Luki locker

Ein paar Erinnerungen von Wilhelm Wegner

Die Schlüsselfrage

Ein besonderes Thema der Lutherkirche war von jeher der Umgang mit den Schlüsseln, es war sozusagen die Schlüsselfrage der Luki.
Nachdem über Jahrzehnte die Bünde und Eisenringe für die Dutzende von alten und neuen, Bart- und Sicherheits-, schweren, langen und kurzen Schlüsseln immer dicker geworden waren, entschlossen sich Ende der siebziger Jahre Mitarbeiter, Pfarrer und Kirchenvorstand zur Installation eines neuen umfassenden und differenzierten Schließsystems für alle Türen, innen und außen.

Aber wer nun gedacht hatte, damit seien alle Probleme gelöst gewesen - Pustekuchen.

In der Sakristei stand ein Schrank, in welchem die Abendmahlsgeräte wohl verwahrt waren. Dieser Sakralschrank hatte natürlich auch einen Schlüssel - der selbstverständlich nicht zur Gebäudeschließanlage gehörte. Aber wo war er, wenn die Küsterin Urlaub hatte? Wahrscheinlich in einem der Wandschränke in den Amtszimmern der Pfarrer, denn hier gab es seit 1914 kleine Schlüsselhaken. Nein, wir hatten in der Besenkammer unter der südlichen Treppe ein zentrales Schlüsselbrett mit vielen Haken und Beschriftung eingerichtet.

Aber an dem Sonntagmorgen, als es darauf ankam, war auch hier der gesuchte Schrankschlüssel nicht zu finden. Alles Suchen und Stöbern half nichts. Zwar fand ich Servietten und Kerzen und Weihnachtsbaumschmuck, aber den Zugang zum Abendmahlsgerät mit seinen Kannen und Kelchen, Oblaten und Tellern nicht. Was tun? Den schönen Schrank mit Gewalt aufbrechen?

Zum Glück war ich als Pfarrersmann auch Familienvater und verfügte über einen reichhaltigen Schatz an Haushaltsgegenständen für eine stattliche Familie. Zu den gesammelten Trinkgefäßen gehörte auch ein ordentliches Sortiment vornehmer Probiergläser mit Stiel, die unser Weinhändler Jahr um Jahr ergänzte. Als ob sie für keinen anderen Zweck geschaffen seien, standen nun die Weingläser in Reihe drapiert auf dem Abendmahlstablett - zur nicht geringen erst Ver- und dann Bewunderung der beteiligten Kirchenvorstandsmitglieder, die erleichtert die Glocken abstellten.

Blütenträume

Man soll nicht glauben, welche Vorteile in manchen scheinbaren Nachteilen stecken. Es war einmal im späten Herbst, Mitte der achtziger Jahre. Sonntagmorgen, bald ist Gottesdienst. Ich weiß, dass ich den Dienst der Küsterin miterledigen muss. Die Liednummern sind anzustecken, die Türen aufzuschließen. Die Kerzen werden erst kurz vor zehn angezündet. Alles in Ordnung?

Die Blumen auf dem Altar - es sind keine da! Ich habe vergessen, rechtzeitig welche zu besorgen. Was tun? Ich eile in den Garten hinter der Lutherkirche. Ob ich jetzt noch irgendwas Brauchbares an blühenden Pflanzen finde? In der Hand ein Küchenmesser durchstreife ich das Gelände. Alles verwelkt, braungeregnet oder vertrocknet. Doch da: zwei bizarre Pflanzen, Weidenröschen mit ihrem seidigen Samenschweif. Das könnte gehen, wenn es auch Unkraut ist. Aber es reicht nicht. Hier noch eine Girlande vom Knöterich, dort eine herbstliche Weinranke. Aber nichts blüht so richtig.

Ich gehe noch in das Gärtlein von Maria, der Mitbewohnerin im Dachgeschoss. Und was erblicke ich? Drei wunderhübsche Blütenpflanzen. Ich wusste gar nicht, wie schön die zarten Blüten des Kohlrabi sind. Normalerweise wird er ja geerntet, bevor er zum Blühen kommt. Und im Spätsommer wird das Beet von allen Resten befreit. Nicht so hier bei Maria. Sie hat es wachsen lassen. O Maria, für Deine unorthodoxe Gartenbaumethode hätte ich Dich umarmen mögen. Die Kohlrabipflanzen schmückten originell und floristisch apart den Altar. Die Ehre des zum sorgfältigen Küsterdienst untauglichen Pfarrers hat Kohl gerettet.

Der Jude im Keller

Als Gemeindepfarrer ist man Anlaufstelle für sehr unterschiedliche Menschen. Mit der Zeit lernte auch ich in Offenbachs Innenstadt mich darauf einzustellen. Ein gutes Training für mich war meine erste Pfarrstelle im Hochhausgebiet Dietzenbachs, das hessenweit mit seiner bunten Bewohnerschaft Schlagzeilen gemacht hat.

Eines Tages während der Sommerferienzeit - wir hatten schon früh Familienurlaub gemacht - klingelt an der Tür des Pfarramts ein etwa 60jähriger hagerer Mann. Er gibt sich als deutscher Jude aus Russland zu erkennen, der vor einigen Jahren nach Israel emigrierte, nun aber in Deutschland Bleibe und Arbeit suche. Er spricht fließend deutsch, wenn auch mit einigen altertümlichen Wendungen und jiddischen Vokabeln. Er kommt zu mir (die Lutherkirche ist eben in Bahnhofsnähe), um mich um Hilfe zu bitten. Erst denke ich, er gehe ihm darum, etwas zu essen und zu trinken zu bekommen. Dann verstehe ich, dass er eine Bleibe sucht. Er will auch nicht in irgendein Hotel, nein, er bittet um Asyl. Und zwar auf eine Weise, die ihm erlaubt, sich gänzlich zu verstecken. Er hat Angst vor Verfolgern, panische Angst. "Die Männer mit ihren Maschinen" seien hinter ihm her. Er reist um die halbe Welt, um ihnen zu entkommen. Um was für Maschinen mag es sich handeln? Eine Rückübersetzung ins Hebräische gibt Aufklärung: er meint Autos. Ich kann zwar keine Verfolger entdecken, aber ich will ihm helfen. Da Ferienzeit ist, wird der Jugendkeller im Augenblick nicht frequentiert. Ich bringe ihn dort unter, hole ihm zu essen und zu trinken, eine Decke.

