Dem Rad in die Speichen fallen

"Bonhoeffer war kein Vaterlandsverräter, sondern Zeuge Jesu Christi"

Mit einem Gottesdienst in der evangelischen Kirche von Flossenbürg und einer anschließenden Gedenkstunde in der KZ-Gedenkstätte hat am 10. April 2005 die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern den Theologen Dietrich Bonhoeffer geehrt. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers ermordet. Die Predigt von Landesbischof Johannes Friedrich wollen wir nachfolgend in Auszügen veröffentlichen:

War Dietrich Bonhoeffer nun ein "evangelischer Heiliger"?, wie ihn in den letzten Tagen große Medien mehrfach genannt haben? Ja, ich könnte ihn so nennen, wenn ich sehe, wie konsequent und kompromisslos er den christlichen Glauben gelebt hat. Er hat für das, was er geglaubt hat, sein Leben gewagt und verloren. Und er ist bis ganz zuletzt an dem, was ihm die braunen Machthaber antaten, nicht zerbrochen, sondern bewahrte seinen Glauben, seine Liebe und seine Hoffnung. So etwas ringt mir, ringt wohl jedem Hochachtung ab.

Die Gefahr, Bonhoeffer einen "evangelischen Heiligen" zu nennen, liegt darin, dass wir ihn als Evangelische Kirche allzu leicht für uns vereinnahmen. So, als hätte unsere Kirche zwischen 1933 und 1945 insgesamt treu und überzeugt zu Dietrich Bonhoeffer gestanden. Das hat sie aber nicht getan. Im Gegenteil: Auch in den Augen so mancher Persönlichkeit in der Kirche galt er als volkszersetzendes Element. In gewisser Weise hatte sich die Kirche mit dem Staat arrangiert. Und sie hatte die Augen verschlossen vor dem, worauf Bonhoeffer den Finger legte. Und so hat man nach dem Krieg den Theologen Bonhoeffer erst einmal verdrängen wollen.

[...] Deshalb kann die Kirche, können wir heute Dietrich Bonhoeffers nicht gedenken, ohne zugleich das eigene Versagen zu bekennen. Andererseits kann das Gedenken an ihn ein guter Anlass sein, dass wir uns auf das besinnen, was er nicht nur gelehrt, sondern eben auch vorgelebt hat.

Dietrich Bonhoeffer war kein Vaterlandsverräter. Und er war auch kein notorischer Oppositionsgeist. Sein politisches Denken und Handeln war nichts anderes als die konsequente Lebensgestalt seines Glaubens. Die Inschrift auf der Tafel hier in der Kirche zu Flossenbürg bringt genau auf den Punkt, was er war: "Dietrich Bonhoeffer, ein Zeuge Jesu Christi unter seinen Brüdern".

Es ist das intensive Studium der Bergpredigt Jesu, das für ihn zu Beginn seiner akademischen Lehrtätigkeit und noch vor seiner politischen Kritik grundlegend wird. [...] Kompromisslose Sätze, die ihn zu der wichtigen Erkenntnis gebracht haben: Es geht um die Nachfolge Christi, also nicht nur um unseren persönlichen Glauben, sondern um die Lebensgestalt unseres Glaubens. Persönlicher Glaube und verantwortliches Handeln gehören zusammen. Nachfolge ist ein Weg. Darin ist Dietrich Bonhoeffer vorbildlich, dass er diesen Weg gegangen ist und ihn nicht nur gelehrt hat. Sein Glaube an Jesus Christus führte ihn dazu, sich ihm ganz in der Nachfolge hinzugeben.

Ganz deutlich wird das, als Bonhoeffer sich bereits 1933 kritisch mit der rassistischen Staatsideologie der braunen Machthaber auseinandersetzt. Die Verfolgung und Unterdrückung der Juden fordern den jungen Theologen zum Widerspruch heraus. Die Juden sind nicht weniger als die Christen Gottes Volk. Der neue Bund Gottes in Christus bedeutet nicht, dass Israel, das Volk des alten Bundes, enterbt ist. Dies hat die Kirche, haben die Christen zu bezeugen. Antisemitismus widerspricht dem christlichen Glauben. Und wenn gar noch die Kirche zum Antisemitismus genötigt werden soll, wie es mit der Forderung geschah, dass auch die Kirche bei sich den Arierparagraphen einführen und alle Pfarrer mit jüdischer Herkunft aus dem Dienst entfernen solle, dann müssen Christen dem widersprechen und Einhalt gebieten.

In den kirchlichen Kreisen jener Zeit wurde dies weithin nicht so gesehen. Antisemitismus war ein weit über den Nationalsozialismus hinaus verbreiteter Zeitgeist ­ auch unter Theologen. Die Kirche selbst hatte sich davon keineswegs befreit. Das ging bis in die christliche Verkündigung selbst hinein: Für nicht wenige Christen waren die Juden die, die Jesus ans Kreuz geschlagen hatten. "Die" Juden, sagte man. Und überall, wo "die" Juden gesagt wird, herrscht auch heute wieder Antisemitismus.

