Gemeinschaft und Gastfreundschaft

Wenn ich an unsere Zeit in der Luthergemeinde zurückdenke, dann sind natürlich neben den vielen Begegnungen mit Menschen die örtlichen und räumlichen Gegebenheiten deutlich in Erinnerung geblieben.

Es war schon ein bedeutender Unterschied zwischen unserem Leben und Arbeiten in San Francisco und den Bedingungen in Offenbach, aber mit der Zeit sind wir besonders in der Lutherkirche heimisch geworden. Was zur Straße als "feste Burg" nicht nur architektonisch in Erscheinung tritt, hat in seinem Inneren und auch in Hof und Garten ganz andere, viel ansprechendere Seiten. Wir haben immer viel Wert darauf gelegt, dass ein verständnisvoller und kooperativer Umgang der Hausbewohner und der Mitarbeitenden in der Lutherkirche auch auf das gesamte Gemeindeleben ausstrahlt. Gemeinschaft und Gastfreundschaft in diesem Sinne wurde auch den Jugendbands im Keller, den Obdachlosen auf dem Hof und den ausländischen Nachbarinnen und Nachbarn zum Gemeindefest mit geöffneten Toren der "festen Burg" zuteil.

Als ein Teil dieser Gemeinschaft entwickelte sich auch unsere (Groß-)Familie. Schon nach einem Jahr machte es der KV möglich, dass wir unsere Pfarrwohnung mit einer befreundeten Familie teilten. Mit deren erstem Kind waren wir zuerst 5 Personen, zu denen dann noch 3 Kinder hinzu geboren wurden. Unsere jüngste Tochter Leonie ist 1995 sogar als Hausgeburt mit Hintergrundunterstützung der Küsterin Hedwig Gendera in der Lutherkirche geboren.

Da ich darum gebeten wurde lustige Begebenheiten in meinen Text einzubauen, möchte ich an dieser Stelle eine solche erzählen, die ebenfalls viel mit dem Gebäude und auch mit der Atmosphäre in ihm zu tun hat.

Unsere Pfarrwohnung lag direkt oberhalb des einen großen Sitzungsraumes. An einem Freitagabend war ich zuständig fürīs Zubettbringen der Kinder, als ganz seltsame Töne zu uns nach oben drangen. Von den stimmlichen Schwankungen und den unverständlichen Lauten her war kaum an eine menschliche Stimme zu denken, so dass unsere ältere Tochter Phyllis angstvoll einen Geist in unserem Hause vermutete. Ich hatte schon eine Vorahnung, was es sein könnte, deshalb wollte ich mit ihr den Geist inflagranti ertappen und machte mich mit ihr im Haus auf die Suche. Je weiter wir nach unten kamen, desto schrecklicher wurden die Laute. Vor der Tür des Sitzungszimmers angekommen, klopften wir vorsichtig an. Der Geist verstummte und eine Stimme bat uns herein. Sie ahnen wahrscheinlich wen wir antrafen: Es war die Stimmbildnerin des Kammerchores, die mit Einzelnen des Chores intensiv arbeitete. Nachdem meine Tochter gehört und gesehen hatte, wo die Laute her kamen, konnte sie beruhigt einschlafen.

Räume und Orte prägen Menschen. Diese Erkenntnis begegnet mir in meiner jetzigen Tätigkeit als Landesschülerpfarrer in vielfältiger Weise. Wie die Jugendlichen im Bandkeller brauchen Kinder und Jugendliche Räume und Freiräume um sich entwickeln zu können. Diese zu schaffen in Jugendarbeit und Schule gehört zu meinen Aufgaben in unserer Landeskirche.
Meine Frau hat weiterhin die Pfarrstelle in Cleeberg und Espa und wir fühlen uns an diesem wieder ganz anderen Ort, einer kleinen Landgemeinde im nördlichen Taunus, bis heute sehr wohl...und freuen uns über Besuch, der z.B. hier auf dem Elisabethweg wandern kann. Unsere Kinder werden bald schon 9 und 11 Jahre, doch zu den beiden anderen Kindern der Großfamilie besteht noch heute ein nahezu geschwisterliches Verhältnis.

Wir wünschen der Luthergemeinde, dass dort weiterhin Junge und Alte in ihrem Glauben geprägt werden, ob durch die dortigen Räume und Freiräume oder die Menschen, von denen uns viele noch in lebendiger Erinnerung sind.

Gottes Segen zum Jubiläum der Luthergemeinde wünscht die

Familie Jung-Hankel
(Lothar Jung-Hankel war von 1990 bis 1996 Pfarrer in der Luthergemeinde)