Er bleibt zwei Tage, ohne die Speisen anzurühren. Voller Angst redet er immer wieder von seiner Entdeckung, Entführung, Verfolgung. Der Mann ist offenbar psychisch krank. Aus seinen Wahnideen kann ich ihn nicht herausholen. Schließlich hat er ein neues Ziel, er will in eine andere Stadt. Da ich ihm anders nicht helfen kann, bin ich erleichtert, ihm eine Fahrkarte kaufen zu können, damit er seine Flucht fortsetzen kann.

Wer hätte gedacht, dass ich in der Mitte der achtziger Jahre als evangelischer Pfarrer im Keller der Kirche einen Juden zu verstecken hatte?!

Namensgebung

Selbst heute noch, über 120 Jahre nach Einführung der Standesämter, glauben etliche (jüngere) Mitmenschen, ein Kind erhalte seinen Namen bei der Säuglingstaufe. Dass der Name deutlich genannt wird, wenn ein Mensch, egal welchen Alters, zum Christen getauft wird, hängt mit seinem Personsein, seiner Unverwechselbarkeit zusammen, die wir darin begründet sehen, dass Gottes liebevolle Zuwendung diesem einmaligen Menschen gilt. Wer einem Lebewesen oder einer Sache einen Namen gibt, verdeutlicht damit zugleich die Beziehung, die er zu dem Benannten hat. Oft genug hält der Volksmund an Bezeichnungen fest, die treffend und lebenspraktisch und eingefleischt sind. So war es mit der Knochemihl (Straßenbahn), dem Nassen Dreieck oder dem Streichholzkarlche. Wie nichtssagend, weil beziehungslos sind dagegen behördliche Kunstnamen aus dem Wörterbuch des Bürokraten: Technisches Rathaus, Nordweststadt, EntsorgungsGmbh.

In der Lutherkirche gab und gibt es Winkel und Ecken, Räume und Nischen, die nach eingängigen Namen gerufen haben. Die Lage des Gebäudes lässt es durch eine Symmetrieachse in eine nördliche und eine südliche Hälfte teilen. Seiteneingänge, Treppenhäuser und viele Räume sind symmetrisch angeordnet, so dass diese Hemisphärenbenennung eigentlich nahe liegt. Nun hießen aber die ersten beiden Gemeinden (!), die gemeinsam, abwechselnd und abgegrenzt das Gebäude Lutherkirche benutzten, bezogen auf das Ganze Offenbachs Gemeinde Süd und Gemeinde Südost. Entsprechend hießen die zuständigen Pfarrämter. Durch die Vereinigung der beiden Gemeinden zu einer mit zwei Pfarrämtern (wobei die Paul-Gerhardt-Gemeinde herausgegründet wurde) kam es zur Benennung der Pfarrbezirke in Ost und West.

Der Pfarrer im Pfarrhaus Süd, zuständig für den Bezirk Ost, konnte also durch den Eingang Nord das Gebäude betreten; zwei Konfirmandensäle, zwei Klausen, zwei Kirchentreppenhäuser...

Mit den Klausen (das sind die Räume über den Toiletten) fing ich an: die südlich gelegene sollte ein einladender Raum für kleine Gruppen von Erwachsenen sein, eine Stube für Gespräch und Besinnung. Es wurde das "Lutherstübchen".
Für kleinere Kinder(-gruppen) wurde die nördliche Klause hergerichtet. So entstand die "Kinderklause".

Im großen Treppenhaus steht seit Jahrzehnten ein gewaltiger Stahlschrank zur Aufnahme von Dokumenten. Nachdem wir in die Pfarrbüros kleinere Stahlschränke für Kassen, Kartei und ähnliches gestellt hatten, entstand auch hier Verwechslungsgefahr. Der große Erstgeborene wurde rasch zum "Eisernen Hans".

Ein lange Zeit kaum geachteter Raum war der Vorraum vor der Orgelempore. Nach Renovierung und passender Möblierung konnte dieser schöne Saal zum Musizieren mit dem Orff'schen Instrumentarium genutzt werden. Die Namensfindung war kein Problem. Der Kantor hatte sein "Orffeum".

Dass die Lutherkirche unter Kindern und Jugendlichen seit Jahrzehnten schon Luki hieß, entdeckte ich erst, als ich für mich diese Abkürzung "neu" erfunden hatte. Mit meinem Freund Michael Schwenn (er kam 1976 an die Luki, ich selbst 1977) machte ich den Vorschlag im damaligen Kirchenvorstand, ein Gemeindefest zu planen - was heute eine jährliche Selbstverständlichkeit ist. Da die Vorstellung, wie ein Gemeindefest sein solle, in den Köpfen der Beteiligten nicht nur Fest, sondern auch recht fest schien, kam ich spontan auf das Motto: Luki locker. Und das ist es zugleich, was ich dieser festgemauerten Trutzburg für die Zukunft wünsche. Sie hat innen immer mehr gehalten als sie außen versprach.

So bleibe sie: Luki locker!

Wilhelm Wegner
(Pfarrer an der Lutherkirche von 1977 bis 1993)