Es ist eine traurige Tatsache, dass Antisemitismus, dass Judenfeindlichkeit, heute schon wieder ein europaweites Problem ist. In Deutschland gibt es ihn auch wieder. Das ist zutiefst beschämend. Denn: Die Juden sind unsere älteren Geschwister desselben Vaters im Himmel, wie es der verstorbene Papst Johannes Paul trefflich ausgedrückt hat. Christen können keine Antisemiten sein. Jesus war selbst Jude. Und wenn wir unseren Glauben nicht verraten, sondern in der Nachfolge Christi leben wollen, können wir von Dietrich Bonhoeffer lernen, deutlich Widerstand zu leisten, wo heute der Antisemitismus sein Gift verströmt. "Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen", schreibt Bonhoeffer der Kirche einmal ins Stammbuch. Man kann als Christ nicht den biblischen Gott verehren ohne Protest gegen den Antisemitismus.

[...] Kirche, das war Bonhoeffers Überzeugung, ist kein Selbstzweck. Kirche ist nicht für sich selbst und um ihrer selbst willen da. Als Kirche Christi ist sie "Kirche für andere", wie Jesus Christus Mensch für andere war. Er hat für uns, also für die anderen, gelitten und ist für uns am Kreuz gestorben. So ist die Kirche Anwältin der Menschen, die die Opfer sind, besonders dann, wenn sie Opfer staatlicher Willkür geworden sind. [...] Sie ist, wie es in seinem Vortrag "Die Kirche vor der Judenfrage" heißt, den Opfern verpflichtet, die unter die Räder gekommen sind. Und sie muss notfalls dem Rad, das Opfer produziert, in die Speichen fallen. Das gehört zur Nachfolge Christi. Und Christ sein ist Nachfolge, fordert den Einsatz des ganzen Lebens für Christus. Dabei macht Nachfolge vor dem Leiden und Erleiden nicht halt. Christus nachfolgen ­ das geschieht nicht nur im Tun, sondern auch im Erleiden.

[...] Heute redet es sich zuweilen leicht über "Widerstand". Redlich ist nur ein Widerstand, der auch zum Leiden bereit ist. Die Toten des 9. April 1945 haben politische Verantwortung übernommen und dabei die persönlichen Leiden nicht gescheut. Darin besteht Zivilcourage. Bonhoeffer nennt Zivilcourage eine "freie, verantwortliche Tat auch gegen Beruf und Auftrag". Heute hätte er vielleicht gesagt: ...auch gegen den "Mainstream" oder gegen die "political correctness". Zu Bonhoeffers Zeiten schaute man nach oben und tat gehorsam, was die Vorgesetzten verlangten. Heute tun die meisten das, was im Trend liegt und was alle machen. Der Unterschied ist nicht so groß! Zivilcourage aber verlangt, entgegen dem Trend den Mund aufzutun für die Stummen und die Sache derer, die verloren sind. Dabei ist das Handeln nie isoliert zu betrachten, sondern es ist Akt des Glaubens.

Die Kirche lebt aus Gottesdienst und Gebet. Das ist eine tiefe Grundüberzeugung Dietrich Bonhoeffers. Seine Formel "Beten und Tun des Gerechten" hat ja ihr Vorbild in der alten Mönchsregel "Ora et labora ­ Bete und arbeite". Eine Kirche, die sich auf Gottesdienst und Gebet beschränkt und nicht den Mund auftut für die Stummen und die Sache derer, die verloren sind, verfehlt die Nachfolge Christi genauso wie bloßer politischer Aktionismus, der nicht in Gebet und Bibelstudium gründet.

[...] Bonhoeffer hat einen Tag vor seiner Hinrichtung klar seinen Tod vor Augen gesehen. Einem englischen Mitgefangenen gibt er eine Botschaft an den Bischof von Chichester mit: "Sag ihm, das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens". Das sind seine letzten überlieferten Worte. Sein eigenes Ende birgt er in einer tiefen persönlichen Auferstehungshoffnung, er vertraut sich wie im Leben so auch im Tod Gott an. [...] So fallen Todesgedanken und Gotteslob nicht auseinander. Im Angesicht des Todes lobt Bonhoeffer Gott. Gerade das Lob Gottes hat ihn stark gemacht zum Widerstehen, aber genauso stark gemacht auf seinem letzten Weg an den Galgen. Beten und Tun des Gerechten.

Liebe Gemeinde, Gott hat diesen Dietrich Bonhoeffer zum Zeugen Jesu Christi gemacht. Wir danken Gott für ihn. Ein Zeuge ist wie ein Zeiger. So zeigt Bonhoeffer nachdrücklich auf Christus hin. Dieser Christus ist mächtig und treu. Denn er hat dem, der ihm nachfolgte, Kraft gegeben zur Zivilcourage, dass er seinen Mund auftat für die Stummen und die Sache derer, die verloren waren, und er hat ihm Kraft gegeben in den tiefsten Anfechtungen von Leiden und Tod, so dass er daran nicht zerbrach. Dieser Christus ruft auch uns in die ganzheitliche Nachfolge.

Möge die Kirche, möchten die Christen doch beides immer neu lernen: den Mund aufzutun zum Lob Gottes und für die Stummen. Gott helfe uns dazu. Amen.

Der vollständige Wortlaut der Predigt ist hier als pdf Datei zu lesen.