehen war. Die geschwungenen Emporen-Brüstungen wurden durch hellgraue Spanplatten ersetzt. Die Altarwand einschließlich des Orgelprospekt wurde verstellt - jedoch wurden diese nicht zerstört.

Dies erlaubte dann, die in den Jahren 1983/84 erneut erforderliche Renovierung des Innenraums als Restaurierung zu gestalten: Die Ausmalung von Wänden und Deckengewölbe erfolgte nach historischem Befund; der Orgelprospekt wurde im Kirchenraum wieder sichtbar, die Kanzel fand wieder ihren Platz hinter dem Altar, und der Aufgang zu ihr erfolgt von nun an im Angesicht der Gemeinde. Damit ist die ursprüngliche Beziehung zwischen Altar, Kanzel und Orgel wiederhergestellt. Seit zwanzig Jahren ist nun die Gemeinde wieder in ihrer Jugendstil-Kirche zuhause, wo auf glückliche Weise sakrale Würde und menschliche Nähe verbunden sind. Das Gebäude gilt zwar inzwischen als "Offenbacher Baudenkmal", jedoch bezieht sich dies mehr darauf, dass in unserer Stadt vergleichsweise wenig ältere Bauten erhalten sind. Die Gemeindeglieder empfinden ihr Kirchenhaus nicht als "historisch" in dem Sinn, dass es eine Art Museum wäre, sondern sie akzeptieren im täglichen Umgang das Gebäude als "ihre" Kirche; hier findet das vielfältige Gemeindeleben statt, und hier praktizieren wir unseren heutigen Glauben - und der unterscheidet sich in einzelnen Aspekten deutlich von manchen Auffassungen der früheren oder der Zwischenzeit, aber das ist eine andere Geschichte.

Karl Hainer